Es fängt mit Goethe an und hört mit Goethe auf. Dazwischen aber ist viel Riedle. Riedle in polemischer Bestform und außer poetischer Kontrolle. Eine Autorin, wild entschlossen, ihren literarischen Ruf aufs Spiel zu setzen, und diszipliniert bei der Sache, die "das wüste Leben" heißt. Was das ist? Etwas, das die Heldin und Ich-Erzählerin, die sich Gabriele Riedle nennt und betont, dass sie über die aparte Trennung von Autor und Erzähler, von Verfasserin und Heldin hinaus ist, mit bemerkenswertem Grimm anstrebt, aber doch nie erreicht. Wüst wäre es, die "ansatzweisen Ausschweifungen, diese Vorbereitungen für Orgien aller Art", die unser bieder vergeudetes Leben ausmachen, zu übertreffen und unentwegt eine "gesteigerte Existenz" zu leben. Doch vergebens ist alle Anstrengung: kein Exzess, der nicht schal würde, keine Leidenschaft, die sich nicht selbst dabei zuschaute, wie sie niederbrennt, nicht einmal der Masochismus – verstanden als "die Freiheit, sich zu unterwerfen" – ist anrüchig genug, dass er für ein ganzes wüstes Leben ausreicht. Die Trunkenbolde in Auerbachs Keller mögen grölen: "Uns ist ganz kannibalisch wohl / Als wie fünfhundert Säuen" – diese Intellektuelle, die hoch reflektiert von der Brunst redet, muss sich aber selbst malträtieren, um zum dumpf Animalischen vorzustoßen und sich einzubilden, es sei ihr kannibalisch wohl.

Dabei sichert sie sich bei jedem Schritt und Fehltritt mit Goethes Lebenswerk. Ein dubioser "Er" geistert in vielerlei Gestalt durch den Roman und das Leben der Erzählerin, ein Mephisto, mit dem Gabriele Riedle als Heldin des Romans von Gabriele Riedle einen Pakt besiegelt hat: "Ich bin sein" – gegen das wüste Leben, das Er ihr verschaffen soll. Was die erzählerische Logik betrifft, geht es, wenn nicht wüst, immerhin ziemlich rabiat zu. Manchmal ist Er "blaß und hinfällig wie der Papst", dann wieder erinnert Er an Günter Grass mit "seinen Cordhosen" oder an Adamo "im Regenmantel", der seinerzeit die Tränen auf Reisen geschickt hat, und endlich tritt Er nicht als Schlagersänger im Fernsehen, sondern mit "abgetretenen Schnabelschuhen" als Don Giovanni auf der Bühne auf. Die Erzählerin wiederum, die sich nach Überschreitung, Rausch, Entgrenzung sehnt, hat fortwährend Verse des Doktor Faust im Munde, bezeichnet sich an anderer Stelle aber auch als Gretchen.

Da die Autorin von ihren eigenen Assoziationen gehetzt wird, ist es von Fausts unglücklichem Gretchen zu Gretel Adorno nur ein kleiner Gedankensprung, und im fortwährenden Raunen und Rauschen über Sexus und Eros muss dann auch Adorno selber herhalten, und zwar als "altes Ferkel", das auch nicht anders als die ärgsten Primitivlinge "zu denken und zu reden" aufgehört habe, sobald es zur Sache, also zum kläglichen "Vorspiel" auf das wüste Leben, gekommen sei. Nun ja. Die große, 300 Seiten lange Suada lässt fast nichts aus und verschont niemanden.

"Fühl ich mein Herz noch jenem Wahn geneigt?"

Allerdings, und das muss betont werden, auch Gabriele Riedle selbst nicht. Man kann gegen den Versuch über das wüste Leben vieles vorbringen – und am besten, indem man hinreichend aus ihm zitiert –, aber dass er mutig ist, muss man anerkennen. Der hohe Ton, der mit dem ersten Satz angeschlagen wird und bis zum letzten Kapitel fortklingt, wird manchem lächerlich anmuten; die 1958 in Stuttgart geborene Autorin hat sich jedoch bewusst für ihn und das Risiko, das er bedeutet, entschieden. Wer würde heute sonst noch wagen, seinen Roman mit einem Zitat aus der Zueignung des Faust zu beginnen und mit derart pennälerhafter Emphase fortzuführen? "Fühl ich mein Herz noch jenem Wahn geneigt? Noch glüht der Tag in neon-weißer Kälte, spätwinterlich, frühlingsfern. Doch weiß ich, hoff ich, weiß ich nicht, wie mir geschehen wird. Wie werd ich sein, wie er, wie ich, er wie, ich wie, er wie ich wie er? Ich: vor dem Spiegel. Probe von Gesichtern. Denn endlich wird er kommen. Er."

In diesem ersten Absatz ist die Problematik des Buches aufs Innigste komprimiert. Man kommt einfach nicht dahinter, ob das stilistisch ernst gemeint ist, als Versuch, das Pathos zurückzugewinnen, eine Sprache für das zitternde Begehren zu finden, oder ob Riedle, die Autorin, hier parodistisch die überreizte Stimmung von Riedle, der literarischen Figur, bloßstellen wollte. So unsicher bleibt man in diesem Buch oft zurück. Zumal wenn es poetisch wird, ist man versucht zu glauben, dass die Autorin nicht recht merkt, wie sehr sie ihr Ziel sprachlich verfehlt. Da "fegt" tatsächlich "die Freiheit der Bodenlosigkeit durch mein Herz", und Bilder von solcher Unfreiwilligkeit finden sich alle paar Seiten welche. Dann aber schreibt sich Riedle in einen polemischen Furor hinein, dem sich mitreißende Passagen verdanken. Besonders wenn sie über die ideologischen Verkrampftheiten in politisch aufgeklärten oder ökologisch empfindsamen Kreisen herzieht, also mit einigem Sarkasmus pro domo spricht, gerät sie in die allerschönste Rage.

Da ist etwa die Psychologin Carola, eine in Frauenwohngemeinschaften erprobte Kritikerin patriarchaler Missstände, der das Malheur passiert, von einem jüngeren Mann regelrecht erobert zu werden – wo sie doch viel lieber "auf politisch korrekte Weise verführt werden" wollte. Sie weiß sich zu rächen, indem sie den frechen Verführer, dessen männlicher Eros einen gesellschaftlichen Rückschritt bedeutet, nach und nach den zivilisatorischen Prozess der Feminisierung begreifen lässt und endlich dazu bringt, "aus Einsicht freiwillig im Sitzen zu pinkeln". Ein Triumph der Evolution, die eines Tages vielleicht sogar aus Männern noch Menschen machen wird.

Mit den Obsessionen und Illusionen unserer aufgeklärten Gesellschaft hat dieser Roman jedenfalls zu tun. Aber womit sonst noch? Das ist gar nicht so leicht zu sagen, denn im faustischen Sinne geht es in diesem Buch irgendwie um alles, um Leben, Tod und Gartenpflege, die Jahrtausendwende und den deutschen Wald, um die Globalisierung und das Mobiliar in schwäbischen Zweizimmerwohnungen, um unerfüllte sexuelle Wünsche und die Apokalypse als letzte Hoffnung der Enttäuschten.