Ähnlich wie Ackermann trägt es auch viele seiner Kollegen davon, ihnen scheint die RAF ein fast unwiderstehliches Faszinosum zu sein. Und selbst da, wo sie Ironie einbauen, um der allzu großen Nähe zu entkommen, bleiben sie den Bild- und Gedankenwelten der Täter doch verhaftet. Scott King etwa malt Ulrike Meinhof als Mona Lisa, und Hans Niehus fingiert für Holger Meins einen Ehrenstern auf dem Hollywood Boulevard. Beide Künstler versuchen, den Starkult zu entlarven, um den es vielen Terroristen ging – schon Mitte der Sechziger hatte Andreas Baader geprahlt: »Pass mal auf, irgendwann werde ich auf dem Spiegel- Titel sein.« Doch verstärkt das Entlarven der Künstler am Ende nur wieder die Fixierung auf die Ikonen. So sind diese Kunstbilder im Grunde nichts anderes als die T-Shirts mit dem provozierenden »Prada Meinhof«-Aufdruck, die vor einiger Zeit verbreitet wurden und aus der RAF ein Pop-Phänomen machen wollten.

Warum nur gerät die Kunst derart oft in die Geiselhaft der Terroristen? Weshalb kann sie sich nicht lösen? Und wieso befassen sich überhaupt so viele Künstler mit der RAF? Möglich, dass sich die Obsession aus ihrem Selbstverständnis erklärt: Für viele gehörte es lange Zeit einfach zum Künstlerdasein dazu, politisch, links und kritisch zu sein. So lag es nahe, sich mit der RAF zu befassen. Doch ebenso gut hätten sie sich natürlich mit Nachrüstung, Waldsterben oder Mauerfall befassen können, was aber nur ganz wenige taten. Offenbar gab es zum Phänomen RAF für viele eine ganz eigene Beziehung, manche spürten wohl eine Art Wesensverwandtschaft. Vielleicht sahen sie in den Terroristen sogar die besseren Künstler.

Einige der Radikalen waren ja sogar welche gewesen, Holger Meins etwa hatte an der Kunsthochschule Hamburg studiert, Christof Wackernagel begann als Schauspieler, Bernward Vesper war Schriftsteller. Andere beriefen sich bei ihren Aktionen gern auf die Surrealisten, auf André Breton und seinen Appell, »wahllos wie wild auf die Passanten zu ballern«. Schon als die Kommune I angeklagt wurde, per Flugblatt zur Brandstiftung aufgerufen zu haben, deklarierte sie ihre Aktion als Kunst und verwies auf die Avantgarde. Diese hatte davon geträumt, dass Denken und Handeln, dass Kunst und Leben eins werden mögen. Und ebendarum, um das Wahrhaftige, schien es nun den Terroristen zu gehen. »raf heißt praxis, und genau nicht: noch ne theorie«, schrieb Ulrike Meinhof 1973.

Die Künstler hatten also allen Grund, fasziniert zu sein; mehr Gründe aber noch hatten sie, die Terroristen zu fürchten. Nicht nur Herbert Marcuse sah das »Ende der Kunst durch ihre Verwirklichung« heranziehen. Denn alle radikalen Gesten der Künstler, alle Tabubrüche wirkten plötzlich läppisch. Und auch ihre Utopien einer anderen Gesellschaft klangen nun hohl. Auf dem Feld des Symbolischen ließ ihnen die RAF keinen Platz mehr, so schien es manchen Künstlern. Also blieb ihnen nur, sich dem Parasiten als Parasit zu nähern. Der Terror beutete die Kunst aus und die Kunst den Terror, sie kopierte, collagierte, kommentierte.

Nur wenigen gelang es, sich vom Arsenal der RAF-Motive zu lösen, oft sind es erst die Jüngeren, die ihren Fantasien freien Lauf lassen. Vor allem den Filmen, etwa von Rainer Kirberg, gelingt es, mit vielschichtigen Erzählungen ein wenig in die Untiefen der jüngsten Geschichte hineinzuleuchten. Offenbar sind bewegte Bilder besser geeignet, sich dem komplexen Gebilde RAF zu nähern.

Einzelbilder oder Skulpturen hingegen erweisen sich dafür meist als zu monolithisch. Viele bleiben verrätselt, gefangen in der privaten Mythologie des Künstlers. Johannes Wohnseifer zum Beispiel hat einen tiefen Rahmen aufgestellt, darin oben eine verschachtelte Konstruktion, unten ein gekrümmtes Stück Sperrholz. Dass dies auf den Schrank anspielen soll, in dem Hanns Martin Schleyer von den Terroristen gefangen gehalten wurde, dass die Verschachtelung den Grundriss der Wohnung darstellt und das Gekrümmte an eine Skateboard-Bahn erinnern soll, weil nämlich Wohnseifer als Kind unwissentlich vor dem Entführerhaus gespielt hat – all das erfährt einzig, wer den Katalog liest. Ansonsten bleibt die Skulptur abstrakt und wirkt völlig beliebig.