Bereits unter dem alten König Hassan II. hat Marokko ein, an den Maßstäben der arabischen Welt gemessen, ungewöhnlich freizügiges Bodenrecht eingeführt. Man braucht nur einen Makler, der auf Arabisch simsar heißt, und Simsalabim, stehen einem die Türen offen, vorausgesetzt natürlich, man kann sich so etwas auch leisten. Unrenovierte Riads ordentlicher Größe werden heute bereits zu Preisen von einer Million Euro über den Maklertisch gereicht. Ein einfaches Hofhaus freilich gibt es schon ab 50000 Euro. In den letzten Jahren ist die Nachfrage förmlich explodiert. 1999 noch belief sich die Zahl ausländischer Hauseigentümer in Marrakeschs Medina auf 150. Mittlerweile sind die Filetstücke, ein Kernbestand von etwa 1000 höherwertigen Häusern, fest in ausländischer Hand.

Ein guter Teil wird als kleine luxuriöse hôtels de charme oder maisons d’hôtes von Verwaltern betreut und vermietet. Die Käufer sind Franzosen, Belgier, Schweizer, Italiener, Spanier, Amerikaner, Briten und Deutsche. Der französische Modephilosoph Bernard-Henri Levy, der italienische Prinz Ruspoli, der amerikanische Einrichter und Designer Bill Willis, der in Marrakesch die Häuser und Gärten von Yves Saint Laurent, Paul Getty und den Rothschilds entworfen hat, oder Walter Gunz, der ehemalige Eigentümer der Mediamärkte, gehören zu den bekannteren Eigenheimbesitzern. Oder auch der vor einem Jahr verstorbene ehemalige deutsche Botschafter Herwig Bartels.

Seinen Riad El Cadi, einen stattlichen Komplex von mehreren miteinander verbundenen Altstadthäusern, führen nun die Töchter von Berlin aus weiter. Aber wie kommt man zum El Cadi? Als Elias Canetti in den fünfziger Jahren Marrakesch besuchte, entwickelte er einen wahren Sport, das Geheimnis der Altstadt und ihrer Häuser zu lüften. Seine sephardischen und ottomanischen Wurzeln halfen ihm zu einigen Anerkennungserfolgen. Normalsterbliche tun sich schwerer. Orientalische Städte sind Labyrinthe, ein Netz von kilometerlangen Verästelungen und Sackgassen. Bald verflucht man alle Stadtpläne und Reiseführer als untaugliches Menschenwerk und fügt sich dem Instinkt und höherer Führung.

Wenn man in einer der belebteren Gassen oberhalb des Platzes abzweigt und den Blick durch einen unscheinbaren Torbogen nach rechts wendet, schaut man in den Rachen einer auch tagsüber dunklen Flucht. Dieser Tunnel knickt in seinem Verlauf mehrfach abrupt ab und verengt sich bald auf die Breite eines Handkarrens, um an einer unscheinbaren Tür zu enden. "Bonjour moustache", grüßt da hin und wieder einer und spielt auf den Schnurrbart des Besuchers an, während die Frauen sich verschämt zur Seite wenden. Aber die Kinder johlen und imitieren in sicherem Abstand den unsicheren Gang des Fremden. Es riecht nach Essen, Fäkalien und Müll. Jetzt am Spätnachmittag ist die Zeit, da die Frauen zu kreischen beginnen, weil ihnen die vielen Kinder, die Männer, die Enge und der Staub auf die Nerven gehen.

Fast überall in den arabischen Städten hat die Schicht der Händler und Notabeln die Innenstädte vor Jahrzehnten schon verlassen und ist in die im Kolonialzeitalter angelegten villes nouvelles gezogen, wo es bessere sanitäre Einrichtungen gab und die Möglichkeit, mit dem Auto bis vor die Haustür zu fahren. An ihre Stelle wiederum rückten Neubürger, die aus den ländlichen Gebieten in die Städte drängten. Dem Sozialprodukt nach belegt Marokko einen ärmlichen 70. Platz im internationalen Ranking. Die Region um Marrakesch zählt zu Marokkos ärmsten. Ein Fünftel der Bevölkerung hat nicht das Geld, um sich ausreichend zu versorgen. Die Erbengemeinschaften der Alteingesessenen sind froh, Baulasten und lästige Mieter loszuwerden, und nutzen die Erlöse, um in den Banlieues neu zu bauen. Es kommt ihnen mehr als entgegen, dass sich ausländische Investoren seit ein paar Jahren als Retter der Tradition aufspielen. Der Satz, dass die Einheimischen ihre Altstädte verkommen ließen, ist in Marrakesch ständig zu hören.