Die Sendung Scheibenwischer mit Dieter Hildebrandt ist 23 Jahre und 144 Ausgaben lang gelaufen. Das heißt, verglichen mit der Ära Hildebrandt, sieht die Ära Kohl geradezu filigran aus. Hildebrandt war trotzdem verärgert, als sie ihm seine Satiresendung im Oktober 2003 weggenommen haben. Er geht auf die Achtzig zu, was treibt ihn an? These: Es ist Misstrauen. Die Demokratie? Nur eine dünne Tünche, die man über den Nazikram drübergestrichen hat. Man muss bloß kratzen, dann kommt bei fast jedem Deutschen der Nazi zum Vorschein. Die Demokratie muss täglich verteidigt werden, sonst ist sie futsch.

Dieses Hildebrandt-Misstrauen war viele Jahre lang berechtigt oder notwendig oder unvermeidlich. Die Dinge in Deutschland haben sich im Laufe der Jahrzehnte allerdings demokratischer entwickelt, als Pessimisten befürchteten. Diese Entwicklung ist für die alarmistisch pessimistische Kunst des Kabarettisten Hildebrandt nicht hilfreich gewesen. Am Ende, als sein Scheibenwischer an die Kükengeneration der Fünfzigjährigen übergeben wurde, hat hinter der Entscheidung niemand, nicht einmal er selbst, ein rechtes Komplott vermutet. Das sagt alles.

Jetzt tritt er überall in Deutschland auf und hat eine Art Tourneetagebuch. Es heißt trotzig Ausgebucht, und Dieter Hanitzsch hat dazu Zeichnungen geliefert. Reisen durch Deutschland, sowie Reflexionen über dasselbe. Der alte Hildebrandt bedient das gleiche Genre wie vor einer Weile der junge Stuckrad-Barre.

Sein vorherrschender Ton ist der des Verärgertseins. Hildebrandt ärgert sich über die Zustände bei der Bundesbahn, über die Abschaffung des Erfurter Sprechtheaters, über die allgemeine Entpolitisierung, über unhöfliches Hotelpersonal, immer noch über Helmut Kohl, über Hartz IV und Sozialabbau, Kritiker, unverschämte Zugschaffner, die Kommerzialisierung des Fußballs, den Werbeblock im Fernsehen, zu niedrige Honorare, das Maut-Debakel, kaputte Duschen und zu kalte Butterstückchen im Hotel, "breitärschige CIA-Agenten" in der Innenstadt beim Staatsbesuch, die dummen Floskeln der Fußball-Kommentatoren, Japaner, die "sich in jeder Lebenslage wild gegenseitig fotografieren", zu saubere Straßen in schwäbischen Kleinstädten, also, alles in allem über das, worüber fast jeder sich ärgert. Das Buch macht einen klüger, weil es zeigt, dass Ärger ein stark klischeegefährdetes Gefühl ist, ähnlich wie Liebe, und dass man sich unbedingt auch mal freuen sollte, sogar als Kabarettist, sonst ist das Leben allzu fad.

Über Terrorismus sagt er: "Was haben wir nur für Götter, die das zulassen!" Über Sömmerda an der Unstrut sagt er: "Hier in Sömmerda an der Unstrut hat der geniale Erfinder des Zündnadelgewehrs gelebt und gearbeitet." Manchmal hat er einen Kalauer oder auch einen Leitartikel hineingeflochten. "Amerika ist ein Schurkenstaat geworden." – "Die Berlusconisierung Europas schreitet fort." – "Angela Merkels Anmut ist schwer verkäuflich." Da nickt man oder schüttelt empört den Kopf. Das, was man bei solchen Sätzen garantiert nicht tut: ins Grübeln kommen.

Von dem Buch geht eine wehleidige Wohlanständigkeit aus, wie von einem alten Doris-Day-Film. Es ist ein bisschen langweilig, weil man immer weiß, wer die Guten sind und wer die Bösen, und, vor allem, dass es in Deutschland nicht gut ist. Die besten Passagen sind die, in denen Dieter Hildebrandt etwas Neuem, moralisch schwer Einzuordnenden begegnet, einer Sache, über die er noch keine in Beton gegossene Meinung hat und über die er echt nachdenken muss, zum Beispiel Feng Shui. Ein Feng-Shui-Buch von Dieter Hildebrandt wäre bestimmt interessant.