Was tun mit 229370 englischen Pfund, die vom Himmel fallen? Vor allem, wenn man Kind ist und mit einem Vater gesegnet, der die Ehrlichkeit in Person verkörpert. Große Gewissensentscheidungen sind auch immer großer Stoff für Komödien, und so entpuppt sich Frank Cottrell Boyce’ Roman Millionen als höchst vergnüglicher literarischer Slapstick, der aus etwa 229370 Gründen zum Luchs des Jahres 2004 gewählt wurde und mit 5000 Euro prämiert wird.

Unter zwölf Luchsen, zwölf besten Büchern des Jahres, war zu entscheiden, und wie immer ist dies auch eine Frage nach den Kriterien der Jury von ZEIT und Radio Bremen. Um es im Ausschlussverfahren zu formulieren: Sicher ist der Luchs kein Preis für sehr gute Bücher, die sich ohnehin sehr gut verkaufen. Ganz sicher ist es keine Auszeichnung für die Auf-Nummer-sicher-Schreiber, die ihre Inspiration aus der Trägheit der Eltern und den leicht steuerbaren Neigungen der Kinder ableiten. Und todsicher werden Sie die prämierten Bücher nicht in den Kinderbuchregalen der Kaufhäuser finden, die von Marketingstrategen bestückt werden. Der Luchs ist aber auch kein Esoterik-Preis, der dem bibliophilen Bilderbuchsammler oder dem gescheiterten Popliteraten eine Nische öffnet. Prämiert wird das Buch, das sich vom Mainstream entfernt, eigene Wege einschlägt, um in die Köpfe und Herzen der Kinder und Jugendlichen zu finden. "Der Luchs", so steht’s im Tierlexikon, "schleicht sich unbemerkt an seine Beutetiere an und erlegt sie dann."

Nun sind auch die Wege der Juroren unterschiedlich, und so wird der Einzelne seinen Liebling am Ende leider ungekürt sehen. Der mag für den einen das zart-poetische Bilderbuch Kleiner König, wer bist du? von Antonie Schneider und Isabel Pin sein, das der Gründerin des Luchses, der im Februar verstorbenen Ute Blaich, gewidmet ist (Aufbau Verlag), dem anderen der verspielte Zapperdockel und der Wock (Sauerländer) von Georg Bydlinski und Jens Rassmus, in dem die Freundschaft zwischen einem Raufbold und einer Zartnatur gereimt und gemalt wird, oder dem Dritten Maurice Sendaks und Tony Kushners Bilderbuchbearbeitung der Kinderoper Brundibar (Gerstenberg). Vieles lässt sich nicht vergleichen, bleibt unvergleichlich: die traumhaft bebilderten Afrikanischen Lieblingsmärchen (Beck), herausgegeben von Nelson Mandela, mit dem Sachbuch Sie bauten eine Moschee (Gerstenberg) von David Macaulay, in der er der Kathedrale das muslimische Modell gegenüberstellt oder Die furchtbar hartnäckigen Gapper von Fripp von George Saunders und Lane Smith, in der die Bilder so schräg sind wie die Geschichte (Bloomsbury).

Keine Frage, man möchte den Preis für den Jahresluchs sechsteln, fünfteln, vierteln: Für die Monsterwochen, das coole Porträt eines amerikanischen Jugendlichen von Ron Koertge (Carlsen), die witzige und charmante Mäuse-Prinzessinnen-Abenteuergeschichte Desperaux von Kate DiCamillo (Dressler), das ziselierte Bilderbuch-Porträt Der Baum des Lebens über Charles Darwin, in das der Tscheche Peter Sis sein ganzes Können gelegt hat (Hanser). Doch am Ende waren es drei Bücher, die vorn lagen: Jutta Richters poetisch dicht erzählte Geschichte Hechtsommer , in der sie die Erinnerung an eine Kindheit in aller Freude und Trauer aufleuchten lässt (Hanser); Wolf Erlbruchs in grandios entschlackte Bilder umgesetze Große Frage, warum und wozu man geboren ist und also lebt (Hammer) und schließlich an der Spitze die witzige, weise und spannende Geschichte von zwei Jungen, denen ein Traum fast zum Albtraum wird – Millionen des Engländers Frank Cottrell Boyce.

Es ist der Erstlingsroman eines Vaters von sechs Kindern, der bisher Drehbücher geschrieben hatte (Welcome to Sarajevo und Hilary and Jackie), und vielleicht muss man in Liverpool zu Hause sein, um den schrägen Witz eines John Lennon mitzubringen. Humorverschärfend kommt hinzu, dass sich die beiden Hauptfiguren diametral verschieden der dicken Geldtasche nähern, die aus einem vorbeifahrenden Zug geflogen kommt: der 11-jährige Damian ist vollkommen auf Heilige fixiert (www.totallysaints.com), der andere, Anthony, hat ausschließlich das newdealige Monetäre im Auge. Leider haben sie nur 17 Tage, um die 22 Milionen und 937000 Pence auszugeben, weil dann das Pfund in Euro umgetauscht wird. Also beginnt ein Wettlauf mit der Zeit, mit einem verwitweten Vater, der langsam Verdacht schöpft, einer mysteriösen Frau und einer Menge verdächtiger Gestalten, die hinter dem Geld her sind. Eine literarische Achterbahnfahrt, abgefedert durch philosophische Erwägungen über Geld und Gott, jene Segnungen und Verlockungen, denen jeder ausgesetzt ist, der sich mit dem Leben herumschlagen muss, also ein echter Familienroman (ab zehn Jahren; siehe ZEIT Nr. 29/04).

Eine Million gibt es dafür nicht, aber immerhin 500000 Cent, gerecht geteilt zwischen Autor und dem Übersetzer Salah Naoura, der den Humor großartig ins Deutsche gerettet hat. Die Jury mit Gabi Bauer, Hilde Elisabeth Menzel, Andreas Steinhöfel, Marion Gerhard und Konrad Heidkamp gratuliert höchst erfreut und lädt zusammen mit der ZEIT und Radio Bremen am 11. Februar um 18.00 Uhr zur öffentlichen Veranstaltung ins Hamburger Literaturhaus ein. Konrad Heidkamp

Das Gespräch über den LUCHS 2004 sendet Radio Bremen-Funkhaus Europa am 13. Januar von 16.15 an (Redaktion: Marion Gerhard). Es ist abrufbar im Internet unter www.radiobremen.de