Verehrt oder verachtet? Der Journalist Hajo Schumacher, Jahrgang 1964, scheint vor allem fasziniert zu sein von dem hessischen Ministerpräsidenten. "Koch ist nicht irgendein Konservativer, sondern wahrscheinlich die größte Begabung seiner Partei. Er kann einen Saal zum Toben bringen wie Oskar Lafontaine, polarisieren wie Franz Josef Strauß, er verfügt über ein politisches Sensorium wie Gerhard Schröder, er hat den klaren schneidenden Verstand des Wolfgang Schäuble, er ist so durch und durch CDU wie Helmut Kohl, für ihn der zweite Heilige neben dem Dalai Lama, den er ebenfalls verehrt. Und er will Kanzler werden, wie Helmut Kohl, sein Vorbild."

Der Autor porträtiert den Politiker als Repräsentanten einer ganzen Generation. "Wie die Generation Golf hat Koch kein inneres Geländer. Woher auch?", urteilt er kurz und bündig über seine Generation, der sich Koch, wiewohl ein paar Jahre älter, zugehörig fühlt. Es sind die "satten, gelangweilten Konsumkinder, die nach der unbeschwertesten Jugend aller Zeiten nun vor einer unbequemen Zukunft stehen". Koch sei "der Anführer einer neuen Generation von Politikern, der Postachtundsechziger, die ohne existentielle Grenzerfahrung aufwuchs, ohne Krawall und mentalen Vatermord, historisch bruchlos, ohne Erfahrungen, die ihm ein unverrückbares Weltbild hätten mitgeben können". Das alles und noch viel mehr in dieser Richtung notiert der Autor in einer lässigen Oberflächensoziologie eher nebenbei und ohne jede kritische Reflexion. Es ist, als hätten die 68er, das Feindbild muss schließlich stimmen, in einer Art Präventivschlag die "inneren Geländer" künftiger Generationen gleich mit abgeräumt.

Politik wird zu einer anderen Form der Unterhaltung

Wie auch immer: Das erste Kapitel des Buches lässt keinen Zweifel daran, dass Koch der kommende Mann ist, ein Politiker, der warten konnte, bis die Zeit zu ihm kommt. Manche Passagen lesen sich wie aus einer brillant formulierten Werbebroschüre des Kandidaten. Die beiden letzten Kapitel hingegen (Kochs Sinkflug und Merkels Aufstieg) bringen dann jedoch das Heldenepos gehörig ins Wanken: Alles laufe auf Angela Merkel zu. Schumacher vergleicht und bewundert beide, seinen "mechanischen" und ihren "systemischen" Politikstil, den "Machtmathematiker" Koch genauso wie ihre "naturwissenschaftliche Methode", Politik zu machen. Beide zusammen wären sie ein Traumpaar, so meint er, einfach unschlagbar, wenn sie es nur begreifen würden…

Dazwischen erzählt Schumacher Leben, Aufstieg und Rückschläge des Roland Koch. Dabei breitet er alles aus, was er bei Freund und Feind, Zeitgenossen und politischen Akteuren eingesammelt hat an Gerüchten und Geschichten, Informationen und Spekulationen. Es entsteht ein süffiges Buch: Welcher Autor schafft es schon, dass sich jüngere Leser freiwillig 333 Seiten über Koch, Merkel und die (hessische) CDU antun? Und es entsteht ein windschnittiges Buch, das meist an der Oberfläche surft, wie die Winde gerade wehen. Der Abgesang auf Koch und die Elogen auf Frau Merkel erklären sich leicht aus dem Umstand, dass das Manuskript im Frühjahr 2004 abgeschlossen war, nachdem die Vorsitzende der CDU "ihren" Bundespräsidenten durchbrachte und die Umfragewerte der CDU noch bei 50 Prozent lagen. Weder bei Merkel noch bei Koch wird auch nur in Umrissen ein politisches Profil deutlich, und die Frage bleibt offen, ob dies am Autor oder an den Politikern liegt. Macht es einen Unterschied, wer von beiden das Land regiert? Wer seinen Objekten zu nahe auf den Leib rückt, kann das Ganze nicht mehr sehen. Tausend Details summieren sich nicht zu einem Bild. So stehen am Ende des Buches jeweils zehn Gründe, warum Koch auf jeden Fall – und warum er auf keinen Fall Kanzler wird. So ähnlich kann der Autor bald auch das Buch über Angela Merkel beschließen; er promoviert gerade über deren Führungstechniken. Man kann die prognostische Kraft auch kürzer fassen. Koch oder Merkel: eine(r) von beiden wird Kanzler werden – oder auch nicht. Prognosen sind schwierig, vor allem wenn sie die Zukunft betreffen. Aber warum versucht er sich dann in leeren Spekulationen?

Anders als beabsichtigt ist Schumachers Buch zu einem Dokument der Zeit geworden. Es handelt von Politik und von Politikern, gewiss doch, aber genau betrachtet von politics without policy. Politik und das Geschäft der Politiker schrumpfen auf den politischen Betrieb zusammen: keine Kategorien, keine Inhalte nirgends, mit denen man die Urteilsfähigkeit schärfen und die Öffentlichkeit aufklären könnte. Politik wird zu einer anderen Form der Unterhaltung. Dagegen ist wenig zu sagen, im Gegenteil: Es ist die große Stärke des Buches, eine gelegentlich sogar spannende Unterhaltung zu bieten. Politik aber so ganz ohne Politik wird auf Dauer langweilig: in der Wirklichkeit wie in den politischen Büchern, mögen sie auch noch so gut geschrieben sein.