Das mit Abstand Schönste am kalifornischen Winter ist der Highway395. So etwas sagt sich nicht leicht dahin, wenn man die kalifornischen Skigebiete gesehen hat. Aber der Highway395, dessen winterlichster Abschnitt am zugeschneiten Flughafen Reno beginnt und an der Ostflanke der Sierra Nevada entlang nach Süden führt, zum Mount Whitney und weiter bis fast nach LosAngeles, ist die sagenhafteste aller Pisten. Da ragen rechter Hand Berge bis zu den Wolken hinauf, linker Hand aber dehnt sich die Wüste. Da stehen frostverkrustete Kreosotbüsche, dick überzuckerte Kakteen, und es tauchen schneebedeckte Krater aus dem von Horizont zu Horizont sich erstreckenden Mono Lake auf. Eisigweiß und Sonnenuntergangsrot sind die Farben, mit denen diese Landschaft blendet. Die Höhenlagen differieren innerhalb weniger Meilen um 500 Meter, sodass einem im schaukelnden Cockpit des Chevrolets mulmig wird. Kurbelt man hinter einem Ortsausgang die Scheibe herunter, dringt das dürre Bellen der Kojoten herein, die sich aufwärmen, indem sie den Touristenjeep die Steigung hinaufjagen. Winter in Kalifornien bedeutet, jeden Tag etwas Neues zu entdecken, vor dem man sich ein wenig fürchten kann.

Diese fremden Wildwechselschilder zum Beispiel, auf denen statt eines springenden Rehs zwei behäbige Bären prangen. Sie sind die Pointe dieses fantastischen Jack-London-Panoramas, dieser spätnachmittäglichen Fargo- Atmosphäre. "Haben Sie noch nie Schnee in der Wüste gesehen?", fragt misstrauisch der Police Officer und kratzt Eis von seiner Kühlerhaube. Wenn beeindruckte Reisende mitten auf der Strecke, irgendwo zwischen der letzten Tankstelle und der nächsten Geisterstadt, anhalten, vermutet die Highway Patrol, dass sie eine Panne haben. Die Einheimischen würden hier zügig durchfahren. Leider, sagt der Officer, gebe es im Winter auf der 395 immer wieder Verkehrstote, weil die Leute nicht begreifen, dass ein Highway keine Autobahn ist. Mit Höchstgeschwindigkeit biegen sie in schräg abfallende Kurven, ohne Schneeketten donnern sie über 3000 Meter hohe Pässe.

In der Sierra Nevada befinden sich die Hausberge der erholungsbedürftigen Großstadtbewohner – aber 350 Kilometer sind es doch von San Francisco bis nach Squaw Valley und 600 von Los Angeles nach Mammoth Lakes. Wie ein gigantischer Befestigungswall mit wenigen Stellen, an denen eine Überquerung möglich ist, erhebt sich der Gebirgszug entlang der Grenze zu Nevada. Weit oben, nur eine Autostunde südlich von Reno, liegt der Lake Tahoe mit Squaw Valley und zwei Dutzend weiteren meist lieblichen Skigebieten, die sich um den See verteilen wie Zuschauer auf den Rängen eines Amphitheaters. Drei Stunden weiter südlich, jenseits des Yosemite National Parks, thront der Mammoth Mountain mit seinen steilen, weit ausladenden Hängen.

Für Skifahren in Kalifornien entscheidet man sich als Europäer natürlich wegen des Schnees. In einer durchschnittlichen Saison bekommen die Hochlagen der Sierra mehr als jede andere Gegend der USA, nevada heißt nicht umsonst "beschneit". Statt der zarten Neuschneedecke alpenländischen Zuschnitts muss man hier mit ganzen Wagenladungen rechnen. Diese Saison haben sie die Lifte sogar schon Mitte Oktober laufen lassen, obwohl da sicher ein bisschen Marketing-Enthusiasmus dabei war. Anfang Dezember herrschte aber tatsächlich ein Wetter wie auf der Zugspitze im idealen Februar. Dass sich allein seit dem Jahreswechsel mancherorts bis zu sechs Meter Schnee auftürmten, mag einem deutschen Schneekanonenkönig zwar unglaublich erscheinen, aber Blizzards gehören so selbstverständlich zu Kalifornien wie der ewige Sonnenschein. Die jüngsten Katastrophenartikel, die die amerikanischen Winterstürme mit dem Tsunami in Südostasien verknüpften, waren schiere Panikmache: Denn die Gruselaufnahmen, die der CNN Weather Channel live von den unpassierbaren Serpentinen am Lake Tahoe sendete, handelten ja nicht von der Unberechenbarkeit der Natur, sondern hauptsächlich von der Unvernunft einiger Automobilisten.

