Freiheitsfreund im Widerspruch

Wenn der Name Johann Georg August Wirth (1798 bis 1848) fällt, denkt man gleich an das Hambacher Fest am 27. Mai 1832 an der Schlossruine bei Neustadt in der Pfalz, das in der Geschichte demokratischer Bestrebungen im deutschen Vormärz einen besonderen Platz einnimmt. Denn hier versammelten sich unter der schwarz-rot-goldenen Fahne an die 30000 Menschen – Bürger, Handwerker, Tagelöhner, Winzer–, um friedlich für Einheit und Freiheit zu demonstrieren. Wirth war, mit seinem politischen Weggefährten Philipp Jakob Siebenpfeiffer, einer der Initiatoren des Festes, und er hielt eine vielbeachtete Rede, in der er die Monarchen als "Verräther an den Völkern und an dem gesammten Menschengeschlechte" brandmarkte, um an-schließend ein Hoch auf die "vereinigten Freistaaten Deutschlands" sowie auf das "conföderierte republikanische Europa" auszubringen. So lag es auch nahe, diesen Mann als aufrechten Vorkämpfer für die Sache der Republik zu preisen und ihn in die Ahnengalerie der bundesrepublikanischen Demokratie einzureihen.

Die Münchner Historikerin Elisabeth Hüls hat sich nun vorgenommen, dieses allzu eingängige Bild zu korrigieren. Ihr Buch, das alle bisherigen biografischen Arbeiten nicht nur an Umfang, sondern auch an Quellenstudien bei weitem übertrifft (25 Archive des In- und Auslands wurden konsultiert!), konzentriert sich nicht auf den "Hambacher" Wirth, sondern umfasst sein gesamtes Leben von Kindheit und Jugend in der Stadt Hof im Fürstentum Bayreuth, das 1810 dem von Napoleon zum Königreich erhobenen Bayern zugeschlagen wurde, bis zu dem frühen Tode im Juli 1848 in Karlsruhe, kurz nach seiner Wahl als Abgeordneter in die Frankfurter Paulskirche. Und tatsächlich kann sie nachweisen, dass dieses Leben viel facetten- und kurvenreicher war, als wir das bislang angenommen haben, dass es hier manche Widersprüche und Brüche gab, die sich mit der Vorstellung einer geradlinigen Entwicklung zum radikaldemokratischen Publizisten und Politiker nicht vereinbaren lassen.

Nach Abitur und Jurastudium strebte Wirth zunächst eine akademische Karriere an. Doch dieser Wunsch scheiterte am Geld – der Vater, Reichspoststallmeister in Hof, war bereits 1803 gestorben –, und so begann er seine berufliche Laufbahn 1823 als Gehilfe in einer Bayreuther Rechtsanwaltskanzlei. Hier tat er sich als Mann mit "vielem practisch richtigen Tact und Gewandheit in Geschäften" hervor, wie sein Mentor rühmte, doch an der Jahreswende 1830/31 gab Wirth die aussichtsreiche Position auf, um sich künftig ganz dem unsicheren Broterwerb des Journalisten zuzuwenden.

"Ein zivilisiertes Volk muss die Republik haben"

Elisabeth Hüls hat die erste Zeitschrift ausgegraben, die Wirth seit Januar 1831 unter dem Titel Der Kosmopolit erscheinen ließ. Der Befund ist eindeutig: Wirth vertrat damals noch bürgerlich-liberale, keineswegs aber demokratische Ziele. So sollte das Wahlrecht an die Steuerleistung gebunden sein, wobei für Juden eine Sondersteuer vorgesehen war – ein deutlicher Hinweis darauf, dass Wirth wie manche bürgerliche Liberale nicht frei war von antijüdischen Vorurteilen. Daneben finden sich klassisch liberale Forderungen wie die nach Presse- und Gewerbefreiheit, Ministerverantwortlichkeit und verbesserter Bildung. Sie sollten auf dem Wege der Reform durchgesetzt werden. Als Regierungsform schwebte Wirth damals noch nicht die Republik, sondern die konstitutionelle Monarchie vor.

Trotz dieses recht gemäßigten Programms wurde die Zeitschrift bereits nach sieben Nummern verboten. Die Julirevolution in Frankreich 1830 hatte die Regierungen der deutschen Staaten aufgeschreckt; eine neue Welle der Repression war die Folge. Auch der bayerische König verschärfte durch eine Verordnung vom Januar 1831 die Kontrolle über die Presse. Die rigorose Zensurpraxis wird von der Autorin höchst anschaulich beschrieben. Die Behörden verfügten über ein ganzes Arsenal von Zwangsmitteln, um Zeitungen, die sich als unbotmäßig erwiesen, zu schikanieren – sei es, dass sie ihnen Anzeigen entzogen, den Vertrieb erschwerten, einzelne Ausgaben beschlagnahmten, Druckereien die Lizenz entzogen und über Redakteure Geld- oder Gefängnisstrafen verhängten. Im September 1831 wurde auch Wirth, der mittlerweile in München eine neue Zeitung, die Deutsche Tribüne, gegründet hatte, zu einer Arreststrafe verurteilt, der bald weitere folgten.

