Wer verstehen will, wie der Tsunami unser Lebensgefühl verändert hat, kommt an Klaus Scharioth nicht vorbei. Der Staatsminister im Auswärtigen Amt tritt täglich vor die Presse, um die neuen Vermisstenzahlen vorzutragen und über die Lage in den Notgebieten zu berichten. Die schrecklichen Fakten allein garantieren ihm zwar schon die Aufmerksamkeit von Millionen. Aber da ist noch etwas mehr.

Man ist regelrecht dankbar, wenn der uncharismatische 58-jährige Beamte auf dem Bildschirm auftaucht. Das hat sicher mit der Professionalität zu tun, die Scharioth ausstrahlt. Er weicht keiner Frage aus und gesteht Fehler und Pannen ein, ohne herumzueiern. Und er spielt nicht mit den Gefühlen der Leute, auch nicht für einen guten Zweck. Man beginnt unwillkürlich nach altmodischen Worten zu greifen – irgendetwas in der Art von Herzensbildung oder Taktgefühl –, wenn man den sachlichen Stil seiner Auftritte beschreiben will. Das Geheimnis der erstaunlichen Beliebtheit von Klaus Scharioth ist vielleicht, dass er ein Gefühl für die Verletzlichkeit ausstrahlt, die wir durch den Tsunami erfahren haben. Der wohltuend nüchterne und zugleich erschütterte Scharioth ist das aktuelle Gesicht unserer Verwundbarkeit.

Hinter den Zahlen, die Scharioth verkündet, stecken lauter Geschichten von einem blindwütigen Schicksal, das die einen zerschmettert und die anderen davonkommen lässt. Was passiert mit uns Daheimgebliebenen und für diesmal Verschonten, wenn wir wochenlang solchen Geschichten ausgesetzt sind?

Da ist der Vater, der nicht aufhören will, nach seiner Frau und den beiden Töchtern zu suchen, weil er sich mit dem Verschwinden seiner Familie nicht abfinden kann. Er sagt einem Reporter: "Die Kinder waren Klassenbeste. Meine Frau wurde am Tag vor der Abreise noch befördert." Und er sagt das tatsächlich so, als würden diese Fakten die Unverdientheit des Unglücks erst greifbar machen. Natürlich ist das absurd. Aber man hört in solchen verzweifelten Überlegungen den Nachhall des Schmerzes, der durch die Sinnlosigkeit des unschuldigen Todes in den Wellen entsteht.

Ein anderer Familienvater, der österreichische Schriftsteller Josef Haslinger, hat mit Frau und beiden Kindern nur knapp überlebt und viele andere sterben sehen. Er beschreibt einem Reporter seine Ratlosigkeit angesichts eines "absolut unwürdigen Sterbens": "Wir sind gegen solche Situationen nicht gewappnet, wir haben keinen Krieg und auch keine vergleichbaren Katastrophen erlebt. Mit dieser Form des Endes, mit Toten und Verstümmelten vor Augen, haben wir nicht umzugehen gelernt. Die Erfahrung, dass das vermeintliche Paradies – Sand, Sonne, Meer – sich im Handumdrehen in die Hölle verwandelt, haben wir bislang nur im Film ausgelebt. In der Realität lässt sie uns hilflos zurück."

Die Kinder der Nachkriegszeit – Haslinger ist 49 Jahre alt – haben keine Erfahrung mit Schicksalsschlägen dieser Wucht. Doch seit Jahren jagt nun in immer schnellerem Rhythmus ein Ernstfall den nächsten: Krieg und Massenmord in Europa von Bosnien bis Kosovo, Seuchen von BSE bis Sars, apokalyptische Terroranschläge – und nun auch noch der verheerende Tsunami.

Ein nennenswertes Schicksal hatten bisher immer nur die anderen, die Generation der Eltern und Großeltern. Es war oft schwer zu ertragen, wenn einem die Älteren immer wieder mit Erinnerungen an ihr schweres Los kamen. Überhaupt "Schicksal" – das war eines dieser tiefen deutschen Wörter, voller verdächtiger Schwere und Dunkelheit. Nachkriegsdeutschland war in den Anfängen eine "Schicksalsgemeinschaft", hatte der konservative Soziologe Helmut Schelsky geschrieben. Die Sache roch nach Trümmern, Kommissbrot und Erbsbrei, stillem Dulden, Wiederaufbau-Verbissenheit und falscher Sentimentalität.

Zwischen Krisenmanagement und apokalyptischer Hysterie