Wie leben die Einheimischen, die sich den Luxus der Tradition nicht leisten können? Was denken sie über den Ausverkauf der Medina? Es dauert eine Weile, bis Abdallah sein Versprechen wahr machen und den Fremden zu sich mit nach Hause nehmen will. Und dann doch nicht. Er und seine Familie schämen sich für die Wohnung in der Altstadt, die der Gast aus Deutschland so gerne sehen möchte. Geschwind winkt Abdallah deshalb ein Taxi herbei und heißt es an den Stadtrand in eine Siedlung zu fahren, wo der Schwager, ein Mann mit Händen wie Baggerschaufeln, ein neues, ein modernes Haus besitzt. Fatima, Abdallahs Frau, war mit den Kindern und einer Reisetasche voller Fleisch, Gemüse und Couscous vorausgeeilt. Als wir ankommen, sitzen alle schon zusammen. Für den Besucher gibt es einen Löffel und ein Lätzchen. Aber es ist viel schöner, mit den Fingern zu essen.

Es wird ein schöner und erfolgreicher Sonntag. Denn die Männer kommen schnell zur Sache. Was das Gerede vom Ausverkauf soll, fragen sie. Ob denn die Medina nicht schon immer ein Zentrum des Kommerzes gewesen sei? Ein Eigenheim wie dieses hier sei das Paradies auf Erden. Die Altstadt? Die kannst du vergessen! Und nie mehr Staub wischen!, rufen die Frauen dazwischen und lachen. Der Schwager hat es geschafft. Jetzt geht es an die Feinarbeit. Wir sitzen in einer Baustelle. Jeden Sonntag schaufle er die Gipsreste karrenweise aus dem Haus, erzählt der Hausherr. Gips ist hier alles. Er hat die besten Handwerker bestellt, die, die ansonsten nur für die Ausländer arbeiten und noch richtig die ganz alten Techniken beherrschen. Stolz führt er durch die Räume. Den Plafond bedecken riesige Rosetten. Stalaktitenartige Gebilde hängen von oben herab, filigran wie feinstes gotisches Schnitzwerk. Ein Rosenhag aus Gips auf 80 Quadratmeter Grundfläche, schön wie die Moscheen Isfahans und prunkvoll wie die Paläste des Libanon. Du siehst, sagt Abdallahs Schwager, hier lässt niemand etwas verkommen. Die Tradition ist uns heilig.

Information:

Anreise: Ab Frankfurt am Main mit Lufthansa nach Marrakesch, aktueller Tarif ab 615 Euro. Mit Iberia via Madrid 410 Euro

Unterkunft:

Hotel Riyad El Cadi, 87, Derb Moulay Abdelkader, Marrakech-Medina, Tel. 00212-44/378655, www.riyadelcadi.com . Einzelzimmer 110 Euro, Suite 264 Euro