Ende 1831 begab sich Wirth von München nach Homburg in der Pfalz, weil in diesem bayerischen Kreis, der zwischen 1801 und 1815 zu Frankreich gehört hatte, noch ein freierer Geist herrschte. Doch selbst bis hierhin reichte der lange Arm des österreichischen Staatskanzlers Metternich. Mehrfach wurde die Deutsche Tribüne konfisziert, im März 1832 endgültig verboten. Das Blatt, hieß es in der Begründung, arbeite "auf den Umsturz alles Bestehenden in Deutschland unverrückt" hin.

Tatsächlich hatte sich Wirths Position, wie die Autorin zeigt, aufgrund der erlittenen Verfolgungen radikalisiert, Sein Vertrauen in die Reformfähigkeit der Monarchien war dahin; nun setzte er auf die Aktion von unten. In einem Aufruf an die Volksfreunde in Deutschland vom April 1832 entwarf er ein 21-Punkte-Programm, an dessen Spitze die Forderung nach einem deutschen Nationalstaat und Volkssouveränität stand. Und in der unmittelbar nach dem Hambacher Fest verfassten Broschüre Die politische Reform Deutschlands erklärte er: "Ein civilisirtes Volk muß die Republik haben. Es kann bei einer andern Verfassung so wenig existiren als der Fisch ohne Wasser."

Freiheitsfreund im Widerspruch

Wirths furiose Rede auf dem Hambacher Fest entsprang also nicht der spontanen Eingebung des Augenblicks, sondern war Resultat eines Lernprozesses der vergangenen Monate. Allerdings versäumt es Elisabeth Hüls nicht, auf einen Umstand aufmerksam zu machen, der schon damals manche Zuhörer irritierte. Denn das Bekenntnis zur Republik ging einher mit Warnungen an die Adresse Frankreichs, nicht noch einmal nach dem linken Rheinufer zu greifen. In einem solchen Falle müssten alle Deutschen sich wieder um ihre Regenten scharen und gegen den äußeren Feind antreten. Diese antifranzösischen Ausfälle passten schlecht zum Geist des europäischen Völkerfrühlings, der auf dem Hambacher Fest beschworen wurde. Auch hier handelte es sich jedoch nach dem Urteil der Autorin nicht um eine rhetorische Entgleisung, sondern um ein nationalborniertes Denkmuster, das sich 1840, während der so genannten Rheinkrise, noch deutlicher zeigte. Für den Dichter Georg Herwegh war Wirth deshalb "ein Deutschthümler von der abgeschmacktesten Sorte", und auch Wirths ehemaliger Redakteur bei der Deutschen Tribüne, Georg Fein, distanzierte sich nachdrücklich von der "Teutomanie" seines einstigen Weggefährten.

Die Germanen erschienen ihm als "unverdorbenes kraftvolles Urvolk"

Elisabeth Hüls zitiert gern solche Stimmen, um deutlich zu machen, wie umstritten Wirth bereits unter seinen Zeitgenossen war. Und sie macht auch keinen Hehl daraus, dass die in den Jahren der Haft vom Juni 1832 bis Ende 1836 entstandenen Fragmente zur Culturgeschichte, in denen Wirth ein neues Planetengesetz entwarf, mit dem er die ganze Weltentwicklung erklären wollte, als intellektuelle Hochstapelei zu betrachten sind. Das Urteil der Fachleute war denn auch vernichtend, und manche zweifelten gar an dem Verstand des prominenten Häftlings. Besonders problematisch war, dass Wirth die aus den vermeintlichen Naturgesetzen abgeleitete Vorstellung eines unaufhaltsamen Fortschritts des Menschengeschlechts mit einer Rassentheorie verband, auf deren unterster Stufe "Neger" und Eskimos" rangierten, gefolgt von "Mongolen, Malaien, Amerikanern oder Indianern und endlich der edlen Gattung der Europäer". Auch innerhalb der europäischen "Rasse" setzte Wirth Unterschiede. In seiner Geschichte der Deutschen, die er in den frühen vierziger Jahren während seines Exils in der Schweiz schrieb, feierte er die Germanen als "unverdorbenes kraftvolles Urvolk", das ein "glühendes Freiheitsgefühl" ausgezeichnet habe. An diesen Germanenkult à la Ernst Moritz Arndt konnten spätere völkische Rassentheoretiker anknüpfen.

Als die Revolution von 1848 ausbrach, war Wirth, wie der berühmte Historiker Veit Valentin bemerkt hat, "eine Größe von gestern", deren man sich zwar noch erinnerte, die aber keine bedeutende Rolle mehr spielte. Der Frankfurter Nationalversammlung gehörte er nur wenige Tage an, bevor er am 26. Juli starb – zu einem Zeitpunkt als die Hoffnung auf ein freies und geeintes Deutschland noch nicht zuschanden geworden war.

Diese überaus gründliche, sorgfältig dokumentierte und nüchtern präsentierte Biografie ist zugleich ein wichtiger Beitrag zur Geschichte des deutschen Vormärz. Sie zeigt anhand eines der führenden Vertreter der Opposition, wie unausgegoren, schwankend und inkonsistent die politischen Vorstellungen auch unter den Liberalen noch waren. Fortschrittlich-republikanische und volkstümelnd-reaktionäre Ideen lagen eng beieinander. Man kann der Autorin daher nur beipflichten, wenn sie davor warnt, diesen Mann zum demokratischen Vorbild zu stilisieren.