Weit mehr als hundert Kurzgeschichten hat Anton Tschechow in seinem kurzen Leben (1860 bis 1904) geschrieben, die meisten davon als Medizinstudent und junger Arzt. Die Storys aus dem Russland des Fin de Siècle erschienen in Moskauer oder Petersburger Tageszeitungen, brachten ihrem Verfasser zwar keine großen Honorare ein, ließen aber die literarisch Interessierten im zerbröckelnden Zarenreich aufhorchen. Da rückte einer in bisher ungehörten, ungeschönten Tönen nüchtern und neugierig der Alltagswirklichkeit zuleibe.

Vierzehn dieser frühen Beispiele wurden von Peter Urban neu übersetzt und von Tatjana Hauptmann mit schwarzweißen Zeichnungen versehen, die eher die lichte als die ernste Seite der Erzählungen illustrieren. Der Verlag reiht den Band unter seine Ausgaben der Kinderbuchklassiker ein, und so gibt der Titel vor, es handele sich um Kindergeschichten.

Zwar spielen Kinder meist eine Rolle, aber Tschechow beugt sich nicht herab, um für Kinder zu schreiben. Die Eingangserzählung macht mit ihrem Happy End das Anlesen des Bandes besonders leicht: Die gutmütige Hündin Kaschtanka, eine Promenadenmischung, verirrt sich, findet eine Unterkunft, wird abgerichtet, tritt im Zirkus auf und kehrt doch wieder ins bescheidene schmuddelige Tischlermilieu zurück. Die folgenden Texte können nicht verleugnen, dass ihr Verfasser der große Beobachter des kleinen Lebens ist, der keine rettende Wahrheit für die bedürftige Welt - so urteilte einmal Thomas Mann über Anton Tschechow - bereithält.

Wie manches eben nicht aufgeht im Leben, wie die Perspektiven von Kleinen und Großen, Armen und Reichen, Glücklichen und Unglücklichen nicht zusammenpassen, das lässt Tschechow nebeneinander stehen. Es passiert nicht viel und nichts Sensationelles. Aber er beobachtet wie ein Jäger auf dem Hochsitz und schildert in einer Sprache, die sich, nach Maxim Gorkij, sofort jedem Gehirn einprägt: ob es die Kinder sind, die verborgen um Geld spielen, bis sie vom Schlaf übermannt werden, oder der sechsjährige Wanja und sein Schwesterchen in ihrer Idylle mit den Katzenjungen, die am Ende der Hund frisst. Und so lagern Trauer und Ernst über vielen Geschichten. Über der vom Kutscher, der den Tod seines Kindes nicht verwinden kann, wie über der Erzählung vom gepeinigten Lehrjungen, der einen Weihnachtsbittbrief schreibt, der den Großvater aber nie erreichen wird.

Doch es fehlt auch nicht an Humor, wenn vom alten General erzählt wird, der Zahnweh hat und fast an einen Wunderdoktor geraten wäre, oder in der Burleske von dem bösen Buben, der die Verliebten beobachtet, sie verpetzt und dadurch zwingt, sich zu verloben. Kein einziges Mal haben die zwei ein solches Glück, eine solch ergreifende Seligkeit empfunden ... wie in jenen Minuten, als sie dem bösen Buben die Ohren lang zogen.

Tschechows nachdenkliche Auffassung von der Undurchsichtigkeit des Lebens steckt ebenso in dieser Sammlung wie die Schilderung von glücklichen Momenten, von Illusionen und Pannen. In allem folgt sie aber seiner eigener Maxime: Man sollte nicht für Kinder schreiben, sondern nehmen, was bereits für die Erwachsenen geschrieben ist.