Einen Schuldigen gibt es natürlich nicht. „Schuld“ an der südasiatischen Todeswelle des 26. Dezember trug das Seebeben bei Sumatra. Den Tod von Zigtausenden, die der Überflutung unmittelbar zum Opfer fielen, kann man insofern aktuellen Regierungen nicht anlasten. Sogar den Mangel eines Frühwarnsystems hätten in erster Linie frühere Administrationen zu verantworten.

Gesucht werden daher „Sündenböcke“, Ersatzschuldige, die einen für das Unbegreifliche wenigstens teilweise rationale Ursachen – also „Verursacher“ – finden lassen. Verantwortliche, wenn schon nicht für die Katastrophe, so doch wenigstens für das Chaos danach. Für langsame Hilfe, schleppende Rettung, ausbleibende Versorgung. Da bieten sich einige an: unfähige Amtsträger, korrupte Potentaten, regionale Bürokratien und autoritäre Regime in der betroffenen Region. Und unsensible oder ungeschickte Regierungen in den Heimatländern der betroffenen Touristen.

In diesen Heimatländern herrschte in den ersten Tagen nach dem Tsunami-Desaster eine emotional aufgeladene Atmosphäre des Entsetzens und der Ratlosigkeit. In einer solchen Situation können ein falscher Ton oder eine falsche Geste enorme symbolische Bedeutung bekommen. Schnell heißt es dann, wir werden schlecht regiert – Skandal! Umgekehrt kann das Selbstverständliche, wenn es denn prompt und sichtbar geschieht, ebenfalls Symbolik entfalten. Dann hört man: Die Regierung handelt, die macht ihren Job tadellos – bravo!

Für das eine Beispiel stand in der Tagen nach der Katastrophe das in Deutschland unermüdlich gelobte „Modell Schweden“, für das andere die hierzulande ebenso unablässig kritisierte deutsche „Stillstandsrepublik“. Tausende Deutsche und vor allem Skandinavier, darunter am meisten Schweden, machen um diese Jahreszeit Urlaub an den südasiatischen Sonnenstränden. Entsprechend hoch, das war schnell klar, musste ihr Anteil unter den Betroffenen der Katastrophe sein. Was tun? Wie reagieren? Für die psychologische Wirkung kam es vor allem auf die ersten 24 Stunden an. Da lag der entscheidende Unterschied zwischen Stockholm und Berlin. Auf Grund der voreiligen Entwarnung eines schwedischen Reiseveranstalters erklärte ein offenbar ruhebedürftiger Sprecher des schwedischen Außenministeriums auf erste Anfragen, unter den Opfer seien keine Schweden. In Berlin gab es demgegenüber relativ bald erste Warnungen, es könnte sich um eine größere Zahl von Opfern („dreistellig“) handeln. In Stockholm setzte sich die sozialdemokratische Außenministerin Laila Freivalds zwar im Lauf des Tages telefonisch mit ihrem Amt in Verbindung. In das Management der sich abzeichnenden Krise schaltete sie sich aber nicht persönlich ein. Abends ging sie, wie längst geplant, ins Theater. Beides ist möglich: Minister haben nun mal ihre Experten für kritische Lagen, und niemandem wäre geholfen gewesen, hätte Frau Freivalds auf den Theaterbesuch verzichtet. Doch beides war das falsche Signal: Die Schweden lasen darin einen Mangel an Mitgefühl und `Mitbetroffenheit' ihrer Ministerin. Und wo war der Regierungschef? Auf ihn musste die Öffentlichkeit ebenfalls mehr als 24 Stunden warten.

In Berlin nahm im Außenministerium wenige Stunden nach Bekanntwerden der mutmaßlichen Dimension der Katastrophe ein Krisenstab die Arbeit auf. Der Außenminister übernahm die Koordination, wenigstens nach außen und in den ersten 24 Stunden. Der Bundeskanzler ließ den Abbruch seines Weihnachtsurlaubs mitteilen und sagte den lange geplanten Besuch beim Neujahrskonzert in Wien ab, wohin ihn und sein Kabinett der konservative österreichische Kanzler Schüssel eingeladen hatte (zum Missvergnügen der Christdemokratin Merkel, Berlin, und des Sozialdemokraten Gusenbauer, Wien).

Keine großen Gesten, eher kleine Selbstverständlichkeiten – aber Zeichen für Stilsicherheit, Blick für Prioritäten und vor allem für politische Sensibilität. Der Krisenstab hätte gewiss auch ohne Fischer funktioniert. Die Hilfebeschlüsse der Bundesregierung hätte der Kanzler auch von Hannover aus mit vorbereiten können. Aber es war die schnelle optische und politische Präsenz, von der Beruhigung ausgehen konnte. Eine Woche später schrieb – ausgerechnet – die FAZ anerkennend: „Der Kanzler und der Außenminister haben nicht mehr getan, als Anstand, Würde und Mitgefühl verlangten. Doch das genügt.“

Etwas anders der schwedische Ministerpräsident, Göran Persson. Der Mann, der Schröder oft als Vorbild für harte sozialdemokratische Reformpolitik vorgehalten wurde, ließ mehr Zeit vergehen. Er ließ seine Ministerin zunächst gewähren, also die Entwicklung mehr oder weniger beobachten, ehe er eine eigene erste Pressekonferenz gab und dabei erst einmal all jene abbürstete, die ihm Untätigkeit unterstellt hätten. Spätestens da brach in den schwedischen Medien der Sturm der Entrüstung los. So viel Zorn schlug der sozialstaatlichen Obrigkeit auf der sozialdemokratischen Wohlfahrtsinsel noch nie entgegen, weder nach den Fahndungsfehlern bei der Suche nach dem Mörder Olof Palmes, noch nach der Nachlässigkeit in den Untersuchungen des Untergangs der „Estonia“ oder nach der Ermordung der populären Außenministerin Anna Lindh (und dem Bekanntwerden der strukturellen Mängel des schwedischen Personenschutzsystems).