Judenhass ist in Europa, im Mittleren Osten und in den Staaten der ehemaligen Sowjetunion auf dem Vormarsch. Das geht aus dem aktuellen Antisemitismus-Report des US-Außenministeriums hervor, der kürzlich in Washington veröffentlicht wurde. Jüdische Friedhöfe, die immer wieder geschändet werden, brutale Ausschreitungen gegen Juden oder eine iranische TV-Serie, in der die israelische Regierung die Augen von palästinensischen Kindern stiehlt, sind Ausdrucksformen des wachsenden Antisemitismus.

In Deutschland sei die Verbreitung antijüdischer Hetzkampagnen längst nicht mehr Sache glatzentragender Stammtischbesucher. Denn aller Aufklärung über den Holocaust zum Trotz: Vorurteile gegen Juden haben sich nach dem US-Bericht seit Jahrhunderten in den Köpfen der Menschen Europas festgesetzt. Sie werden nicht als Teil der sozialen Gemeinschaft wahrgenommen, sondern als Gäste oder als Fremdkörper. Daher trauen sich Rechtsextreme und muslimische Fundamentalisten immer häufiger, brutal gegen Juden aufzutreten. Als Folge reagieren jüdische EU-Bürger in der Öffentlichkeit zunehmend verängstigt und trauten sich nicht, zu ihrer Identität zu stehen.

Die Gründe für die Ausgrenzung und Bekämpfung der Juden auch hierzulande sind vielfältig. Antisemitismus ist nicht nur in den einschlägigen rechtsextremen Kreisen anzutreffen: Vermeintlich längst vergessene NS-Hetze über den hässlichen Juden mit Spitzbart, der Regierungen und Finanzmärkte von Amerika oder Israel aus kontrolliere, grassieren vornehmlich in linken Globalisierungsgegnerkreisen. Neben der Unwissenheit über die jüdische Religion fördern Fremdenfeindlichkeit und bürgerliche Existenzängste den Antisemitismus.

Muslimische Einwanderer kultivieren auch in Europa ihren Hass auf die israelische Regierung und transportieren die Kriegsproblematik aus dem Nahen Osten in ihre neue Umgebung. Darin sieht der US-Report ein beträchtliches Konfliktpotential, aus dem antisemitisch motivierte Gewalt hervorgehen könnte. Insgesamt spielten radikalisierte Muslime in Westeuropa eine immer größere Rolle.

Das Mittel zur Verbreitung der Hetzkampagnen ist neu: Im Internet wird antisemitische Propaganda breit und schnell gestreut. So führt der US-Bericht an, dass es allein in Deutschland 1.000 Websites mit judenfeindlichen Inhalten gebe. Auch in Fernsehprogrammen oder Zeitungen seien antisemitische Tendenzen wahrzunehmen. Häufig sei Kritik gegen die israelische Regierung nicht sachlich aufbereitet, sondern mit judenfeindlichen Untertönen garniert. Das beeinflusse maßgeblich die öffentliche Meinungsbildung - auch in Deutschland.

Dort haben die gewalttätigen Ausschreitungen gegen Juden nach Angaben des Berichtes zugenommen: Im Jahr 2002 seien 28 brutale Anschläge zu verzeichnen gewesen, 2003 waren es bereits 35. Auch die Zahl von Friedhofs- und Synagogenschändungen hat sich im gleichen Zeitraum von 78 auf 115 gesteigert.

Das schreckt jüdische Einwanderer nicht davon ab, sich hier anzusiedeln. Seit 1990 flüchteten mehr als 100.000 Juden aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion. Viele von ihnen wurden dort von Rechtsextremen terrorisiert, Rabbiner auf offener Straße zusammengeschlagen. Deshalb fordern Vertreter von jüdischen Organisationen die Bundesregierung nun vermehrt dazu auf, die Öffentlichkeit besser über Antisemitismus zu informieren. Außerdem sollten andere Religionsgemeinschaften engeren Kontakt zu jüdischen Gemeinden suchen und ihre Mitglieder zu mehr Toleranz auffordern.