Wilhelm Genazinos Büchnerpreisrede war ein Plädoyer für die erkenntnisfördernde Funktion der Langeweile. Darin eingeschlossen eine Philippika gegen den Unterhaltungsterror vor allem des Fernsehens. Das performative Problem solcher kulturkritischen Invektiven ist bekannt. Seine einfachste Form: Ein Lob der Langeweile darf selbst nicht langweilig sein. Und tatsächlich ist der Betrachter, Erzähler und Essayist Genazino selten langweilig. Das haben auch die Langweiligsten inzwischen gemerkt.

Dem Paradox entgeht man, wenn man das kulturkritische Programm Wilhelm Genazinos in Begriffe der Medienkonkurrenz übersetzt. Das Bedrohliche ist ihm die film- und vor allem fernsehförmige Flucht vor der intensiven, das heißt zeitlich gedehnten optischen Wahrnehmung von konkreten Einzelheiten. Das Medium, in dem der gedehnte Akt der Wahrnehmung sich vorzüglich zeigt, ist die Fotografie. Nicht nur dass sie in ihren frühen Jahren mit langen Belichtungszeiten arbeitete, ist entscheidend – obwohl Genazino liebend gern solche alten Fotos bespricht –, er kann vielmehr am fotografischen Weltausschnitt seine eigene Kunst des langen Hinschauens und des verzögerten Deutens ausüben. Manchmal deutet er sogar diesen Prozess des Deutens selbst, was dann eine recht komplizierte Versuchsanordnung ergibt.

Kind und Dichter kosten den Mangel an Welterfahrung aus

Das ist zum Beispiel im titelgebenden Essay seines neuen Buches "Der gedehnte Blick" der Fall. Dieser Band mit Feuilletons, Essays und akademisch anmutenden Aufsätzen dreht sich um drei Themen: die Ambivalenz des Scheiterns, die Erkenntnisstruktur des Blicks und, um einen Buchtitel des Germanisten Wolfgang Preisendanz abzuwandeln, die Komik als dichterische Kraft. Neben geistreichen Überlegungen zu Kafka oder Claude Simon, zu Literaturpreisen oder den Orten literarischer Handlung zeigt sich Genazino in den argumentativ gewichtigeren Texten als philosophischer Kopf, dem die dialektischen Exerzitien der alten Frankfurter Schule näher sind als die ironischen der Neuen Frankfurter Schule.

Im titelgebenden Essay, der von einer auf dem Flohmarkt erworbenen Fotografie zweier verlegen vor der Kamera posierender Kinder ausgeht, kann man das schriftstellerische Verfahren des Essayisten und auch des Erzählers Wilhelm Genazinos studieren. Die Ausgangslage ist vertraut: Auf dem Flohmarkt landet, was bei der Modernisierung des Alltags ausgeschieden wird. Der konventionelle, in einen Preis übersetzbare Wert einer Sache ist außer Kraft gesetzt. Es handelt sich nicht um Kunst, folglich existiert kein ästhetisches Bedeutungsgefüge, an das anzuknüpfen wäre. Auf dem Foto sind Kinder zu sehen, deren Lebensumstände dem Betrachter unbekannt sind. Der Verweisungszusammenhang aller Elemente des Fotos kann nur aus diesem selbst heraus konstruiert werden. Und mit dem Ausdruck Konstruktion sind wir schon beim Kernproblem des Essays.

Genazino erfindet die Bedeutung seiner Gegenstände. Er tut dies mit viel hermeneutischem Geschick, das umso mehr imponiert, je abgelegener die Dinge scheinen. Aber völlig fremd dürfen sie ebenso wenig sein wie kunstvoll mit Bedeutung versehen. Genazino in einer ganz fremden Kultur ist schwer vorstellbar. Er ist ein poetischer Ethnograf des Inlands. Und er erzeugt die Zusammenhänge, die Verstehen ermöglichen, selbst. Divinatorisch nannte Friedrich Schleiermacher das Verfahren, worin Erfinden, Erraten und göttliche Eingebung mitschwingt.

In seinen Erzählungen greift Genazino einzelne Bilder aus dem Fluss des unscheinbaren Alltags heraus. Er friert sie ein , er macht aus Filmen Fotos, genauer gesagt, er stoppt eine filmartig schnelle Wahrnehmung durch Isolierung des Einzelbildes und seine Betrachtung. Der Anspruch seines Essays ist in diesem Sinne weitreichend. Genazino besteht philosophisch und wahrnehmungspsychologisch grundsätzlich auf einer vorsprachlichen Blickerfahrung des Kindes. Er möchte der Überwertigkeit der Sprache in der Philosophie etwas entgegensetzen, attackiert gar Wittgenstein, Habermas und Nelson Goodman als Vertreter des lingustic turn, nicht ohne sich zitatweise der Mithilfe Goethes zu versichern. Er tut dies paradoxerweise so, dass er das Differenzprinzip der Sprache einführt ins vorsprachliche Blickuniversum des Kindes und zugleich dessen Autonomie behauptet.

Das Kind erfahre bereits beim Schauen den bodenlosen Mangel jeder Form der Weltwahrnehmung und Erkenntnis, koste ihn geradezu aus; eine Fähigkeit, die, so muss man vermuten, später dem Dichter und Erzähler wieder zuwächst. Nun wechselt der Essay mehrmals zwischen philosophischem Diskurs und Bildanalyse und konstatiert am Ende einen "Vorrang des Bildsinns vor der Sprache". Das hat eine komische Note: Am Ende des Essays steht das Wort "Quetschkommode". Der Junge auf dem Foto trägt ein Akkordeon vor der Brust. Genazino ist buchstäblich begeistert von der Wiederkunft dieses längst verdrängten, meist abfällig gebrauchten Begriffs. Schön und witzig daran, dass dieser Balg von Begriff das Bild überlagert. Vor allem aber, dass er ganz wunderbar das generelle Verfahren Genazinos ausdrückt: Es besteht in einer ständigen Öffnung der Erkenntnis zur Anschaulichkeit und im Wechsel dann einer Konzentration der Anschauung zur Reflexion. In dieser Bewegung entsteht die Genazinosche Sprachmusik überhaupt. Sie macht die Entgegensetzung vorsprachlich-sprachlich überflüssig.