Wenn er es sich aussuchen dürfte, würde Joe Johnson seinen ersten Iraker mit einem Sturmgewehr niederstrecken, mit einem präzisen Kopfschuss aus einer M16, Kaliber 50. Wenn er dann noch eine Handgranate in die Menge werfen könnte und 30 andere Iraker dabei umkämen, wäre seine Rache – er sagt dies ganz bewusst – nahezu perfekt. Sollte er sich auch den Ort aussuchen dürfen, und wie oft hat er dies getan in seinen Träumen, würde er Falludscha wählen oder besser noch Sadr City, Bagdad. Wenn alles vorbei wäre, würde er ein Bild aus seinem Helm ziehen, das Foto seines toten Sohnes, Specialist Justin Weaver Johnson, der in Sadr City, Bagdad, getötet wurde, und so etwas wie Ruhe empfinden, zumindest Klarheit, vielleicht sogar Frieden.

Joe Johnson ist 47 Jahre alt, ein schlanker, durchtrainierter Mann mit schmalen Augen und ergrautem Schnurrbart, der wenige Millimeter über der Oberlippe endet. Er hat ein verdrehtes Knie und zwei Enkelkinder und ist, sagen Freunde und Verwandte in seiner Heimatstadt Rome im Bundesstaat Georgia, ein liebenswerter Mensch. Seine Stimme ist sanft, seine Gestik von weicher Eleganz, und wenn er seine Enkeltöchter ins Bett bringt und ihnen ein Gutenachtlied vorsingt, fällt es besonders schwer, sich ihn in Kampfmontur auf den Straßen von Bagdad vorzustellen. Aber dann kehrt Johnson in die Wohnstube zurück und sagt: "Ich will endlich in den Irak." In solchen Momenten ist er wieder der Mann, den Freunde und Verwandte nicht mehr verstehen.

Die Sonne scheint über dem westlichen Hügelland Georgias, 30 Kilometer außerhalb der Kleinstadt Rome, der Tag ist winterlich klar, aber mild, auf den Baumwollfeldern stehen nur Stoppeln. Drei Tage später wird Corporal Joe Johnson Rome verlassen, um in einem Militärstützpunkt auf den Irak-Einsatz vorbereitet zu werden. Er lässt seine Ehefrau Jan zurück, seine Tochter Joleen, die Enkel Jordan und Justine, das Stück Land mit den hohen, alten Bäumen am Chattanooga River, für das er 30 Jahre gespart hat. Sein Rucksack ist schon in Bagdad, seine Wüstenstiefel stehen neben der Haustür, die M16 ist geputzt und intakt, das Testament geschrieben. Joe Johnson geht in den Krieg, um seinen Sohn Justin zu rächen.

Er sitzt im T-Shirt und in einer weiten, blauen Hose im Wohnzimmer seines Wohnwagens, der sein Zuhause ist, und betrachtet die Fotos an den Wänden. Sie zeigen Justin in Wüstenuniform, am Maschinengewehr in Kuwait, sonnenverbrannt in einem Humvee in Bagdad, ein paar Stunden vor seinem Tod, 32 Fotos allein von Justin. Andere zeigen den Vater, wie er am Sarg seines Sohnes salutiert, und seinen älteren Sohn Joshua, beide in Uniform. Selbst von Joes Enkelin Jordan, drei Jahre alt, gibt es ein Bild in Uniform, sie hebt darauf die Hand zum Gruß. Joes Eltern sind zu Besuch, zum letzten Mal vor der Abreise. Betty, seine Mutter, trägt eine weiße Satinbluse und ein Kreuz um den Hals, sein Vater Bob eine Veteranenkappe aus dem Koreakrieg. Joes Frau Jan serviert Pizza, Kaffee und Bier. Sie trägt ein Sweatshirt mit aufgedrucktem Foto ihres toten Sohnes. Alle scheinen auf etwas zu warten. Alle schweigen.

Auf einmal sagt Joes Mutter: "Wir haben schon Justin geopfert. Warum musst du jetzt noch los?" – "Ich muss", sagt Joe. "Aber du löst nicht das Problem, indem du tötest." Joe schweigt. "Du solltest an die armen Kinder im Irak denken." – "Besser nicht", erwidert Joe. Sein Vater sagt: "Ich wünsche niemandem den Krieg", er hat in Korea gekämpft. "Es ist das Grauen." Joe bleibt stumm. Seine Frau weint leise.

Alle haben versucht, ihn von seinem Plan abzubringen

Es gibt keinen, der nicht versucht hat, Joe davon abzubringen, seinen Sohn zu rächen. Seine Frau hat geweint und gefleht, genau wie Joes Mutter und seine beiden Schwestern. Der Vater hat vom Koreakrieg erzählt, die Brüder haben ihm die Bilder vorgehalten, die wieder und wieder im Fernsehen liefen. Noch im September sagte der Soldat, der ihn rekrutierte: "Johnson, ich kann das nicht fassen. Dein Sohn ist gestorben. Du musst nicht in den Krieg. Du musst nicht gehen." Er wolle aber, sagte Joe. Der Militärarzt bot an, ihn untauglich zu schreiben wegen des Kreuzbandrisses im Knie. "Ich schreibe, was Sie wollen. Glauben Sie mir, Sie wollen da nicht hin", sagte der Arzt, der gerade selbst aus dem Irak zurückgekehrt war. Aber Joe wollte.

"Ich muss das tun", sagt Joe, "für mein Land, für Gott, für Justin. Für mich. Ich muss." In Amerika findet niemand etwas dabei, dass Männer wie er im Irak Rache suchen. Nur bei ernsten Zweifeln an ihrer Zurechnungsfähigkeit werden Bewerber zum Armeepsychologen geschickt. Aber bei Johnson hat niemand Zweifel.