Das geheime Leitmotiv des deutschen Vergangenheitsbewusstseins in diesen Wochen und Monaten der 60. Jahrestage, von der Befreiung von Auschwitz bis zum Gedenken an das Kriegsende im kommenden Frühjahr, ist das einsilbige Wörtchen "noch". Der Nationalsozialismus, der Judenmord, die Verantwortung für deutsche Schuld – sind sie "noch" gegenwärtig, wirksam und zentral, "noch" grundlegend für das Selbstverständnis der Bundesrepublik, den Jungen "noch" zu vermitteln, "noch" Quelle eines besonderen Verhältnisses zu Israel, eines vorsichtigen deutschen Auftretens in der Welt? Oder: "Noch" ist das alles so – aber wie lange noch? Bis die letzten Täter gestorben sind, die letzten überlebenden Opfer (das wird später sein, es gab Kinder in den Lagern), bis die ganze Geschichte des 20. Jahrhunderts aus der Perspektive des 21. historisch geworden ist? Wer sich auf die Suche nach dem heutigen Bild der Nazivergangenheit macht, kann nicht anders, als nach ihrem Verblassen zu fragen. Sechzig Jahre sind eine lange Zeit.

Zugleich ist es mit dem "noch" nicht so einfach. Ivan Nagel, der wohl glänzendste deutsche Theater-Intellektuelle, Kritiker, Intendant, Entdecker von Stücken, Regisseuren, Stilen, wurde 1931 in Budapest geboren. Als jüdischer Junge überlebte er den Krieg versteckt in einem Kinderheim, unter falschem Namen. In den letzten fünf, sechs, sieben Jahren erst, sagt er, ist er bereit, von damals zu erzählen; für eine Rede über die Hamburger Wehrmachtsausstellung, 1999, hat er zum ersten Mal Bücher über den Holocaust gelesen. Sein Freund Peter Szondi, der Literaturwissenschaftler, war in Bergen-Belsen gewesen; Nagel hat mit ihm so wenig über das KZ geredet wie mit seinem Kommilitonen Reinhart Koselleck, dem später berühmten Historiker, über den Krieg, in dem Koselleck deutscher Soldat war. Die fünf, sechs, sieben Jahre jedenfalls, in denen sich Ivan Nagel seither der Erinnerung an Verfolgung und Überleben zuwendet, sind genau jene Jahre, in denen die Bundesrepublik sich mehr und mehr als "normales" Land verstehen will, die Nazivergangenheit gewiss nicht vergessend, aber doch wie im sicheren Besitz eines aufgeklärten, irgendwie abgeschlossenen Geschichtsbildes. Sechzig Jahre sind eine lange Zeit, aber sie vergehen nicht für jeden im gleichen Rhythmus, und sie bedeuten nicht für alle dasselbe.

Was man immerhin sagen kann: Die deutsche Beschäftigung mit der Geschichte des Nationalsozialismus ist selbst geschichtlich geworden, überblickbar, in Phasen und Epochen zu gliedern. Bernhard Schlink, der Jurist und Schriftsteller, der mit seinem Vorleser- Roman über die Liebesverstrickung eines Jungen mit einer ehemaligen KZ-Aufseherin weit über die Bundesrepublik hinaus bekannt wurde, beschreibt die stufenweise Entfernung vom historischen Glutkern. Für seine Generation, die 68er, "war der Schuldzusammenhang noch sehr gegenwärtig: durch unsere Eltern, Lehrer, Professoren, Pfarrer, die dabei gewesen waren und mit denen wir uns auseinandersetzen mussten. Für unsere Kinder gibt es allenfalls noch die Großeltern, mit denen ihre Enkel nicht mehr kämpfen, und in der nächsten Generation gibt es keine persönliche Berührung mit der Zeit des Nationalsozialismus mehr, die den Schuldzusammenhang stiften könnte. Für die Nation bleiben Holocaust und ›Drittes Reich‹ allerdings Teil der kollektiven Biografie. Man wird auch weiterhin in dieser Perspektive wahrgenommen, auf sie angesprochen werden. Aber sogar das nimmt ab und wird weiter abnehmen, und manches darf man zurückweisen."

