Jeden Sonntag gegen 10.30 Uhr kommt Halina Popiołek über das dörfliche Pflaster, durch das längst Unkraut und Flechten sintern, zu ihrem Neffen Henryk Baginski. Sie betritt den Hof, geht durch die winzige Küche mit den Rissen vom leichten Erdbeben im vergangenen November und wartet am Spalier der Grünpflanzen im Wohnzimmer. Nach einer Weile führt der Neffe die Tante zu seinem klapprigen roten Kleinwagen, bringt sie zur Kirche am Marktplatz und fährt sie nach der Messe wieder zurück.

Das allwöchentliche Ritual ist Henryks privates Zeugenschutzprogramm für die 76-Jährige: "Ich muss dafür sorgen, dass sie heil und ohne Anfeindungen nach Hause kommt." Halina war 13 Jahre alt, als sie zur unfreiwilligen Zeugin wurde. Fast ein Menschenalter später tat sie, was heute im Ort als schlimmstes Vergehen gilt: Sie erzählte Fremden vom Geschehen, das sie nie mehr hatte vergessen können.

Was ihr noch immer vor Augen steht, geschah rund um ihre Kirche und auf dem Marktplatz, der jetzt nach niemand anderem als Papst Johannes Paul II. benannt ist. Bis zum 10. Juli 1941, einem Donnerstag, bewohnten Juden die meisten Häuser an diesem Platz. Am Vormittag jenes Tages trieben nichtjüdische Bewohner des Städtchens ihre jüdischen Nachbarn auf dem Markt zusammen. Sie handelten auf Weisung einiger am Morgen in den Ort gekommener Gestapomänner, aber nicht unter Befehlsnotstand und Lebensgefahr. Schon in aller Frühe waren Bewohner aus der Umgebung mit Fuhrwerken angerollt, auf Plünderungen lauernd. Man wartete geradezu auf die deutschen Anstifter. Gleich zu Beginn der Treibjagd dann vergewaltigten, erstachen, steinigten die wüstesten Mörder die ersten Opfer.

Auf dem Marktplatz wurden die Juden stundenlangen Torturen ausgesetzt, mit Rohren und nägelbeschlagenen Knüppeln zu sinnlosem Unkrautjäten, Tanzen und Verrenkungen geprügelt. Am Nachmittag pferchte der mit Äxten bewaffnete Mob die Mitbürger zu Hunderten in eine Scheune, verbrannte sie bei lebendigem Leibe und raubte ihre Häuser aus. Ein paar deutsche Soldaten standen daneben und fotografierten. Halina brannten sich die Bilder fürs Leben ein.

Mörder, Schaulustige und auch jene, die sich ferngehalten hatten vom Massaker, lebten weiter im Ort. 15 Männer wurden 1949 in der Kreisstadt vor Gericht gestellt, die meisten kehrten nach relativ kurzen Gefängnisstrafen zurück. Sie kamen in die Jahre, doch wer starb, nahm kein Geheimnis mit ins Grab. Ihren Anteil am Geschehen, ihre Geschichten trugen Söhne und Töchter weiter, jeder wusste von jedem im Ort, aber nichts davon drang mehr nach draußen. Was die wenigen überlebenden Juden nach Kriegsende zu Protokoll gegeben hatten, sank mit den Jahren auf den Grund der Aktenbestände und Institutsarchive.

Bis im Mai 2000 ein Blitz, ein Flashback der Erinnerung, ganz Polen traf. Ein schmales Essaybändchen mit dem Titel Nachbarn riss den Ort aus dem Vergessen und seine Bewohner aus der stillen Inzucht mit ihrer Geschichte. Der polnische Emigrant und amerikanische Politologe Jan Tomasz Gross hatte am Beispiel des kleinen Städtchens ein düsteres Kapitel in grelles Schlaglicht gerückt: "Nach meinem Eindruck hat der Antisemitismus ganze Gebiete der polnischen Geschichte verseucht und in verbotene Themen verwandelt."

