"Radikale Texte mag ich"

DIE ZEIT: lisabeth Ruge, seit letztem Donnerstag stehen Sie an der Spitze des Berlin Verlags. Wie fühlt sich das an? Mächtig? Unternehmungslustig?

Elisabeth Ruge : Unternehmungslustig auf jeden Fall, mächtig nicht. Das Bücherverkaufen ist schwierig geworden. Es kommt heute nicht unbedingt auf eine einzelne Verlegerpersönlichkeit an, die oben steht und den Verlag unter sich hat. Es braucht jemanden, der eine Gruppe von Leuten zusammenhält und inspiriert, jeden Einzelnen motiviert, damit man gemeinsam möglichst viel für die Bücher tut.

ZEIT: Im Kinderbuchverlag, den Sie aufgebaut haben, wurden angeblich "Frauengruppen" gesichtet, die sich gegenseitig vorlesen. Arbeiten Sie lieber mit Frauen?

Ruge : Nein, nein, es gibt einige sehr nette und kompetente Männer im Verlag, auch wenn das jetzt natürlich etwas suspekt klingt. Es gibt auch keine "Frauengruppen". Wenn etwas Generelles festzustellen ist, dann, dass alle, die im Kinderbuchverlag arbeiten, zugleich im Berlin Verlag arbeiten. Man beschäftigt sich mit beidem, Erwachsenenliteratur und Kinderbuchliteratur. Das hat sich bewährt. Man trägt so an die Kinderliteratur Fragen und Beobachtungen heran, die vielleicht anders sind, als wenn man immer nur Kinderbücher vor der Nase hat. Und bringt auch etwas Schönes aus der Welt der Kinderbücher zurück in die der Erwachsenen.

ZEIT: Als Cheflektorin haben Sie das Programm des Berlin Verlags schon immer mitbestimmt. Was also wird jetzt anders?

Ruge : Ich glaube nicht, dass ich furchtbar viel anders machen will.

ZEIT: Offensichtlich aber ein wenig. Was ist das?

"Radikale Texte mag ich"

Ruge : Ich würde vielleicht versuchen, zu einem noch früheren Zeitpunkt alle Abteilungen des Hauses, die Werbung oder die Presse an der Veröffentlichung eines Buches zu beteiligen, damit sie sich noch stärker mit den Autoren und den einzelnen Projekten identifizieren können. Für viele literarische Titel ist es, wie gesagt, noch schwieriger geworden. Da kann man das gemeinsame Handeln nicht früh genug koordinieren. Aber hier geht es nicht um eine wirkliche Veränderung.

ZEIT: Warum kaufen weniger Leute Bücher? Schrumpft die Lesekultur?

Ruge : Ich glaube nicht. Unser Kinderbuchverlag ist mit seinen sehr literarischen Büchern ja auch sehr erfolgreich. Offensichtlich gibt es immer noch viele Eltern, die Vorlesen als wesentlichen Bestandteil ihrer Erziehung begreifen. Das ist ja das Fundament für eine so genannte Lesekultur. Manche Menschen haben heute schlicht nicht mehr so viel Geld, da wird dann auch gerade bei den gebundenen Büchern gespart.

ZEIT: Früher haben Sie die Werkausgabe von Virginia Woolf beim S. Fischer Verlag mitbetreut, heute verlegen Sie den rabiaten Russen Wladimir Sorokin. Ein weiter Weg?

Ruge : So ein großer Abstand ist es nicht, beide sind Autoren, die etwas Radikales gewagt haben und gerne experimentieren – solche Texte mag ich. Ich habe mich mit Joyce beschäftigt, ich liebe Gogol, der auch in seiner Zeit etwas ganz Neues gemacht hat, ich liebe auch Kafka, Robert Walser und Broch. Aber ich schätze auch das präzise, gute "amerikanische" Erzählen, das vermeintlich konventionell daherkommt und doch auch hohe Liteartur ist.

ZEIT: Im Programm Ihres Imprints Bloomsbury Berlin finden sich ja viele so genannte Frauenromane, da geht es um Liebe, Leidenschaften, Drama. Tut es Frauen gut, sich immerzu mit ihren Gefühlen zu beschäftigen?

