Auch fanden die Massenhinrichtungen in mehreren Fällen nicht auf dem Appellplatz statt, sondern in den Stollen des Mittelwerkes, in dem die Raketen montiert wurden. Hier mussten neben den Häftlingen die Zivilbeschäftigten antreten. Vor aller Augen legte man dann den Todeskandidaten die Stricke um den Hals. Sie waren an einem Holzbalken befestigt; ein Kran zog sie allmählich in die Höhe. Die Opfer wurden langsam stranguliert.

Gewalt und Terror gehörten in allen Lagern zwar von Anfang an zur Tagesordnung. In den wahllosen Massenexekutionen der letzten Wochen entlud sich jedoch bereits die verzweifelte Wut von SS und Gestapo über die auch für den letzten Fanatiker abzusehende Niederlage. "Die Offensive [der Alliierten] ist geglückt. Die Raserei unserer Henker ist der Beweis", notierte 1945 der belgische Häftling Edgar van de Casteele.

Zugleich dienten die Hinrichtungen der SS ein letztes Mal der trotzigen Selbstvergewisserung. Jeder konnte und sollte sehen, dass der Macht des Regimes und seiner Männer keine Grenze gesetzt war. Sie versuchten so, vielleicht mehr sich selbst als ihren Opfern, zu zeigen, dass sie nach wie vor über die Mittel verfügten, auf denen ihre Herrschaft basierte: Schrecken und Gewalt.

Von Januar bis April 1945 starben durch Terror, Erschöpfung und Krankheiten 6.000 Häftlinge in den Mittelbau-Lagern. Im selben Zeitraum wurden in den Stollen mindestens 1.700 V2-Raketen und über 6.000 V1-Flügelbomben montiert, Terrorwaffen, denen in London und Antwerpen noch Tausende zum Opfer fielen. Der Beschuss der flämischen Metropole endete erst in den letzten Märztagen.

Als sich die Amerikaner Anfang April von Westen her dem Harz näherten, gab die SS den Befehl zur Räumung. Es wiederholte sich nun, was die Häftlinge aus Auschwitz und Groß-Rosen bereits im Januar und Februar 1945 hatten erleiden müssen: In aller Eile und mit großer Brutalität trieben die Wachmannschaften die Lagerinsassen in herbeigeschaffte Güter- und Viehwaggons. Mehrere mit Tausenden von Menschen beladene Züge verließen bis zum 6. April den Südharz in Richtung Bergen-Belsen bei Celle, Sachsenhausen nördlich von Berlin und Ravensbrück an der Havel.