Zweihundert Jahre ist es her, dass die Vereinigten Staaten ein wirtschaftlicher Zwerg waren. Ein Niedriglohnstandort im Vergleich zu den Britischen Inseln und dem Rest Europas, eine rohstoffintensive Wirtschaft und vor allem ein Importeur europäischer Technologie. Doch spätestens zur Londoner "Crystal Palace"-Weltausstellung im Jahre 1851 erregten amerikanische Produkte und Maschinen so viel Aufsehen, dass Zeitgenossen erstmals vom "amerikanischen System der Manufaktur" sprachen. Amerikanische Geräte für den großflächigen Ackerbau, das Abholzen großer Waldflächen oder die Textilproduktion waren standardisiert, modular aufgebaut und bisweilen arbeitsteilig von mehreren Firmen gefertigt worden. Die Neue Welt hatte die Technik der Massenproduktion entdeckt.

Inzwischen ist aus dem innovativen Wirtschaftszwerg USA längst ein Koloss geworden. Nach Kaufkraft gerechnet, produziert jeder Amerikaner beachtliche 30 Prozent mehr als ein Einwohner von Euroland. Die Wirtschaft der USA ist zuletzt Jahr für Jahr um einen Prozentpunkt schneller gewachsen als die in Euroland, und das trotz widriger Umstände wie dem Börsencrash vom Jahr 2000, Terroranschlägen, einer Serie von Unternehmens- und Finanzskandalen und dem Krieg im Irak.

"Größere Märkte liefern größere Anreize für neue Technologien"

Das rührt teilweise daher, dass die amerikanische Bevölkerung schnell wächst, dass Amerikaner etwas mehr arbeiten als Europäer und die Statistik übertreibt. Doch fest steht, dass Amerika jenen Trick aus dem frühen 19. Jahrhundert vielfach wiederholt hat: technische Neuerungen zu schaffen, die Arbeitskräfte, Kapital und Rohstoffe effizienter als zuvor in den Dienst der Wirtschaft stellen. Im frühen 19. Jahrhundert versuchte Amerika, mit seinen neuartigen Maschinen die üppige Ausstattung des Landes mit Wald- und Weideflächen, fruchtbaren Böden, Erzen und Brennstoffen nutzbar zu machen. Heute lautet die Herausforderung, die bestehenden Fabriken und technischen Gerätschaften, biotechnische Patente und die vielen Möglichkeiten der Informationstechnologie produktiver zu kombinieren als bisher. Wenn das gelingt, sprechen Ökonomen von einer Steigerung der Produktivität. Und die gilt ihnen als der Quell allen Wirtschaftswachstums, aller steigenden Einkommen, allen Wohlstandes.

So lautet die Schlüsselfrage: Warum gelingt Amerika die Sache mit dem Produktivitätswachstum so gut, ob 1825 bei Motorsägen oder 2005 bei Computersoftware? Ist es die Schläue seiner Erfinder, der Fleiß seiner Unternehmer? Ist es staatliche Wachstumsförderung, sind es locker regulierte Produkt- und Arbeitsmärkte? Die Experten streiten sich, doch in der Ökonomenzunft hat sich eine Antwort Respekt verschafft, die zunächst ein wenig ungewöhnlich klingt: Amerikaner haben es deshalb so leicht mit der neuen Technik und schaffen so viel Wohlstand, weil das Land und seine Wirtschaft so groß sind.

Die Rückschau hilft, dieses Argument zu verstehen. Im Jahr 1820 zählten die USA bereits 8,6 Millionen Einwohner, viel mehr etwa als das mit Rohstoffen besser ausgestattete Australien. 1879 lebten in den USA dann 40 Millionen Menschen, schon ein Drittel mehr als in Großbritannien. Ein gutes Transportsystem, recht einheitliche Konsumgewohnheiten und landesweit etablierte Umgangsformen im Kommerz vereinigten diese vielen Menschen zu einem großen Wirtschaftsraum.

"Die Verfügbarkeit von Rohstoffen und der Effekt der Größe waren die Schlüsselelemente, warum spezialisierte Gerätschaften, standardisierte Produkte und ein modularer Aufbau der Geräte entwickelt wurden", urteilt der Stanford-Ökonom Paul Romer, der zu den Mitbegründern der so genannten Neuen Wachstumstheorie zählt. Die Wirtschaftshistoriker Nathan Rosenberg, Moses Abramovitz und Paul David haben inzwischen penibel beschrieben, wie sich mit wachsenden amerikanischen Märkten auch die Hersteller von Geräten aufsplitteten, wie eine weit gefächerte Arbeitsteilung entstand, wie alles immer effizienter wurde, um die vielen Menschen mit Produkten beliefern zu können. Für Romer ist "die theoretische Schlüsselerkenntnis, dass größere Märkte und größere Ressourcen erheblich größere Anreize lieferten, um neue Techniken für ihre Nutzung zu entdecken".