Der Name Jedwabne ging um die Welt, und die Welt kam nach Jedwabne: lokale Reporter, israelische und amerikanische Journalisten, Historiker, selbst ein polnischer Staatsanwalt und schließlich der Präsident des Landes. Als seien einzig und allein in Jedwabne die Beweise oder Gegenbeweise für eine polnische Beteiligung am Holocaust zu finden. Dabei war es 1941 in 23 Städten und Dörfern dieser traditionell nationalkatholischen und antisemitischen Region zu Pogromen gekommen. Bewohner der ländlichen Flecken hatten nach dem Rückzug der Russen den einziehenden Deutschen geholfen, die Juden zusammenzutreiben. Mancherorts beteiligten sie sich direkt an der Vernichtung ihrer jüdischen Mitbürger. In einigen Fällen plünderten, vergewaltigten, mordeten sie sogar schon, bevor die Deutschen angerückt waren. 63 schnelle und recht oberflächliche Verfahren hatte es in der ersten Nachkriegszeit in diesem östlichen Teil Polens gegeben, vor allem wegen Beihilfe und Unterstützung der Deutschen. Danach erschienen das eine oder andere Erinnerungsbuch von jüdischen Zeitzeugen oder Geschichtsforschern in New York, London oder Tel Aviv. In Polen hatten die Historiker andere Sorgen. Ihnen waren, erklärlich nach allem, was diesem Land widerfuhr, die polnischen Märtyrer wichtiger als die polnischen Mörder. Im Vorwort der deutschen Ausgabe von Nachbarn schrieb Adam Michnik, der einstige Dissident und viel zitierte Publizist: "Heute büßt Polen für Jahrzehnte der Lüge."

Den Jedwabnern aber kam es so vor, als ob sie allein büßen müssten für etwas, das in vielen ungenannten Nachbarorten ebenso geschehen war (siehe Die Juden waren der innere Feind ). Die meisten der rund 2000 Einwohner bildeten eine Wagenburg unter der Führung des antisemitischen Priesters Edward Orlowski. Wer den Fährtenlesern der Geschichte, die das Dorf zu umzingeln schienen, Hinweise gab, welche der Wahrheit entsprachen, wurde zum Verräter gestempelt. Wie Halina Popiołek. Anfang August 2000 hatte sie einem Reporter der Gazeta Pomorska berichtet, was sie als 13-Jährige miterleben musste: "Ich sah, wie sie den zusammengeschlagenen Lewiniuk, der noch atmete, lebendig begruben… Sie trieben alle zur Scheune, die sie rundum mit Benzin begossen. Es ging alles sehr schnell. Aber diese Schreie! Ich habe sie noch immer im Ohr!"

Seither ist Halina eine Verfemte. Ihre Nichte, bei der sie wohnt, verbot ihr bis heute, auswärtige Besucher im Haus zu empfangen. Selbst den Staatsanwalt Radosław Ignatiew, der zusammen mit dem Institut für Nationales Gedenken (IPN) den Massenmord nun noch einmal aufzurollen versuchte, konnte sie nur im Wohnzimmer ihres Neffen treffen. Henryk Baginski war schon vor seiner Tante von der Gemeinde verstoßen worden. Der 46-Jährige half zum Jahrestag des Massakers am 10. Juli 2000 ein paar offiziellen Besuchern, die Stätte des Verbrechens mit Blumen und Grablichtern zu schmücken. Anderntags brachte die Regionalzeitung ein Foto davon. Dorfbewohner drohten, Henryk und seiner Frau Elzbieta das Dach überm Kopf anzuzünden. Am Telefon verkündete eine sonore Stimme: "Du wirst jetzt umgebracht!" Zwei Wochen nistete sich die Polizei zwischen den Grünpflanzen im Wohnzimmer ein. Sie machte den Anrufer aus. Es war der Briefträger. Der Schwager des lokalen Polizeichefs.

Verbittert zeigt Henryk Baginski aus dem Fenster: "Der Nachbar dort war fast ein Freund. Aber jetzt rieb er mir unter die Nase: ›Wenn mir auch nur ein Jude unter die Augen käme, würde ich ihn sofort verbrennen!‹" Elzbieta weist zur anderen Straßenseite: "Die meisten Häuser hier gehörten früher Juden. Da drüben wohnt ein 40-Jähriger. Die Alten aus seiner Sippschaft machten beim Morden mit. Und er schwört heute: ›Ich würde sofort das Gleiche tun.‹" Henryk hatte früher Arbeit genug, konnte alles reparieren, besaß eine "goldene Hand". Nach der greift niemand mehr, seit er sich um die Gedenkstätte gekümmert hat.

"Und warum tust du es, Henryk?"