Im Bus saß ich einmal hinter einem Herrn, auf dessen Anorak in großen Lettern "Never stop thinking" stand. Oh Gott! In Null Komma nichts sind wir bei Descartes: "Cogito, ergo sum." Da lobe ich mir den Bundestagspräsidenten Wolfgang Thierse, dessen Ideal der Mensch als Einheit aus Kopf und Wade ist. So spielte er denn auch schon in seiner Kindheit Schach und Fußball im Verein. Gewissermaßen das Pendant zu den Kickern des FC Bayern München, die es laut ihrem Pressesprecher nicht nur in den Waden haben. Was natürlich ohnehin niemand vermutet hätte, allenfalls neidische Schachspieler. Die gäben gern ihren schwergewichtigen Kopf für den einträglicheren Ballackschen Wadenmuskel.

Noch einer mit Kopf und Wade ist Bundesinnenminister Otto Schily, der früher als linker Verteidiger nach eigener Aussage "Terrierqualitäten" entwickelte, hingegen beim sublimierten Kriegsspiel Schach vor allem das Friedliche und Faire sieht – schließlich gibt man sich vor- und nachher die Hand. Doch Friede hin oder her, er liebt auch die Bauernopfer – selbstredend nur beim Schachspiel: "Das ist der schönste Sieg, wenn Sie etwas ins Geschäft gesteckt haben und dadurch gewinnen."

Noch etwas martialischer – beim Schach notabene – ist Verteidigungsminister Peter Struck. "Es gibt doch nichts Schöneres, als zu wissen: ›In drei Zügen hast du ihn matt, und er kann nichts mehr dagegen tun.‹"

Zurück zu Schily. Beim letzten Politikerturnier in Berlin muss er manches mit Gewinn investiert haben: Er gewann die Auszeichnung für den besten "Amateur", also Spieler ohne Vereinszugehörigkeit. Dieser Pokal wurde von der CDU gestiftet – honi soit qui mal y pense.

Das Turnier gewann der Berliner Grünen-Politiker Dietmar Lingemann. In dessen gemeinsamem Büro mit Christian Ströbele steht zwar ein Schachbrett, "aber leider bietet der politische Alltag keine Zeit für vergnügliche Denkaktionen".

Sehen Sie, wie Lingemann als Schwarzer am Zug in der entscheidenden Partie gegen Ralf Seibicke, den Präsidenten des Landesrechnungshofes Sachsen-Anhalt, mit einem hübschen, sich bestens verzinsenden Opfer in siegbringenden Vorteil hätte kommen können? Dummerweise war er ebenso wie sein Gegner in Zeitnot, hatte also nicht genügend Zeit zum Denken und gewann stattdessen durch Zeitüberschreitung des Gegners.
Helmut Pfleger

Auflösung aus Nr. 2:
Wie setzt Weiß spätestens im vierten Zug matt? Der einzig richtige Schlüsselzug ist 1.Tb6! Als Verteidigung gegen das Grundlinienmatt durch 2.Tb1 bleibt nur 1…Lb4 (1…g2 2.Sg3+ Kg1 3.Tb2 nebst 4.Txg2 matt hilft nicht, aber ja nicht 2.Tb1+ g1S+! – die Unterverwandlung in einen Springer mit Schachgebot rettet Schwarz vorm vierzügigen Matt, im Gegensatz zu 2…g1D 3.Sf2 matt). Doch nun folgt 2.Sxg3+ Kg1 3.Tf6, und das Matt durch 4.Tf1 ist nicht zu vereiteln