Der Videotext wird 25, und er sieht noch immer fast so aus wie zu den Zeiten seiner Entstehung im Jahre 1980. Er erinnert optisch an erste Pacman-Spiele oder an die Grafik des C64. Und trotzdem ist er immer noch äußerst beliebt: In Deutschland informieren sich an einem Tag mehr Menschen im Videotext als auf der Internet-Seite Google im ganzen Monat, nämlich insgesamt zuletzt rund 16 Millionen. Tendenz steigend. Eine erfolgreiche Seite wie die 251 mit den Bundesliga-Ergebnissen wird samstags bis zu 12,5 Millionen Mal angewählt. Und diese Millionen sind keinesfalls alle ältere Menschen, die mit dem Internet nicht zurande kommen: Der Durchschnittsnutzer des ZDF-Videotextes ist jünger als der des ZDF-Fernsehprogramms.

Bis Ferdinand Utner, Leiter der Hauptredaktion Neue Medien beim ZDF, vor drei Jahren erfuhr, dass er künftig den Videotext leiten solle, war sein heimliches Urteil zum Videotext: "Gestalterisch relativ verarmt." Wenn der 39-Jährige heute in seinem Mainzer Büro sitzt, redet er von einem "sehr kreativen Spielzeug", wenn er den Video- text meint. Utner, hellblaues Oberhemd, ordentliche Frisur, dezente Brille, sieht nicht aus, als mache er Scherze. Und dann erzählt er von der Kindersendung 1, 2 oder 3: Seit noch nicht allzu langer Zeit können Kinder per Videotext mitspielen. Während die Kinder im Fernsehstudio sich per Hüpfen für eine Antwort entscheiden müssen, können die Kinder vor dem Fernseher dies mit Hilfe der farbigen Tasten auf ihrer Fernbedienung tun. Auf dem Bildschirm sehen sie parallel drei Kästchen eingeblendet, im Videotext-Look.

Ferdinand Utner erzählt, dass er kaum schätzen kann, wie oft in den vergangenen Jahren in Zeitungen geschrieben wurde, der Videotext sei demnächst tot. Dann steht Utner auf, verlässt sein Büro, fährt mit dem Fahrstuhl, wechselt das Gebäude, läuft einen mehrere hundert Meter langen, kreisrunden, fensterlosen Gang entlang, die "Katakomben des ZDFs", wie er es nennt. Wie die Kommandobrücke eines Raumschiffs mutet der Raum an, vor einer Wand voller Bildschirme sitzen vor Reglern und Knöpfen die Techniker, und auf einem grünen Monitor, der aussieht wie ein Radargerät, ist die Entstehung des Videotextes zu bewundern: verschieden große Linien, die von links nach rechts über den Bildschirm huschen und deren permanente Veränderung signalisiert: Der Videotext lebt.

Seine Geburt verdankt der Videotext eher einem Zufall. Weil der Elektronenstrahl, der die 540 Zeilen, die aneinander gereiht das Fernsehbild ergeben, nach getanem Bildaufbau – laienhaft ausgedrückt – eine kleine Pause braucht, gibt es noch 36 weitere Zeilen auf dem Fernsehbildschirm, die für den Zuschauer nicht sichtbar sind. Zusammen heißen sie unter Technikern: die Austastlücke. Und dort – so die Idee vor etwas mehr als 25 Jahren – könnte man auch Textnachrichten unterbringen. Seither hat mittlerweile fast jeder Sender – ob in Deutschland, Portugal oder der Ukraine – seinen eigenen Videotext, abrufbar mit Hilfe eines kleinen Knopfes auf der Fernbedienung.

Bis zu 899 Seiten werden dort nacheinander gezeigt, ein Durchlauf dauert rund 25 Sekunden, abhängig davon, wie viele Seiten mit Inhalt gefüllt sind. Wählt ein Zuschauer eine bestimmte Seite, muss er warten, bis zur Wunschseite geblättert wird, anschließend speichert das Fernsehgerät die Seite. Als Utner beim ZDF die Verantwortung für den Videotext übernahm, störte es ihn, dass der Zuschauer, wollte er beispielsweise die Startseite 100 sehen, das Gerät sich aber gerade bei Seite 101 befand, gute 24 Sekunden warten musste. Er veranlasste deshalb die Techniker, beliebte Seiten – die Übersicht auf 112, den Sport auf 200 oder die Börse auf 600 – öfter in den Kreislauf einzufügen. So verkürzt sich die Wartezeit für den Zuschauer. Gleichzeitig brachten die Hersteller modernen Fernsehgeräten bei, mehrere Seiten zu speichern – der Videotext wurde schneller.

Alles ist, wie es immer war – die Zuschauer wollen es so

Das ZDF hat seine Zuschauer nach ihren Gründen für das Einschalten des Videotextes befragt. Die Vorteile, die die meisten nannten, waren: dass der Videotext ein schnelles Medium ist, dass er nichts kostet, dass er so übersichtlich gestaltet ist und dass es so wenig Mühe braucht, um ihn zu benutzen – schließlich muss man sich nicht umständlich einwählen. "Wer das Wetter von morgen wissen will, braucht im Internet neben der Anwahl noch mindestens drei Mausklicks. Beim Videotext ist es ein Tastendruck und immer dieselbe Seite", sagt Utner.

Durchschnittlich 85 Sekunden pro Tag verweilt ein Leser täglich beim Videotext, die Frauen/Männer-Quote beträgt rund 50 zu 50. Und bei Ereignissen wie dem 11. September oder der Flutwelle in Asien steigt die Zahl der Leser stark an. "Der Videotext, ein Krisenmedium", sagt Utners Kollege von der ARD, Joachim Kotelmann. Der ARD-Text ist mit 16 Prozent der Leser Marktführer im deutschen Videotextmarkt, das ZDF hält rund 12 Prozent.