DIE ZEIT: Am 26. Januar entscheidet das Bundesverfassungsgericht über das Studiengebührenverbot, das Rot-Grün im Hochschulrahmengesetz verankert hat. Halten Sie das Verbot für sinnvoll?

Bert Rürup: Nein. Wer studiert, erzielt in hohem Maße private Erträge. Er verdient hinterher mehr als andere, die nicht studiert haben, also sollte er sich an den Kosten beteiligen. Eine ausschließliche Finanzierung von Bildung mit Steuern kommt nur dort infrage, wo die sozialen Erträge und nicht die privaten besonders hoch sind.

ZEIT: Zum Beispiel?

Rürup: Wir haben in Deutschland drei bis vier Millionen Analphabeten. Wenn wir diese Zahl senken, wenn wir generell höhere Qualifikationen auch im nichtuniversitären Bereich haben, dann haben wir langfristig gesehen eine geringere Arbeitslosigkeit, weniger Sozialhilfeempfänger, möglicherweise eine geringere Kriminalität. Das sind soziale Erträge, die aber nicht an den Hochschulen, sondern im Schulsystem und im vorschulischen Bereich erwirtschaftet werden. Die sollten wir ausschließlich mit Steuern finanzieren.

ZEIT: Der Sachverständigenrat schlägt daher vor, Studiengebühren einzuführen und die Kindergartenbeiträge abzuschaffen.

Rürup: Das ist aber kein Junktim. Wir wollen nicht einfach Mittel umschichten. Allerdings hat Deutschland gerade im Elementarbereich große Defizite. Kindergärten werden zu fast 40 Prozent über Gebühren finanziert, eine auch international hohe Quote, obwohl gerade dort erhebliche soziale Erträge anfallen. Eine solche Finanzierungsstruktur ist nicht nur unsozial, sondern ökonomisch falsch. Wir schlagen vor, wenn schon wegen leerer Kassen nicht den ganzen Kindergarten- und Vorschulbereich, zumindest das letzte Jahr vor der Einschulung voll aus Steuern zu finanzieren. Umgekehrt geht es nicht darum, den Hochschulen die staatlichen Mittel zu kürzen. Wir wollen die Unterfinanzierung des Hochschulbereichs auffangen, indem wir zusätzlich Studiengebühren zulassen.

ZEIT: Führen Studiengebühren nicht dazu, dass noch weniger junge Menschen studieren?