Über die Wissenschaft in Deutschland möchte Sabine Werner nichts Schlechtes sagen. Ganz hervorragende Kollegen gebe es dort, insbesondere an den Max-Planck-Instituten. Sie selbst leitete bis vor fünf Jahren eine Arbeitsgruppe am MPI für Biochemie in Martinsried. Aber als es dann um die erste Professur ging, wanderte Werner aus. Dabei hätte die Nachwuchswissenschaftlerin unter mehreren deutschen Universitäten wählen können. Stattdessen entschied sie sich für die Eidgenössische Technische Hochschule (ETH) in Zürich. Die üppigere Ausstattung im Labor war ein Grund, gewiss. Den Ausschlag jedoch gab etwas anderes: "Das Bewerbungsverfahren der ETH war professioneller, zügiger und persönlicher." Zweieinhalb Tage nahm sich die Universität für Werner Zeit, um sich ein Bild von der Kandidatin zu machen – und die Hochschule von ihrer vorteilhaftesten Seite zu zeigen. Nach zwei Wochen lag das Angebot vor. "So etwas hatte ich an einer deutschen Universität noch nie erlebt."

Jede Organisation ist nur so gut wie ihr Personal. Das gilt für Unternehmen oder Regierungen ebenso wie für Universitäten. Ein dickes Budget, geräumige Gebäude, intelligente Studenten – all das trägt keine Früchte, wenn es der Hochschule an guten Forschern und Dozenten mangelt. Also sollten deutsche Universitäten alles daransetzen, die besten Professoren anzuheuern. Wird eine Stelle frei, macht sich die Leitung – wenn nötig weltweit – auf die Suche nach den klügsten Köpfen der Disziplin. Das sollte jedenfalls so sein. Dann erfolgt ebenso zügig wie fair die Entscheidung, welcher der Kandidaten für die Universität den größten Nutzen bringt. Schön wär’s.

Doch die Realität sieht häufig anders aus. Die Rekrutierung neuer Professoren ist überreguliert, zäh und für die Betroffenen nicht selten entmutigend. Anders als in Politik oder Wirtschaft hat die Führung der meisten Hochschulen noch immer wenig Einfluss auf die Personalauswahl. Und die aktive Suche ist die Ausnahme von der Regel, die da lautet: Mal sehen, wer sich auf die freie Stelle bewirbt. Die Personalpolitik gilt deshalb als entscheidende Schwachstelle im deutschen Hochschulsystem.

Diesen Freitag will der Wissenschaftsrat seine lang erwarteten Reformvorschläge für die Berufungspraxis vorlegen. Das wichtigste Gremium der Politikberatung in Hochschulfragen könnte damit das Signal für die nötige Trendwende geben: Weniger Einfluss des Staates und der einzelnen Professoren bei der Lehrstuhlbesetzung, dafür größere Macht für die Hochschulspitze. Mehr Eigeninitiative beim Aufspüren geeigneter Wissenschaftler statt bloßer Verwaltung des Angebots. Längere Gespräche mit den Kandidaten anstelle von Gremiensitzungen über die Betreffenden. Diese Empfehlungen kämen zum richtigen Zeitpunkt. In den nächsten zehn Jahren verabschiedet sich die köpfestärkste Professorengeneration aller Zeit in den Ruhestand: die der Post-68er, welche durch die Hochschulexpansion in die Wissenschaft getragen wurden. Knapp die Hälfte aller Stellen wird bis 2014 frei. "Das ist eine große Chance für viele Hochschulen, neue Profile zu entwickeln und sich von überholten Forschungslinien zu trennen", sagt der Wissenschaftsratsvorsitzende Karl Max Einhäupl.

