Medienverwöhnt ist Herbert Achternbusch, 66, und sagt doch: "Ich bin ein Außenseiter"

Lieber ist er sein "eigener Idiot", als dass er "den Deppen macht für den Hühnerstall". Dort, wo "die Sekundären" den Kulturbetrieb regieren – die Lektoren, Professoren, Filmfuzzis, Fernsehfuzzis, Galeristen, Journalisten, Intendanten. "Wäwäwä!", kräht er lustbitter, die Kinderseele im Altbauerngesicht: "Wäwäwä!", seine Generalmetapher für das Geräusch des Betriebes. Was soll er da, der "Geldtöter", dort, wo nur noch Platz ist für die "Primären, die Money-Maker". Herbert Achternbusch, 66. Er hat sie alle durch, die Nobelverlage von Suhrkamp, Hanser, Kiepenheuer, Fischer, bei Bertelsmann war er und bei Zweitausendeins. Zahllos die Bücher, an die dreißig Filme, Hunderte von Bildern, Aktionen, Auftritten, Inszenierungen. Preisgekrönt, medienverwöhnt. Zu seinem Sechzigsten war München geflaggt mit seinen Sentenzen, die ganze Geburtsstadt ein einziger Achternbusch. Trotzdem sagt er von sich: "Ich bin ein Außenseiter. Das ist mein Los!" Das Los des alten Kindes, das von einem Hof mit 700 Jahren Geschichte stammt: "Niemands Herr & niemands Knecht / Das ist Freibauernrecht!"

Er mag nicht "herumplärren wie der Walser" oder andere Herren Dichter

"Wäwäwä!" Die lederne Motorradhaube schräg auf dem Schädel, das geringelte Clownsleiberl um den schmalen Leib, flatternde Ohrenklappen um die glatteste Glattrasur. "Brrr brrr!", pilotiert er das Gespräch über die Teetassen hinweg. Achternbusch hat ein neues Stück geschrieben. Darüber wollen wir sprechen. Der Stand-up-Comedian flattert vor Angst, weil in der Rede plötzlich die tote Mutter mit am Tisch sitzt neben dem untoten Hitler. Und auf dem Tisch sieht er neben dem Lebkuchen einen Revolver – beide haben sich durch den Mund erschossen.

Hitler ist für ihn Der Weltmeister. Der ihn quält, seit er denken kann. Und da er "den Judenmord in sich stecken spürt", seit er fühlen kann, mag er nicht so "draußen herumplärren wie der Walser und wegschaun und gscheit rumreden wie die Herren Künstler!". Nicht kunstvoll gebrochen sei der Spiegel, den Kunst der Gesellschaft nach Auschwitz vorhalten könne, sondern "zerdeppert". So wie seine Texte "zerdeppert" seien und er ihr "Depp". Das ist das Anarchogramm des Herbert Achternbusch: eine grausige Groteske. Und so ist dieses neue Stück, Der Weltmeister, eine grausige Hitlerhanswurstiade und deren Protagonist ein faulender Popanz. Der furzende Führer als stinkende Stele, Unrat redend, Unrat in die Seelen säend. Eine Bramarbasierbüste, die vom Kaffeeklatsch zum Abort über die Bühne getragen wird und wieder retour in die autobiografische Runde von Oma, Mutter, Exfreund Bierbichler und Exgeliebter Annamirl Bierbichler. Die GröFaZ-Skulptur will nicht zurück nach Österreich; da sie das falsche Volk umgebracht hat, möchte sie nach Israel, um an den Arabern "den blutigen Gedanken zu Ende zu denken". Aus der sich wälzenden Suada des Stückes mit seinen krausen Dissoziationen tritt die These hervor: "Die Deutschen haben Adolf Hitler über alles geliebt und kennen die Liebe nicht mehr!"

