Länger als 13 Jahre macht Klaus-Jürgen Strupp diese Arbeit nun. Nie war er krank, sein Salär bewegt sich in Höhe einer Aufwandsentschädigung. Trotzdem liebt er seinen Job. Und leidet. „Wenn es Hansa schlecht geht, geht es mir auch schlecht“, sagt Strupp. Der Diplom-Ingenieur ist in seiner Freizeit Stadionsprecher beim Fußball-Bundesligisten Hansa Rostock.

Am Samstag beginnt die Rückrunde für die „Hansa-Kogge“ gleich mit einer Zitterpartie: Rostock gegen Freiburg, der Vorletzte gegen den Letzten. Not gegen Elend, heißt es auf den Sportseiten. Doch auch das wirft Klaus-Jürgen Strupp nicht um. Der 43-Jährige wollte gern zur See fahren und hat schon so manchen Sturm überstanden: Mauerfall, den Sprung in neue Arbeitswelten, Abstieg mit Hansa. „Ost- und Westkategorien mag ich nicht, aber für die Menschen hier oben ist das alles nicht leicht, da muss eben der Fußball herhalten für das Selbstbewusstsein.“ Berufswege, die zu DDR-Zeiten lebenslang vorausgeplant waren, erweisen sich nach 15 Jahren Einheit oft als Irrläufer. „Viele meiner Kommilitonen sind heute arbeitslos oder machen monotone Jobs, gegen die sie sich innerlich zwar wehren, aber diese Unzufriedenheit zeigen sie nicht.“

Nach der Ausbildung zum Maschinen- und Anlagenmonteur studierte Strupp an der Ingenieurhochschule für Seefahrt in Warnemünde-Wustrow. Weil er kein guter Genosse war, durfte er sich seinen Traum von der Fahrt zur See nicht erfüllen. Statt sich groß zu ärgern, begann er nebenbei beim Radio zu jobben und legte abends in Diskotheken Schallplatten auf. Er lebte den Widerspruch eines Staates, der seine Elite schlechter entlohnte als seine Arbeiter. Der erste Job als Ingenieur brachte ihm 696 DDR-Mark monatlich, der zweite war plötzlich doppelt so viel wert. Als er sich mit allem abgefunden hatte, fiel die Mauer. Strupp wechselte in den Vertrieb bei Mercedes und macht jetzt Marketing für die Dekra. In Rollenwechseln ist er inzwischen geübt.

Seine Bekanntheit als Radiomoderator der Ferienwelle für Urlauber im Bezirk Rostock brachte ihm das Angebot ein, bei Hansa Stadionsprecher zu werden. „Du machst das doch toll im Radio“, schmeichelten sie ihm, und er sagte zu, obwohl er mit Fußball kaum was am Hut hatte. „Die ersten drei Spiele war noch viel Angst dabei“, erinnert er sich. Dann traute er sich allmählich raus aus seiner Sprecherkabine. Begrüßung der 25.000 Zuschauer auf dem Rasen. Das macht er bis heute so. Inzwischen ist er das, was man eine Kultfigur nennt, im Verein und in der ganzen Region. Überall, wo er hinkommt, wird er erkannt. Er ist der Stimmungs-Spezialist für die großen Open-Air-Konzerte. Seine selbstgedruckten Autogrammkarten hat er immer dabei. Ohne Geheimnummer kommt er längst nicht mehr aus. Auch Werbeverträge bekommt er manchmal angeboten, aber er ist vorsichtig, „man darf nicht alles annehmen“. Seinen Ruf jedenfalls würde er nicht riskieren wollen.

Die Highlights? Sicher, der Aufstieg 1995, das Länderspiel 2002 gegen die USA im neuen Ostseestadion, das er mitkommentieren durfte. Der Respekt der Fans, die ihm zuhören, wenn er zu ihnen in die Kurve kommt. Von seinen bundesweit 35 Stadionsprecherkollegen der Profivereine wurde er in den Sprecher-Rat gewählt, um beim DFB Flagge zu zeigen. Und zweimal in Folge wählten ihn unlängst die Fußballfans bundesweit zum „Stadionsprecher des Jahres“. Das macht ihn stolz, weil er seinen Job mit Inbrunst macht und das bei den Leuten ankommt.

Wenn nur diese Saison nicht wäre. Kein Sieg in neun Heimspielen, insgesamt 25 Treffer der Gegner im eigenen Stadion vermelden, das tut ihm weh. Der neue Trainer Jörg Berger soll nun für den Umschwung sorgen. Dabei hat Strupp Vorgänger und Hansa-Urgestein Juri Schlünz sehr gemocht, und auch die Begrüßung von dessen Vorgänger Ewald Lienen neulich kam von Herzen. Irgendwie scheint die Zeit für Klaus-Jürgen Strupp zu schnell zu sein. Wieder steht eine Veränderung an: ein neuer Job. Logistikabteilung bei einem Maschinenbauer. Mal sehen. Es könnte endlich auch mal was bleiben, wie es ist: die Bundesliga-Zugehörigkeit seiner Rostocker. „So sind wir wenigstens einmal in der Woche bundesweit in den Nachrichten“, sagt Strupp. Viele Fans fürchten: Wenn wir absteigen, vergessen sie uns doch ganz. Höchste Zeit, findet er, dass er wieder Hansa-Tore vermelden kann.