Deutschland ist Weltmeister!, das hat der andere gerufen. Aus! Aus! Aus!

Aus!, das war auch nicht Hempels Schrei. Schlusspfiff!, rief er via Radio DDR, Schlusspfiff, Schlusspfiff im Berner Wankdorf! Das Unvorstellbare ist passiert. Die westdeutsche Fußball-Nationalmannschaft wird Fußball-Weltmeister 1954 im Endspiel gegen Ungarn. Die ganze Fußballwelt steht auf dem Kopf.

Der Mensch hört, was er glaubt. Noch heute meint DDR-Altcoach Georg Buschner, Hempel habe ausgerufen: Ein Unglück ist geschehen! Daheim empfingen den jungen Erfurter Reporter Berge volksgenössischer Post. Tenor: Wir werden dich Kommunisten-Sau auf dem Marktplatz von Wittenberg neben Walter Ulbricht hängen sehen. Kerngermanen nagelten ihm eine Katze an die Tür. Den Schalke-Fan und Fußball-Doktor Wolfgang Hempel hat das sehr gegrämt. Seine Reportage war ein Balanceakt zwischen Sport und Ideologie. Die ungarischen Ostblock-Brüder dürfe er favorisieren, hatte man ihm mitgegeben. Er tat es nicht, obwohl er ihre Wunderkicker liebte. Puskas, Czibor, Hidekuti waren für Hempel Künstler. Die Westdeutschen nannte er Westdeutsche und zollte ihnen Respekt. An diesem 4. Juli 1954 sei der deutsche Kampffußball geboren worden, sagte er 1997. 0 : 2 nach neun Minuten - alle anderen hätten da die Waffel weggeworfen.

Es ist wohl doch nicht alles gut gewesen in der DDR, aber ihre alten Sportreporter waren vom Feinsten. Vor allem die vier Evangelisten - Wolfgang Hempel, Werner Eberhardt, Hubert Knobloch, Heinz Florian Oertel - berauschten ihre Gemeinde mit herzaufregender Verkündigung. Aus dem Röhrenradio orgelten die Stimmen: Friedensfahrt, Olympia, die immergrüne Vierschanzentournee, die Fußball-Oberliga-Konferenz. Ach, und all die Schlachten draußen in der Welt!

Unvergesslich, Wolfgang Hempel 1970 aus Amsterdam, Funkdrama im Telefon-Sound. Die Leitung knattert und kracht, Hempel dröhnt: Hallo, Thüringer Land, hallo, liebe Fußballfreunde daheim an den Geräten. Der Jenaer 3 : 1-Vorsprung aus der ersten Partie ... - Pause, infernalisches Gebrüll von 60 000 Ajax-Fans. Hempel, grabestief: ... er ist dahin.

Dahin. Am 4. Dezember 2004 starb Wolfgang Hempel, mit 77 Jahren. Das war lange zu fürchten, nach einem Hirnschlag, erlitten am Neujahrsabend 2004.

Hubert Knobloch rief die alten Kollegen an. Er werde mit seinem Auto nach Erfurt zum Begräbnis fahren. Wer mitwolle? Jetzt müsse er zu seinem Senioren-Tennismatch nach Berlin-Baumschulenweg. Dort brach Knobloch zusammen und starb, nur Stunden nach dem Freund. Er wurde 64.