Wenn es in der Sierra Nevada zu schneien beginnt, dann weiß jeder, der bei Verstand ist, dass er schleunigst ein sicheres Quartier ansteuern sollte. Als wir am Abend den Highway in Richtung Lake Tahoe verlassen, krümelt es noch ganz harmlos, aber eine knappe Stunde später schüttet es schon so heftig, dass die Flamme, die den Abzweig zum Austragungsort der Olympischen Spiele von 1960 markiert, kaum zu erspähen ist. Vorsichtig, im Radfahrertempo, nähern wir uns dem so genannten Village von Squaw Valley. Seit sie hier ein künstliches Dorf aus luxuriösen Ferienwohnungen gebaut haben, existiert überhaupt erst eine geschlossene Ansiedlung. Weil strenge Bauvorschriften besagen, dass Häuser nicht höher sein dürfen als eine mittlere Rotkiefer, passen die verwinkelten dreistöckigen Gebäude hübsch zur Landschaft. Nur in die Katakomben der Tiefgarage darf man nicht abtauchen, dort ist es trostloser als in einem Roman von Bret Easton Ellis. Zuflucht bieten aber die liebevoll arrangierten Kulissen der romantischen Urlaubsfiktion, dritter Stock. Den wuchtigen Granitkamin anschalten, Teekessel summen lassen, in das Plüschsofa sinken. Und dann rausschauen: Mittlerweile sind die Schneeflocken tennisballgroß! Gegen vier Uhr früh fangen die Räumfahrzeuge an, vorm Fenster zu brüllen, doch erst, wenn es hell wird, versteht man, durch welch ein Chaos da gerade Schneisen geschlagen wurden. Kassenhäuschen und Skiverleih sind halb in Schneewehen versunken, Kleinrequisiten wie Mülleimer sind vollends weg. Es dauert einen geschlagenen Tag lang, bis die Pistenraupen die Lage so weit unter Kontrolle haben, dass wir auf den Berg dürfen.

Trotzdem lässt sich der kalifornische Winter nicht in Niederschlagsmillimetern messen, und die geeigneten Superlative zu finden, daran sind schon Dichter gescheitert. "Das schönste Gesicht der Erde", schrieb Mark Twain über den Lake Tahoe, ein weltraumdunkles Gewässer von ozeanischen Ausmaßen, das niemals zufriert. Beflügelt von seinem Anblick, schweben die Skigäste im Gipfelblau. Aller Urlaubslärm, alle Wintersporthektik wird vom See verschluckt.

Hannah Sullivan sagt, dass sie auf ihren Skitouren selbst an den Wochenenden kaum eine Menschenseele trifft. Ihr gehört mit TahoeTrips&Trails das beste Outdoor-Unternehmen am Ort, aber die schweigsame Frau steht in der Sonne, als gehörte ihr die ganze Sierra Nevada. Grünblauer Polartech-Pullover zu grünblauen Augen, prüfend dreht sie am Lawinenpieper, dann reicht sie den Gästerucksack rüber mit Schneeschaufel, Leuchtrakete und mehreren Flaschen Wasser. Wenn man sich nach Süden dreht, sieht man in 15 Meilen Entfernung die Gipfel von Squaw Valley. Wir gehen in die entgegengesetzte Richtung, zwischen schneebeladenen Hemlocktannen hindurch. Hannahs Überlebensmotto stammt aus einem Bergeversetzer-Song von Frank Sinatra: Wenn du es hier schaffst, schaffst du es überall. Sie liebt das zerklüftete Gebiet um den Donner-Pass, obwohl es tückisch sein kann. Hier überraschten vor 150 Jahren Schneestürme einen Treck deutscher Siedler; 50 Menschen starben, und nur ein einziger Mann schaffte es bis zum nächsten Fort, vier Monate brauchte er für die 100 Meilen.

Lächerlich wenig besiedeltes Gebiet hat der Mensch dieser Bergregion bis heute abgetrotzt. Selbst Skitourengeher, wenn sie bei den wackligen Schutzhütten des Sierra Clubs, einer Art Alpenverein, anlangen, bekommen nur eine sachte Ahnung von dieser uferlosen Wildnis – wie ein zaghafter Schwimmer, der den großen Zeh in den dunklen, kalten Lake Tahoe steckt und nie ermessen wird, wie tief 600 Meter Wassertiefe sind. Es ist eine Wildnis, die so groß ist, dass sie gleich aus mehreren Wildnissen besteht. Die Granite Chief Wilderness und die Desolation Wilderness, die Carson Iceberg Wilderness und die John Muir Wilderness beginnen in Sichtweite der nach unseren Maßstäben riesigen, aber aus der Adler-Perspektive verschwindend kleinen Skigebiete. John Muir (1838 bis 1914) war Amerikas einflussreichster Ökoaktivist, ein Ski fahrender Naturforscher, der gelegentlich in Baumkronen übernachtete. "Mache dich leise in irgendeine Richtung auf den Weg, und koste die Freiheit. Du wirst den Frieden der Natur einatmen wie die Bäume das Sonnenlicht." Muir inspirierte Theodore Roosevelt zur Gründung von Nationalparks, und noch im gesetzten Alter von 74 Jahren unternahm er einen Ritt auf einer Lawine. Hätte dieser furchtlose Alleingänger, dessen Münchhausiaden genau dort spielen, wo wir uns bewegen, nur ein wenig länger gelebt, dann wären der Sierra Nevada vielleicht einige menschengemachte Desaster erspart geblieben.