Ruge : Ich würde sagen, dass man ein Buch wie das kommende von Esther Freud als Frauenroman bezeichnen kann, aber dann müsste man auch Mrs. Dalloway so nennen. Was soll letztlich ein Frauenroman sein? Geht es darum, dass eine weibliche Figur und ihr Schicksal im Mittelpunkt stehen? Oder um eine Form des weiblichen Schreibens? Ist es ein Label für die Unterhaltungsliteratur? Offensichtlich kein wirklich erhellender Begriff. Im Übrigen haben auch leichtere Bücher ihre Berechtigung, wir gehen ja auch nicht nur in Filme, die tiefschürfend sind. Und ich kenne gar keine Frauen, die nur Liebesromane lesen.

"Radikale Texte mag ich"

ZEIT: Macht Lesen klüger? Besser? Glücklich?

Ruge : Glücklich macht es sicher auch. Klüger natürlich, keine Frage. Ich glaube aber auch, dass Lesen "besser" macht. Schon weil viele Romane voraussetzen, dass man sich mit Empathie in die Position eines anderen begibt, sich ganz in die Welt eines anderen Menschen versenkt. Da kann man schon nicht mehr borniert an der eigenen Perspektive festhalten.

ZEIT: Sie sind eine der in Deutschland seltenen berufstätigen Mütter. Stört es Sie, von anderen kritisch beäugt zu werden?

Ruge : Nein. Ich muss sagen, ich würde es auch gar nicht merken. Das habe ich mir nicht antrainiert, es ist einfach so. Ein Geschenk! Außerdem, was gibt’s da zu kritisieren?

ZEIT: Mit welchen Zaubertricks bannen Sie die Schwierigkeiten der Kindererziehung, die so viele Mütter in die Häuslichkeit treiben?

Ruge : Meine Kinder haben seit Anbeginn eine liebevolle russische Kinderfrau, die seit fast zehn Jahren bei uns ist. Ebenso wichtig ist, dass sie nach dem Unterricht in der Waldorfschule in den Hort gehen, bis halb vier oder vier. Sie sind da absolut glücklich, sie spielen mit anderen Kindern, sind viel draußen, sie machen Musik oder basteln. Außerdem haben meine Kinder das große Glück, einen liebevollen, zugewandten Vater zu haben, der ihnen Reiten und Schlittschuhlaufen beibringt und die besseren Bücher vorliest. Es ist falsch, zu denken, dass immer nur die Mutter die beste Gesellschaft ist.

ZEIT: Nachzulesen in dem klugen Buch Mutter Natur von Sarah Blaffer Hrdy, das Sie verlegt haben. Denken Sie manchmal, dass Sie vielleicht noch lieber selber ein wundervolles Buch schreiben würden?

"Radikale Texte mag ich"

Ruge : Natürlich denke ich das. Aber ich würde auch sehr gerne mein Geld als Opernsängerin verdienen. Wenn ich denn dieses große Geschenk einer großen Stimme mitbekommen hätte.

ZEIT: Letzte Frage: Welches Buch eines anderen Verlages haben Sie zuletzt gelesen?

Ruge : Ich lese gerade erneut ein erstaunliches Buch, das, glaube ich, vor knapp zwanzig Jahren im Siedler Verlag erschienen ist. Es sind Die Berliner Tagebücher von Missie Wassilitschikow. Die Autorin war eine russische Adelige, eine schöne, eigenwillige junge Frau, die in den letzten Jahren des "Dritten Reichs" hier in Berlin gelebt hat und mit vielen Leuten des deutschen Widerstands befreundet war. Nun, da ich selbst "Berlinerin" bin, lese ich das Buch noch einmal mit neuen Augen.

Das Gespräch führte Susanne Mayer

ELISABTETH RUGE wurde 1960 in Köln geboren. Sie ist gelernte Buchhändlerin, hat eine Dolmetscherausbildung in Russisch und studierte Slawistik, Amerikanististik und Anglistik. Elisabeth Ruge war Lektorin für ausländische Literatur beim S. Fischer Verlag und hat 1994 zusammen mit Arnulf Conradi und Veit Heinichen den Berlin Verlag gegründet. Vier Jahre später ging der Verlag zu Random House, verließ die Gruppe aber wieder, um sich mit dem Londoner Bloomsbury Verlag zu verbinden. Zum Berlin Verlag gehören Bloomsbury Kinder- und Jugendbücher, Bloomsbury Berlin und der Berliner Taschenbuch Verlag. In der letzten Woche übergab Arnulf Conradi den Verlag an Elisabeth Ruge