New York
Für Joschka Fischer war dies ein bitterer Weg ans Rednerpodium der Vereinten Nationen. Denn als die Weltorganisation an diesem Montag in einer Sonder-Generalversammlung an den 60. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz erinnerte, da gedachten des Völkermordes gemeinsam: die Vertreter der Überlebenden, der Befreier, der Opfer – und eben der Vertreter des Landes der Täter.

Vor dem deutschen Außenminister hatte der Schriftsteller Elie Wiesel gesprochen, der den Holocaust im KZ Buchenwald überlebt hat. Für die Häftlinge der Konzentrationslager sei „das Schweigen und die Indifferenz der Welt“ furchtbar gewesen. „Heute, 60 Jahre später, versucht die Welt wenigstens zuzuhören und sich zu erinnern!“

Auschwitz, sagte Elie Wiesel, entziehe sich der Sprache und dem Verstehen. Was hätte aus den ermordeten jüdischen Kindern nicht alles werden können? Vielleicht wäre ein Nobelpreisträger unter ihnen gewesen, der ein Mittel gegen den Krebs erfunden hätte? Vielleicht hätte ein anderer wunderbare Gedichte geschrieben.

„Hat Gott sein Antlitz abgewendet?“ fragte Wiesel. Wie konnte es sein, dass Deutsche Kinder und Greise mit Maschinengewehren niedermähten und danach wieder Gedichte von Schiller lasen und Partiten von Bach hörten?

„Sie, die Vertreter der Weltgemeinschaft, bitte ich demütig und respektvoll, hören Sie auf die Opfer“, beschwor Wiesel die Versammlung. „Aber wird die Welt je lernen?“

Brian Urquhart, lange Jahre Stellvertretender UN-Generalsekretär, sprach für die Streitkräfte der Alliierten, die im Winter und Frühjahr 1945 KZ nach KZ befreiten. Urquhart gehörte zu den ersten britischen Soldaten, die im April 1945 Bergen-Belsen erreichten. Unvorstellbares habe er damals sehen müssen. Vielleicht habe deshalb, weil der Verstand einen Genozid nicht zu fassen vermöge, die UN dreimal versagt, als es darum ging, einen Völkermord zu verhindern.

Nach dem Überlebenden, nach dem Befreier sprach Israels Außenminister Schalom. Nie zuvor hätten die UN des Holocaust offiziell gedacht. Jetzt endlich, sechzig Jahre später, erinnere sie an die Opfer, in „diesem Raum, in dem Israel so oft verunglimpft wurde“, wie Schalom bitter bemerkte.