In den 1920er Jahren betrog die Stadt Los Angeles viele Einheimische systematisch um ihre Wasserrechte und zog mit riesenhaften Kanälen das reichliche Schmelzwasser ab, was zur Austrocknung mehrerer Hochgebirgsseen und zur buchstäblichen Verwüstung vieler Ranches führte. So kommt es, dass die Region trotz enormer Niederschläge unter latentem Wassermangel leidet. Je südlicher, desto schlimmer. Entlang des Highway395 bekommen wir die drastischen Spätfolgen der verlorenen Umweltschlachten bei jedem Atemzug zu schmecken: salzige Luft, aufgewirbelt aus den trockenen Senken. Das Gute an der Tatsache, dass fast alles Land um Mammoth herum, abgesehen von den Skihängen, heute dem Bundesstaat gehört und nicht veräußert werden darf, allerdings ist: Die weit auseinander gezogene, vielfach zwischen Bäumen versteckte 5000-Einwohner-Stadt kann nicht unkontrolliert expandieren. Ein idyllischer Flecken wie die Tamarack Lodge auf der Rückseite des Mammoth-Mountain-Skigebietes wird auch künftig von einem Ring flacher, frei stehender Gebirgsseen umgeben sein.

Hier sitzt, in einem aufgebockten Bauwagen, das Cross Country Ski Center, von hier führen stille Loipen in den noch viel stilleren Wald hinauf, 2600 Meter, 2700, 2800. Hinter den dicken Kiefernstämmen am Coldwater-Loop darf man zahlreiche Schwarzbären vermuten. Bei jeder Fährte, die die Loipe kreuzt, fragt man sich bang, von welchem Tier sie wohl stammt: einem Opossum, einem Skunk, einem Fuchs oder vielleicht doch… Dann zieht man mit Siebenmeilenschritten seine Bahn. Die erfahrenen Waldläufer vom Cross Country Center wollen sich totlachen. Sie beharren darauf, dass man Bären mit bloßem Händeklatschen vertreibt, und rühmen deren Harmlosigkeit ("sie werden ja bloß 200 bis 400 Pfund schwer") sowie die segensreiche Behäbigkeit der amerikanischen Touristen, bei denen Langlauf so unpopulär ist, dass 99 Prozent des Winters den Bären überlassen bleiben.

Skifahren in Kalifornien ist permanente Abweichung von der Hauptsache, den Skipisten. Aber wenn man endlich zur Bergstation der Mammoth Mountain Area gelangt, dann fährt man doch nur in den steilen Wänden und breiten Mulden außerhalb der planierten Bahnen. Außerdem verläuft die Baumgrenze viel weiter oben als in den Alpen, sodass doppelt schwarze Abfahrten mit den verwegensten Namen, Grizzly oder Dragon’s Tail, Avalanche Chuts oder Climax, von Wald gesäumt sind, selbst auf den Walzerpisten umweht einen der intensive Duft der Ponderosa-Kiefern. Nur am Pulverschnee hapert es. Der sinkt in der Sonne meist sehr schnell zusammen, wir fahren auf so genanntem Sierra Cement, das darf man im Beisein von Tourismusmanagern nicht laut aussprechen, aber es fühlt sich griffig an, wie solider Waschbeton.

"Haben Sie etwa noch nie einen zugeschneiten Sessellift gesehen?", fragt uns beim Abendessen der Tourismusdirektor von Mammoth. Er zeigt uns diese erstaunlichen Schwarzweißfotos von 1959, als Liftmannschaften sogar das Seil von Chair1 aus Tonnen nassen Schnees herausgraben mussten. Oder 1969, da war die dreistöckige Talstation fast komplett unter einer Wechte verschwunden. In der Sierra Nevada hat das Wort Schneesicherheit seit jeher einen abenteuerlichen Klang. Der Skipionier von Mammoth, Dave McCoy, hat seine Utopie eines Skigebietes dorthin gebaut, wo die steilsten Abfahrten und der meiste Schnee ganz Kaliforniens zusammenkommen. Wenn der 90-jährige McCoy heute eine Kneipe betritt, dann immer noch mit dem Strahlen jenes hemdsärmeligen Entdeckertypen, der anno 1935 hier sein Claim absteckte. Als einstiger Slalomläufer und Renntrainer hat er diese Besessenheit, die einen dazu treibt, auch an windigen Tagen die steilsten Sessellifte zu benutzen. Jeder Skiläufer mit etwas Erfahrung kennt die Verlockung, wenn an den Ausstiegsstellen der Lifte diese Schneefahnen wehen, allerdings bringt der Föhn da oben die Sessel oft ins Schaukeln, dann bekommt man so ein ungutes Achterbahnkribbeln. Auch wir haben uns ein paar Mal fest an die Lehne geklammert. Ausgerechnet die Amerikaner mit ihren Endlosprozessen wegen zu heißen Kaffees konstruieren nämlich Skilifte zuweilen ohne Sicherheitsbügel. Vor etwa 15 Jahren hat einer der Liftjungen, als eine starke Bö kam, den Knopf für die Notbremse gedrückt. Ein Sessel überschlug sich, und zwei Frauen stürzten zehn Meter in die Tiefe.