Zwei Ökonomen? Die haben doch sicher drei Meinungen. Und verständlich ist davon keine. Wenn Politiker über die Beratungsleistung von Wirtschaftswissenschaftlern reden, dann nicht selten genau so – voller Spott und Häme. In Deutschland, so die häufige Klage, seien viele Wirtschaftswissenschaftler zutiefst zerstritten und kaum für einen klaren Rat zu gebrauchen. Und von der europäischen Szene ganz zu schweigen: Die kenne man ja noch nicht einmal. Als Ausweg bleiben dann nur amerikanische Experten, die gelten als pragmatisch, schnell und redegewandt.

Doch künftig sollen sie Konkurrenz bekommen. In Brüssel öffnet dieser Tage Europas neuer Think Tank seine Türen: Bruegel, das Brussels European and Global Economic Laboratory. Ganz im Sinne des flämischen Meisters Pieter Bruegel, der als Erster Bewegung in seine Bilder bannte, will das Institut für Bewegung in der ökonomischen Zunft sorgen. In der EU-Hauptstadt sollen die nationalen Debatten europäisiert – und für die Politik nutzbar gemacht werden. Und hier sollen europäische Stimmen so gestärkt werden, dass sie auf der internationalen Bühne Gehör finden. Mit einfachen, nützlichen Texten.

"Unsere Antworten stehen nicht für irgendeine Doktrin"

"Meine künftigen Mitarbeiter werden vor allem auf konkrete Nachfrage aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft antworten", sagt Jean Pisani-Ferry, "schließlich ist eine verständliche Beratung bei europäischen und internationalen Themen nötiger denn je." Der französische Ökonom Pisani-Ferry, der erste Chef von Bruegel, kann auf eine langjährige Berufserfahrung als Professor an der Universität Paris-Dauphine, als Leiter des Forschungsinstitutes Cepii und als Berater der französischen Regierung und der EU-Kommission zurückblicken. Und er hat dabei einige bittere Erfahrungen gemacht.

"Wir sind zwar schon besser als vor zwei Jahrzehnten. Dennoch werden in Europa viele ökonomische Themen immer noch sehr national diskutiert – obwohl wir längst in einer Wirtschafts- und Währungsunion leben", sagt Pisani-Ferry, der schon vor Jahren mit dem deutschen Kollegen Jürgen von Hagen Kollegen aus beiden Ländern zu regelmäßigen Treffen animierte. Häufig seien die Kontakte der europäischen Wissenschaftler in die USA stärker als mit Kollegen aus den Nachbarländern. Auf dem alten Kontinent fehle es zudem immer noch an den nötigen Netzwerken und – im transatlantischen Vergleich – auch an der starken Think-Tank-Szene.

Mit bitteren Folgen. "Die Wirtschaftspolitik kann sicher verbessert werden", sagt Mario Monti, der künftige Chef des Bruegel-Aufsichtsrates. Der ehemalige EU-Wettbewerbskommissar setzt große Hoffnungen auf das Institut. Er wünscht sich unter anderem, dass es dabei hilft, die nationale Wirtschaftspolitik besser mit der europäischen zu koordinieren.

Auch Pisani-Ferry sieht auf diesem Feld großes Potenzial: "Sicher können wir nicht alle Diskussionen europäisieren. Viele Probleme sind in den Mitgliedsstaaten immer noch unterschiedlich. Doch bei makroökonomischen Themen, bei globalen Fragen oder Problemen des Welthandels könnten wir gemeinsam zu besseren Ergebnissen kommen."

Er will sein Institut deswegen nicht nur für die eigene Forschung ausbauen, sondern auch zur Plattform für die Forscher aus den EU-Mitgliedsstaaten machen. So solle gewährleistet werden, dass "unsere Antworten nicht für irgendeine Doktrin stehen". Ideologische Kämpfe lehnt der Mann kategorisch ab – auch mit Blick auf die deutsche Situation.