Gern hätte der deutsche Präsident Horst Köhler am 27. Januar, zum 60. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz, das Wort ergriffen beim gemeinsamen Erinnern an der Gedenkstätte. Wie die Präsidenten Israels, Polens und Russlands auch. Dazu wird es nicht kommen. Es gibt Unterschiede, die sich nicht verwischen lassen. Auschwitz, Oswiecim nahe Krakau, ist der Ort des "Einmaligen", und er ist zugleich die Chiffre geworden, die in der Erinnerung vieles umschließt: den Zivilisationsbruch, das Menschheitsverbrechen an Europas Juden, das von Deutschland ausging, das große Sterben in Europa. Wie nichts anderes steht "Auschwitz" auch für die Deutschen als Täter und damit quer zu einem Zeitgeist, in dem sie als Opfer aufscheinen, bei der Flucht wie in den Brandnächten.

Ein Eckpfeiler für das Selbstverständnis der Republik wurde die Rede Richard von Weizsäckers vom 8. Mai 1985, die um das lange gemiedene Thema "Auschwitz" kreiste. Und zwar nicht nur, weil er die Einsicht in die Einmaligkeit, "beispiellos in der Geschichte", für uns verbindlich machte. Erstmals hob ein Präsident hervor, diese Erbschaft sei unvergänglich und als Erinnerung in der deutschen Demokratie verankert. Auschwitz wurde konstitutiv für das Selbstverständnis: Erinnern, hieß es lange, mache schuldbeladen, jetzt hieß es, es mache frei.

Die Unwahrhaftigkeit des DDR-Antifaschismus ist eine Sache, aber um "Wahrheit" ging es auch dem Patriarchen Adenauer nicht. Schon 1955 drängte er auf "Normalisierung", was quer stand zur "Einmaligkeit". Normalität hieß: Souveränität und Freiheit und Ende der Besatzung! Gerhard Schröder, der siebte Kanzler, benutzt das Wort seltener als der Alte, aber ja, irgendwie praktiziert er diese "Normalisierung". Das "Wir sind wieder wer!" der frühen fünfziger Jahre kehrt in anderer Variante wieder: Schröder spricht davon, "deutsche Interessen" wahrzunehmen wie andere auch. Aber das Lamento Erhards, die Deutschen dürften nicht ewig mit der "Erbsünde" leben, hört man von ihm nicht.

Fehlerfrei wandelt auch Schröder keineswegs über dieses verminte Feld. Der "deutsche Weg"! Oder die Idee, mit Martin Walser am 8. Mai 2002 zu disputieren, als definiere er "Normalität" wie dieser – als obsessiven Traum einer geschichtsträchtigen, schicksalhaften Nation, die nur zu sich kommt, wenn ihre Schuld endlich getilgt wird. Schröder ist kein Geschichtslehrer. Wohl aber steht er im Schatten des Weizsäcker-Konsenses. Der andere Schröder kam erleichtert um Mitternacht am 1. August 2004 in sein Warschauer Hotel. Einen langen Jahrestag der Erinnerung an den Aufstand vor 60 Jahren gegen die deutschen Besatzer hatte er hinter sich. Blass war er, abgekämpft und unendlich froh, "nichts Falsches gesagt" zu haben. Die Leute auf der Straße – freundlich. "Es hätte ja auch ganz anders kommen können, und ich hätte es auch verstanden." Und dann hat ihm auch noch einer der greisen Veteranen des Aufstands seine Ehrenmedaille geschenkt!

Aus "Auschwitz" hatte Joschka Fischer lange abgeleitet, nie wieder dürften hierzulande Massenvernichtungswaffen stationiert werden und "Krieg von deutschem Boden" ausgehen. Fast war das Nachkriegskonsens. Als Minister, der die Intervention im Kosovo mitverantwortete, deutete er den historischen Auftrag vollmundig um: Auschwitz heiße, nie wieder dürften wir Deutsche stumm zusehen!

Das Kosovo war nicht Auschwitz, Fischer hat die Analogie längst kassiert. Aber richtig ist, dass sich keine bequeme Handlungsanleitung mehr aus der Vergangenheit ableiten lässt. Fischer allerdings sucht weiter. Wir Deutsche, zumal die Linke, predigt er, müssten begreifen, um was wir uns mit dem Mord an den Juden selbst gebracht hätten. Wenn das verstanden sei, könne es einen unverdächtigen "Patriotismus" geben. Kommt die Sehnsucht nach Normalität jetzt von links? Gerade seine Generation hat sich lange gerühmt, die Jahrzehnte des "kommunikativen Beschweigens" beendet zu haben. Was unterscheidet Fischers heutigen Befund von dem des ersten Protests? Vielleicht nichts, aber die Welt spiegelt den Deutschen, gerade auch ihrem Außenminister, zurück: In vielerlei Hinsicht seid ihr eine Republik "wie jede andere" auch. Normal! Sucht Fischer nun deshalb nach der "Nation"? Predigt er der "Linken" deshalb, wie sie "Patriotismus" erlernen und "normal" werden könne? Gibt es ein Verhältnis zur Vergangenheit, das eint, ohne einzulullen?

Willy Brandt – ein Exilant, Soldat gegen Hitler wurde Kanzler!