Diese Tür könnte es sein, oder die andere dort drüben? Oder die hier? Rettung naht in Gestalt eines Masseurs. Er strebt einer Kundin des Riad El Cadi zu, die im hauseigenen Hamam auf ihn wartet. Er weist den Suchenden kundig ein. Aber warum steht hier nicht der klitzekleinste Hinweis? Ein Wegweiser oder wenigstens ein Türschildchen wären doch ganz nett gewesen. Nadja, die Verwalterin, wehrt ab. Nein, sagt sie, das störe das traditionelle Erscheinungsbild der Medina. Das Schöne lebt von seinem hässlichen Gegenbild. Richtig kann der Besucher das Paradies nur genießen, wenn er die Höllenkreise der Gassen zuvor durchmessen hat.

Nadja, die mit ihrer Familie in der Neustadt wohnt, weist den Gast in eines der fünf Hofhäuser des Riad ein, die Maison Bleue. Jede der Suiten und jeder Raum wurden von dem belgischen Architekten Quentin Wilbaux, einer Schlüsselfigur des örtlichen Immobilienmarktes, individuell gestaltet. Wilbaux verfertigte einst im Auftrag der Unesco eine erste Bestandsaufnahme der Riads. Jetzt verkauft er sie und sein Wissen – auf Wunsch schlüsselfertig. Der Riad El Cadi war eines seiner ersten Objekte. Er ist ausgestattet mit einer Bibliothek, dem Dampfbad, einem Swimmingpool mit Jet-Stream-Anlage, einer eigenen Galerie und einem Weinkeller.

Möbel aus China, Kelims aus Andalusien und ein Stein aus dem jordanischen Wüstenschloss Mashatta sollen die Vielsprachigkeit der orientalischen Kultur verkörpern. Unter dem Schutz eines stilisierten Beduinenzeltes nehmen die Gäste auf der großen Dachterrasse ihr Frühstücksmüsli ein. Der Blick schweift über die Dächer hinweg zu den Schneekuppen des Atlas oder schielt schlicht dorthin, wo die Nachbarfrauen ihre Hausarbeit erledigen. Wer Stille mag und den Duft von Orangenbäumen im Hof, wer es liebt, wenn durch schnörkelverzierte Eisengitter das Mondlicht auf die Bettdecke fällt, wird sich im Riad wohlfühlen.

100 bis 300 Euro kostet eine Suite im Riad El Cadi. Zeitgenossen wie der Mainzer Geografieprofessor Anton Escher begnügen sich mit einem Zimmer für 8 Euro die Nacht. Wenn er sich nicht gerade mit syrisch-aramäischen Bäckerdynastien, maghrebinischen Akrobatenfamilien oder paraguayisch-arabischen Schmugglersyndikaten beschäftigt, wohnt Escher traditionellerweise im CTM, dem Hotel des ehemaligen Busbahnhofs am Jemaa-el-Fna. Im CTM geht es ein wenig handfester als im Riad zu. Hier warnt ein Schild am Lavabo: Kein Trinkwasser. Im Riad gibt es sauberes Wasser, ein Seifenstück aus Deutschland, Armaturen von Hansgrohe, den guten Föhn von Braun und einladend auf kleine Wandhaken drapierte Frotteehandtücher. Im CTM findet man die Haare der Vorgänger auf dem Fußboden, und die Nasszelle programmiert die grauen Zellen darauf, das nächste Mal mit Klopapier, Handtuch und dem Klempnerkasten bewaffnet anzureisen.

Das CTM ist Eschers Dschungelcamp. Hier unterrichtet er seine Studenten, von hier aus schickt er Expeditionstrupps in die Medina. Hoftür um Hoftür hat sich das Mainzer Team durchgearbeitet, Informationen gesammelt und sogar mit dem Flugzeug Luftaufklärung betrieben. Alles, was man über das Phänomen der Riads und ihrer ausländischen Bewohner weiß, haben Escher und seine Mitarbeiter herausgefunden. Dabei interessiert sich das Mainzer Team nicht allein für die Bau-, sondern sozusagen auch für die Überbaugeschichte der Stadt.

Marrakeschs mittelalterliche Medina verdankt ihre Entdeckung und ihr Flair dem Überdruss des Westens an der Moderne. Existentialisten, Exilanten, Hippies, Interrailer und die Gay-Communities waren die Ersten, die kamen. Ihnen folgten Prominente, Schriftsteller, Designer, Filmleute, Künstler, Journalisten, Architekten und Fotografen. Sie beschworen einen orientalischen Traum, der dank einer rührigen Tourismus-, Bau- und Immobilienbranche längst hybride Realität geworden ist. Escher zählt zu den wenigen, für die das Wort Tradition keine Bedeutung hat. "Die orientalische Gesellschaft und Kultur, die diese Stadt geschaffen haben, wurden nachhaltig überformt und verändert durch die koloniale und postkoloniale Zeit. Welchen Urzustand will man also schützen?" Anders gesagt: Die Idee von der traditionellen orientalischen Altstadt ist ein modernes Konstrukt, ersonnen nach der Fasson und den Interessen des Okzidents. Statt von Tradition spricht Escher von Gentrifizierung, dem Neokolonialismus des Geldes und orientalisierendem Architektenkitsch.