Es war eigentlich ein schöner Tag für den deutschen Fußball gewesen, der 7. Juni 1971. Die Borussen um Günter Netzer hatten am Tag zuvor gegen Eintracht Frankfurt gewonnen, die Bayern beim Meidericher SV verloren, was für Mönchengladbach die zweite Meisterschaft in Folge bedeutete. Ein Titelgewinn hatte damals auch symbolische Bedeutung. Borussia stand für Frische, für Elan, Mut und Lebensfreude. Dagegen spielten die Münchner konservativ und verkörperten den Konservativismus, inklusive des Miefes und der Bräsigkeit der fünfziger, sechziger Jahre.

Kickers Offenbach war abgestiegen, aber weil der Vereinspräsident 50 wurde, sollte dennoch gefeiert werden in Hausen, wo das Geburtstagskind mit dem schönen Namen Horst Gregorio Canellas und dem ebenso schönen Beruf eines Südfrüchteimporteurs in der Rosenstraße residierte. Die Sonne schien, man saß in ausgelassener Runde im Garten. Irgendwann stellte Horst Gregorio Canellas ein Tonband an. Er wollte den Anwesenden demonstrieren, wie es so zugehe in der Liga. Auf den Aufnahmen war zu hören, dass Canellas zwei Spielern von Hertha BSC während der Saison reichlich Geld geboten hatte für den Fall, dass die bereits gesicherte Hertha im letzten Spiel gegen Arminia Bielefeld verlöre. Die Reaktionen der Spieler zeigten, dass derlei Manipulation in der Liga Usus war. Der Bundesligaskandal kam ins Rollen.

Es war eine Schmierenkomödie: Der Berliner Zoltan Varga hatte zum Beispiel für eine defensive Spielweise gegen Bielefeld 40.000 Mark ausgehandelt und erfüllte seinen Part des Kontraktes in der ersten Halbzeit auch mit Bravour. In der Pause rannte er zum Telefon, Handys gab es damals noch nicht, und erfuhr, dass zu Hause noch kein Geld eingetroffen war. Fortan spielte er zur Strafe wie ein Weltmeister auf. Das heißt, er wollte. Es kam anders, weil ihm die Mitspieler den Ball vom Fuß nahmen oder auffällig oft mit ihm zusammenstießen. Schließlich war deren eigene Prämie in Gefahr.

Am Ende der Ermittlungen hatte sich der vermeintliche Aufklärer Canellas auch selber reingeritten, und es wurde bilanziert, dass weit über eine halbe Million Mark geflossen und die halbe Liga involviert war - Eintracht Braunschweig mit 16 Spielern, Hertha mit 15, Schalke 04 stellte 14 Betrüger, der VfB Stuttgart 3, aus Meiderich gesellten sich 2 Spieler in die Spießgesellenrunde, ein Bielefelder kam dazu und der Torwart des 1. FC Köln. Funktionäre wurden gesperrt, Klubs mit Zwangsabstieg bestraft und die offensichtlich sumpfige Liga mit Liebesentzug. In der Spielzeit 1971/72 ging die Zuschauerzahl um 800.000 zurück, im Jahr darauf sogar um 1,3 Millionen. Bis 1977 dauerte es, bis alle Ermittlungen abgeschlossen und alle Prozesse geführt waren. Helmut Schümann