Und wer soll einen solchen Albtraum auf die Bretter bringen? "Eh Wurschd!", raunzt Achternbusch. Allein der Gedanke an den Weltmeister tröste, und das Schreiben an sich sei die größte Lust. "Der Peymann hat mir nie was wolln. Der versteckt sich hinter seim Knecht, wie heißt er nur, der Beil, und der zahlt mir den Kaffee im Landtmann. Eine Freikarte dazu. Das wars!" Und – "Brrr, brrr!" – gleich wird "Herbert der Motorradlritter" über die Metamorphose des reinen Toren zum glasharten Analytiker des Theatermarktes und seiner Konjunkturritter. Nur wer was bringe für die "Bewusstseinsbäder" einer durch "Subventionen verblödeten Bühnenwelt", der werde flächendeckend abgespielt von Thomas Bernhard bis – "Wäwäwä!" – Frau Jelinek: "Geisteskranker Sumpfbildungswahn!" Da bleibt er lieber frei im Abseits, mit dem Rücken zur Wand, wie er sagt, geht nirgendwohin, wo’s wichtig ist, und wirft in Ruhe seinen bösen Blick auf "das gackernde Panoptikum" derer, "die sich aufführen!" Gebührlich aufführen natürlich. Wer sich "ungebührlich" aufführt und das Enfant terrible nicht nur spielt, der bezahlt einen hohen Preis. Einen Herbert Achternbusch erträgt, so scheint es, die heutige Kulturindustrie, anders als vor zwanzig, dreißig Jahren, nicht mehr. Oder? Taucht das Fossil wieder auf? Lange genug hat er sich ja ungebührlich genug benommen in seinem öffentlichen Privaten-Leben. Da verbrennt er, der Gekürte, den respektablen Petrarca-Preis-Scheck; da will er, der Verlassene, mit einer namentlich gekennzeichneten Heiratsanzeige in der ZEIT seine Frau Judith zurückgewinnen, veröffentlicht ihren Namen und ihre Maße gleich mit; da führt er, der Filmgeförderte, zehn Jahre lang allein einen Prozess gegen die Bundesrepublik Deutschland, weil ihm der CSU-Innenminister wegen Gotteslästerung Gelder nicht ausgezahlt hatte. So zofft, wütet und fuhrwerkt er in seinen Arbeits- und Lebensbeziehungen herum, dass es nur so kracht, wie es einem halt aus dem Bauch kommt, wenn man nie älter geworden ist, sagt er, "als zwölfe". Grobianisch dazu: "Leid tut mir nix!" Aber treuherzig folgt der Gram über "den Topf voll Scheiße im Kopf", wo diese "ungute Ursuppe" ihm früh beim Aufwachen die Brüche und Wider-Sprüche von Werk und Leben "durchkocht". Dabei ist er der denkbar charmanteste Renitenzler, der lämmersanfteste Berserker, der zärtlichste Derblecker. Unendlich verletzt, ein Angstbeißer also. Der sich verschanzt in seinen beiden Wohnburgen in München und in seinem barocken Forsthaus im österreichischen Waldviertel, in dem er phobisch Wände, Decken, Böden bemalt und übermalt. Im Hof unterhält er eine bemalte Holzbühne, auf der kein "Wäwäwä" gespielt werden darf, und daneben einen bemalten Holztempel, in dem kein "Wäwäwä" gebetet wird.

Genießt der "Deifi Herbert" Artenschutz in der Provinz?

Aber einen Verleger hat er wieder gefunden, dortselbst. Es ist "das Richardl", der Herr Pils, dem die Bibliothek der Provinz in Weitra gehört. Seinem Editor, siebzehn Stück Achternbusch hat er bereits verlegt, ist er "ein Universalgenie, das mir aus Herz, Seele und dem Lüngerl spricht, ein Freund dazu und überhaupt der bedeutendste kulturschaffende Bierkämpfer Mitteleuropas".

Ob die Hitler-Konjunktur Achternbusch jetzt aus dem Konjunkturloch hebt? Oder ob er Kassengift und Umsatzkiller bleibt? "Eh Wurschd!", die Verlagsbilanz. 1000 Stück pro Büchl wird er schon verkaufen, der Herr Pils, der ganz unspekulativ sich auf den "Deifi Herbert" und sein molochhaftes Gesamtwerk eingelassen hat. Literarischer Artenschutz?

Diesem Widerborst mit seiner programmatischen Unbedingtheit und seinem unberechenbaren Programm soll ein Platz gesichert sein jenseits des Windkanals der Buchbranche.

Und der Rest?

Die immersüße Provokation des "Nein!"-Sagens zur Sehnsucht nach dem ausbleibenden Erfolg?

Es tut nicht mehr weh! betitelt Achternbusch ein Bild. Und überschreibt die bemalte Fläche mit lauter "Doch! Doch! Doch!".

Szenische Lesung aus "Der Weltmeister. Ein Theaterstück zu Adolf Hitler" und Ausstellung "Neue Bilder" am 3. Februar 2005 in der Buchhandlung Lehmkuhl, München, Tel. 089/380 15 00. Die Werkausgabe erscheint im Verlag Bibliothek der Provinz, Weitra