Vor zwanzig Jahren, als Richard von Weizsäcker die Deutung des 8. Mai 1945 als Tag der Befreiung durchsetzte und bald darauf der "Historikerstreit" zwischen Ernst Nolte und Jürgen Habermas losbrach über die Einzigartigkeit des Holocaust, wäre so ein bilanzierender Rückblick unmöglich gewesen. Da steckte man mittendrin, und alles war politisch aufgeladen, das Bild der Vergangenheit galt als Schlüssel für das nationale (oder postnationale) Selbstverständnis der Bundesrepublik. Damit verglichen, leben wir in geschichtspolitisch diffusen Zeiten. Der Historiker Götz Aly, dessen Buch Hitlers Volksstaat in diesem Frühjahr wahrscheinlich einigen Staub aufwirbeln wird, weil es den Nationalsozialismus als europaweites Raubmord- und Umverteilungsprogramm zugunsten des deutschen "kleinen Mannes" darstellt, charakterisiert den neuen Pluralismus der Erinnerungskultur so: "In der Buchhandlung in der Stadt X steht der Bildband über ›X im Bombenkrieg‹ und gleich daneben das Buch über das Zwangsarbeiterlager nebenan."

In dieser fragmentierten Gedenkvielfalt verliert die Frage nach politisch relevanten Umdeutungen der Vergangenheit, auch die Sorge davor, einiges von ihrer Dringlichkeit – dass ein riesiges Kinopublikum sich im Untergang Hitlers Bunkerexistenz hat vorführen lassen, bedeutet noch keinen Triumph einer "Täterperspektive" auf den Nationalsozialismus, die Opferschicksale werden präsent bleiben – wie der Schauspieler Ulrich Matthes, der im Untergang den Goebbels gab, fast gleichzeitig in Volker Schlöndorffs filmischem Märtyrerdrama Der neunte Tag als inhaftierter, in Versuchung geführter und schließlich standhaltender Priester zu sehen war. Trotzdem verändert sich etwas durch die opulente Gleichförmigkeit, mit der dem Publikum mittlerweile Verfolgungs-, Widerstands- und Vertreibungsbiografien präsentiert werden, die Toten der Lager und die Toten des Luftkriegs, Geschichte zum Mitleiden und Geschichte zum Gruseln. Der Dresdener NPD-Skandal (Luftkrieg gleich "Bomben-Holocaust" nebst verweigerter Ehrbezeugung für die ermordeten Juden) hat das Potenzial an Bösartigkeit gezeigt, das sich durch das demagogische Ineinanderspielen und Gegeneinanderausspielen von deutschen Opfern und Opfern der Deutschen entfesseln lässt. Aber auch abgesehen von solchen Gemeinheiten geschieht etwas, wenn das 20. Jahrhundert im Rückblick zunehmend wie eine einzige unauflösliche Passionsgeschichte erscheint – eine "Anthropologisierung menschlichen Leids" nennt es der Historiker Dan Diner, das Zurücktreten der Frage nach Verursachung, Verantwortung und Schuld. Das Konkrete, Spezifische, Unauflösliche: Dass es hier geschah, und damals, und den Juden, das löst sich in dieser Wahrnehmung auf.

Erst kam die Anklage der Täter, dann die Identifikation mit den Opfern

Stufen des deutschen Vergangenheitsverhältnisses, im Nachhinein überschaubar – der Schriftsteller Georg Klein, 1998 schlagartig bekannt geworden mit dem Roman Libidissi, ein Autor des Bizarren und des Pathos, für seinen Jahrgang 1953 ungewöhnlich ansprechbar auf das Thema Deutschland, gliedert diese Geschichte in zwei Abschnitte: "Der erste Beschäftigungsschub in den sechziger und siebziger Jahren stand ganz im Zeichen der Anklage, der Schuldzuweisung und der Abgrenzung gegen die Beschuldigten. Eine zweite Welle der Auseinandersetzung hatte dann empathischen Charakter: Man identifizierte sich mit den Opfern, ihrem Leid, auch mit ihrer moralischen Erhabenheit. Um 1990, als die biografische Literatur der Überlebenden einen Höhepunkt hatte, war in Deutschland auch der Gipfel der Einfühlung in diese geliehenen Schicksale und der Gipfel der Teilhabe an diesen geliehenen Toten erreicht. Seitdem lässt die emotionale Intensität des Interesses langsam nach."