Die Natur verdient zunächst Strenge. Kaum ein Wort in Schillers theoretischen Schriften über Erntefelder im Nebel, weiche Waldpfade, Wolkenfigurationen oder das Sonnenlicht. Ein wildes Tier, ein reißender Strom, ein ungebändigtes Pferd, die stürmende See, ein brennender Vulkan: Das sind Bilder Schillers für die furchtbare Macht der Natur. Ihre Gebieter heißen Vernunft oder Geist oder menschliche Freiheit, und denen soll die Zukunft gehören.

"So weit die Geschichte bis jetzt gekommen ist", schreibt Schiller wahrscheinlich Mitte der 1790er Jahre im Aufsatz Über das Erhabene, "hat sie von der Natur (zu der alle Affekte im Menschen gezählt werden müssen) weit größere Thaten zu erzählen als von der selbständigen Vernunft." Dabei soll es nicht bleiben. Und sei es um den Preis, dass eine ganz neue Philosophie des Schönen und der Geschichte dafür aufgeboten werden muss. Der Mensch, nicht nur Schiller selbst, soll stärker sein als der Zusammenhang, dem er entstammt.

Schillers "kombattantes Verhältnis zur Natur", das Rüdiger Safranski gleich zu Beginn seiner Biografie als Leitfaden dieses Lebens ausmacht, scheint in die Gegenwart wie ein Ärgernis der Vernunftepoche zu ragen. Wie eine inzwischen mühsam abgelegte Hinterlassenschaft der zwiespältigen Aufklärung, nach der es zwei Jahrhunderte brauchte, um die Sinne neu zu beleben, um die Natur für die Erfahrung, den Respekt wieder freizuschaufeln und den Menschen von einem Freiheitsgebot zu befreien, das seinen inneren und äußeren Lebensgrundlagen nicht gut bekommt.

Was soll man da mit einem Friedrich Schiller anfangen, der seinem vernunftskeptischen Gegenüber Goethe, dem Denker einer naturfreundlichen Moderne, von Anbeginn entgegenhielt, dass jener mit der Natur so viel anfangen könne – forschend, denkend, empfindend: "Ueberhaupt ist seine Vorstellungsart zu sinnlich und betastet mir zu viel." Betastet ist im Schriftbild ausdrücklich hervorgehoben. Und über die Mutter Natur, an der Goethe zeitlebens seinen Halt hatte, weiß Schiller, dass sie "ihr herrlichstes Geschöpf, den Menschen, in ihre Riesenarme faßt und zerschmettert". In dem späten Aufsatz Einwirkung der neuern Philosophie von 1820 hat Goethe das Dilemma lakonisch auf den Punkt gebracht. "Er predigte das Evangelium der Freiheit, ich wollte die Rechte der Natur nicht verkürzt wissen."

Dabei hatte der Freiheitsprediger doch, als er noch jung war, selbst auch fast Goethesche Sätze geschrieben: "Der Mensch ist bestimmt zur Überschauung, Forschung, Bewundrung des großen Plans der Natur" (Philosophie der Physiologie , 1779). Er hatte von der Liebe als der "großen Kette der empfindenden Natur" gesprochen und fortan die menschliche Ausstattung durch Vernunft als Naturgabe verstanden. Und hatte dennoch, wie sein Räuber Franz Moor, in der Natur die Quelle der Ungerechtigkeit und Ungleichheit erkannt, die einen wie den jungen Schiller schier zur Raserei bringen konnte, die Goethe hingegen um der ungestörten Forschung, auch um des Seelenfriedens willen gern übersah.

Aber als schulde er der Natur doch mehr als seine frühen Dissertationen zur Physiologie, als müsse auch ihr Gerechtigkeit noch widerfahren, hebt Schiller dann in einem theoretischen Kraftakt noch einmal neu an.

Über naive und sentimentalische Dichtung heißt der Aufsatz von 1795, in dem er den übergroßen Natursohn Goethe in theoretische Form gießt und ihm zugleich seinen Platz in der Historie anweist. Das war diesem mächtigen Gegenüber bisher noch nicht vorgekommen, und man darf also der ungerechten Natur zumindest zugute halten, dass sie diese beiden Denker für unvergleichliche Jahre der deutschen Geistesgeschichte aneinander gebunden hat.

Die natürlichen Dinge sind notwendig, der Mensch aber ist frei