Die Inseln der Andamanen und Nikobaren gehören zu jenen Regionen der Welt, in denen politische und geologische Bruchlinien parallel verlaufen. Politisch werden die Inseln vom indischen Festland aus verwaltet, seit sie von den Briten annektiert wurden. Sie sind »Bundesterritorium« unter direkter Herrschaft von Neu-Delhi. In geologischer Hinsicht aber liegt die Inselkette gerade eben jenseits der tektonischen Platte Indiens. Es sind die Gipfel eines unterseeischen Gebirges, das sich über die unergründlichen Tiefen des Sundagrabens erhebt. Nur 36 der 572 Inseln sind bewohnt: Die Andamanen bilden den nördlichen Teil, die Nikobaren den südlichen. Dieser Teil ist so gelegen, dass ihn der Tsunami vom 26. Dezember 2004 nur Minuten später erreichte als die Küsten des nördlichen Teils von Sumatra.

Trotz der Hunderte Kilometer, die die Andamanen vom indischen Festland trennen, wirken viele der Notaufnahmelager in Port Blair, der Hauptstadt, wie Miniaturporträts der gesamten Nation. Nur wenige Lagerinsassen sind Eingeborene der Inseln, die übrigen Siedler von verschiedenen Teilen des Festlandes, aus Bengalen, Orissa, Punjab, Andhra Pradesh oder Uttar Pradesh. Das überrascht – aber nur deshalb, weil die Identität der Inseln (und zugleich das Alibi für Art und Weise ihrer Verwaltung) auf einem administrativen Begriff von »Primitivität« beruht, der noch auf die Zeit der britischen Herrschaft zurückgeht. Die Vorstellung, dass die Namen dieser Inseln gleichsam Synonyme für Rückständigkeit sind, wird in Port Blair noch heute energisch aufrechterhalten. Reklametafeln entlang den Straßen zeigen nackte »Primitive«, und ich hörte sogar von einem Plakat, das seine Betrachter anweist: »Liebt euren primitiven Stamm!« Auf dem Festland wären derart beleidigende Bilder längst heruntergerissen worden – nicht so auf diesen Inseln, die eher eine Projektion des Festlandes sind als ein wirklicher Bestandteil des indischen Gemeinwesens; wie viele Kolonien bilden sie eine zugleich aufgeblähte und verdichtete Version des Mutterlandes ab – in ihren Hoffnungen wie in ihren Defekten. Während der vergangenen zwei Wochen scheinen die beiden Bruchlinien, die unterhalb dieser Inseln verlaufen, plötzlich in Bewegung geraten zu sein. Es ist, als wären die beschleunigte Zeit einer entstehenden Nation und die tiefe Zeit der Geologie zusammengestoßen.

Die in den Lagern festsitzenden Siedler vom Festland erklären fast durchweg, es sei der Wunsch nach Land und Gewinn gewesen, der sie auf die Inseln gezogen habe. Wenn man ihnen zuhört, fällt es nicht schwer zu glauben, dass sie fanden, was sie suchten: aus der Armut auszubrechen und in die wachsende Mittelschicht Indiens vorzustoßen. Aber am Morgen des 26. Dezember wurde gerade dieser hart erarbeitete Aufstieg zur Ursache ihrer Verletzlichkeit. Denn zur Mittelschicht zu gehören bedeutet in Indien wie überall sonst, von einem Rettungsfloß über Wasser gehalten zu werden, das aus Papier besteht: Personalausweise, Genehmigungen, Schulzeugnisse, Sparbücher, Lebensmittelmarken, Versicherungspolicen und Quittungen für angelegtes Geld. Es war der besondere Charakter dieser Naturkatastrophe, dass sie nicht nur auf die physische Existenz ihrer Opfer zielte, sondern auch auf die Beweisstücke für die Identität der Überlebenden. In der Plötzlichkeit seines Auftauchens ließ der Tsunami keine Zeit für Vorkehrungen. Er zerstörte nicht nur die Häuser der Überlebenden, er riss nicht nur deren Familienmitglieder in den Tod, sondern er beraubte sie auch der dokumentarischen Spuren ihrer irdischen Existenz.

Die Erde öffnete sich, und Geysire von braunem Wasser schossen hervor

Am 1. Januar 2005 besuchte ich das Flüchtlingslager in der Nirmala-Schule von Port Blair. Wie die Schule selbst wird das Lager von der katholischen Kirche betrieben; er steht unter der Leitung eines sanftmütigen jungen Priesters, der den Namen Pater Johnson trägt. Am Morgen meines Besuchs stand Pater Johnson im Mittelpunkt einer heftigen Auseinandersetzung. Die Flüchtlinge hatten bereits drei Tage ungeduldig im Lager zugebracht, ohne von irgendjemandem gefragt worden zu sein, wohin sie gehen wollten oder wann; keiner von ihnen hatte irgendeine Vorstellung davon, wie es weitergehen sollte, und das Gefühl der Verlorenheit zerrte an ihren Nerven.

Der Streit drehte sich weder um Not noch um Entbehrung – es gab genug Kleidung und zu essen. Vielmehr war es die Ungewissheit, die sie nicht ertrugen. Und weil keine andere Autoritätsperson zur Hand war, bestürmten sie nun Pater Johnson: Wann würden sie die Erlaubnis erhalten zu gehen? Wohin könnten sie gehen?