Liebe ist lächerlich, bemerkt die Erzählerin dieser mäusemärchenhaften Aventiure und nimmt es - mon dieu! - zum Glück gleich wieder zurück: Aber Liebe ist auch wunderbar. Und mächtig. Und Despereaux' Liebe für Prinzessin Pea würde sich zur rechten Zeit als all das erweisen, als mächtig, wunderbar und lächerlich zugleich. Damit ist alles gesagt und resümiert, und man könnte das Buch virtuell und vorzeitig schließen, wäre da nicht diese Erzählerin, der man auch dann lauschen würde, läse sie das Branchenverzeichnis vor. Und natürlich liegt es an dieser Geschichte, die dazu führt, dass man - selbst als Erwachsener - geschlagene 235 Minuten, das bedeutet fast vier Stunden, am Stück hört.

Rosemarie Fendel heißt die deutsche Vorleserin und Kate DiCamillo die amerikanische Autorin von Despereaux, einer kränklichen Maus, die mit viel zu großen Ohren und offenen Augen geboren wurde, und von ihrer französischen Mäusemutter Antoinette den dementsprechend verzweifelten Namen erhielt. Doch nicht genug des Unglücks, ein solch schmächtiges Mäuschen zu sein, Despereaux liest in einem großen Buch in der Bibliothek eine Liebesgeschichte, statt - nach Mäusegeschmack - das bedruckte Papier, respektive den würzigen Leim und die knusprigen Ecken zu nagen und zu fressen. Es war einmal, wiederholt er die magischen Worte, und dann versinkt er in der Geschichte vom tapferen Ritter und der wunderschönen Prinzessin. Kein Wunder, dass er sich auf der Stelle in die reale Prinzessin im Schloss verliebt, dass er - aus der Art geschlagen - von den Mäusen verstoßen und ins Verließ verbannt wird und ihm der Tod durch die grausamen Ratten in der Dunkelheit droht. Mon dieu, das war abzusehen.

Dass Lesen äußerst ungesund und gefährlich sein kann, und keinesfalls ein Garant ist für ein glückliches Leben (bis ans Ende ihrer Tage), ist bekannt. Doch ebenso erweist es sich seit 1001 Nächten, wie Geschichtenerzählen lebensverlängernd wirken kann, warum Despereaux vom Kerkermeister Gregory vor den Ratten gerettet wird: Geschichten bedeuten Licht - Licht ist kostbar in einer so dunklen Welt. Erzähl Gregory eine Geschichte. Mach ein wenig Licht! Und Despereaux erzählt und Rosemarie Fendel spricht, doch nicht schauspielernd von Rolle zu Rolle hüpfend, sondern im eigenen Körper nach der Stimme grabend. Sie sinkt ins tiefste Verließgrummeln des Kerkermeisters hinab, flötet im Hochton-Französisch der schrecklischen Mutter und findet als Erzählerin jenen Klang, der wie Staub auf Samt liegt und doch wie Kerzenschein diese dramatisch geschürzte Geschichte erhellt.

Ein unwiederholbarer Sommer

Zwei weitere Außenseiter kreuzen die Wege der unglücklich verliebten Maus: zum einen die missratene Ratte Chiaroscuro, vom Licht fasziniert, obwohl das Dunkel ihr Lebenzweck ist und das traurig doofe Mädchen Miggery Sow, das zum ersten Mal Hoffnung schöpft, als es die Prinzessin sieht und sich in deren Job verguckt. Jesses, stöhnt sie Fargo-like und allein dafür würden die 3 CDs zu Recht als Kinder-/Jugendhörbuch des Jahres 2004 des Hessischen Rundfunks ausgezeichnet.

In einer wunderbar klaren Sprache schreibt die deutsche Autorin Jutta Richter seit vielen hoch gelobten Büchern gegen das graue Leben an, ihr kurzer Roman Hechtsommer (Hanser Verlag) bringt nun auch als Hörspiel des WDR den Sommer einer Jugend zurück. Sie setzt die Sprache ebenso leicht und konzentriert gegen die Schwere der Gefühle wie Anna Thalbach als Mädchen gegen Nina Petri als ihre Mutter steht. Eine junge Stimme voller Ungeduld des Aufbruchs, noch schutzsuchend, aber schon weit weg, eine ältere Stimme, durch Rauch und Alkohol gefiltert, aber voll verzweifelter Hoffnung.

Die Geschichte eines Sommers, der unwiederholbar ist, wird da aufgeblättert, über zwei Brüder und ein Nachbarsmädchen, die wie Geschwister aufwachsen, von dem gegenseitigen Fremdwerden, als die Jungen einen Hecht angeln wollen, vom Schmerz, als die Mutter der beiden Jungen Krebs bekommt und langsam stirbt.