"In Deutschland ein Bittsteller, in den USA ein geachteter Kollege"

Bisher vermitteln Bewerbungsgespräche in Deutschland den Aspiranten meist das Gefühl, Teil einer lästigen Pflichtveranstaltung zu sein (ZEIT Nr. 20/03). Der Entwicklungsbiologe Hans Schöler etwa bekam für seine Vorstellung auf eine Professur gerade einmal eine Dreiviertelstunde Zeit eingeräumt. Das Interesse der künftigen Kollegen sei gering gewesen, erinnert er sich. Die meisten waren zu seinem Vortrag nicht gekommen. Fragen gab es kaum. Wie es anders geht, erlebte er dann an der Universität Pennsylvania, die zu den Top Ten in den USA gehört. In zwei Dutzend Einzelinterviews, bei Arbeitsessen und Gruppengesprächen diskutierten die Professoren mit dem Biologen über seine Forschung. "Alle Gesprächspartner waren top vorbereitet", erinnert sich Schöler. Dort habe er das Gefühl vermittelt bekommen, "du bist gut, wir wollen dich haben", sagt der Wissenschaftler, der mit der Umwandlung von Stammzellen in Eizellen international Aufsehen erregte. Volker Mehrmann, Mathematiker mit langer Bewerbungserfahrung und heute Professor an der TU Berlin, ergänzt: "In Deutschland fühlst du dich oft als Bittsteller, in den USA als geachteter Kollege."

Eine strategische Personalplanung ist an hiesigen Hochschulen meist unbekannt. Will ein Unipräsident sie dennoch betreiben, verfängt er sich im Dickicht der Vorschriften. "Schwer zu durchschauende Kommissionen und kompliziert miteinander verbundene Verfahrensschritte", heißt es in einer Studie des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE), machten die Besetzung einer Professur zum langwierigen Verwaltungsakt. Vom Ausscheiden des alten Amtsinhabers bis zur ersten Vorlesung des Nachfolgers muss die Akte "Neubesetzung" über ein Dutzend Stationen durchlaufen. Dahinter steckt die berechtigte Furcht vor falschen Personalentscheidungen: Einmal eingestellt, wird man einen Professor nicht wieder los. Besonders in Deutschland genießt der verbeamtete Hochschullehrer eine Arbeitsplatzsicherheit wie sonst nur der Papst. Die Überbürokratisierung der Berufungsverfahren rechtfertigt dies aber nicht.

Allein mit der Formulierung der Stellenanzeige sind mehrere Gremien befasst. Vom Studentenvertreter über die Frauenbeauftragte bis zum Wissenschaftsminister gibt es kaum eine Einrichtung, die nicht in irgendeiner Weise am Zustandekommen der Berufungsliste beteiligt wäre. Erst wenn alle zugestimmt haben, erteilt die Universität ihrem Wunschkandidaten den so genannten "Ruf" – den dieser jedoch mitunter bewusst verhallen lässt. Denn wer sich auf eine Stellenanzeige meldet, muss kein wirkliches Interesse an der freien Professur haben. Mitunter dient die Bewerbung allein dazu, den eigenen Marktwert zu steigern. In der Regel lässt sich ein abgelehnter Ruf bei der Heimatuniversität in ein höheres Gehalt, mehr wissenschaftliche Mitarbeiter oder weitere Mittel für Bücher ummünzen. Bis vor kurzem habe das deutsche Professorenrecht dieses Geschacher sogar systematisch gefördert, sagt der Hochschulexperte Hans Weiler. Denn erst neuerdings ermöglichen einige Länder in ihren Hochschulgesetzen die leistungsabhängige Bezahlung. Davor waren die Bleibeverhandlungen die einzige Möglichkeit für einen etablierten Wissenschaftler, seine Bezüge aktiv zu verbessern. Sagt der erste Kandidat ab, kommt der zweite auf der Bewerbungsliste zum Zug, und der Schacher beginnt von vorn. Diese Operation "Such den Prof" kann sich über mehr als ein Dutzend Runden ausdehnen. Für die Bewerber sei die ganze Prozedur undurchsichtig, klagt Mathematiker Mehrmann: "Oft wird man noch nicht einmal informiert, wo das Verfahren gerade steht."