Sommer 1915. Das armenische Dorf Haba östlich der Provinzhauptstadt Elazig weiß nichts davon, dass die jungtürkische Regierung bereits im Mai den Befehl für die Umsiedlung der anatolischen Armenier in die syrische Wüste gegeben hat. Gendarmen fallen ins Dorf ein, sperren Frauen und Kinder in den Kirchhof und nehmen die Männer fest. Auf den Schultern ihrer großen Schwester stehend, blickt ein Mädchen über die Kirchhofmauer und kann nur stockend erzählen, was es sieht: Die Gendarmen schneiden den Männern des Dorfes die Gurgel durch und werfen die Leichen in den Fluss. Nur wenige Tage später beginnt der Todesmarsch der Frauen und Kinder gen Süden. Sechshundert- bis Achthunderttausend der damals 1,5 Millionen Armenier Anatoliens werden ihn nicht überleben. Auf der Höhe von Diyarbakir, im Städtchen Çermik, nimmt ein türkischer Gendarm, ihr späterer Stiefvater, Heranusch ihrer Mutter ab.

In der Kleinstadt Maden, die auf halber Strecke zwischen Elazig und Çermik liegt, wird Jahrzehnte später Fethiye Çetin geboren. Als Türkin. Nun hat die Rechtsanwältin Çetin die Geschichte von Heranusch Gardarian, die ihre Großmutter war, aufgeschrieben und mit ihrer eigenen Geschichte verbunden.

Anneanem heißt das Buch, Meine Großmutter, dessen dritte Auflage in Arbeit ist und das seit Dezember in Tausenden von Exemplaren verkauft wurde.

Bedeutend ist das Buch, weil in ihm Großmutter und Enkelin, Armenierin und Türkin, die Schrecken der Verfolgung gemeinsam noch einmal erleben. Das liegt quer zu aller nationalistischen Rhetorik, die den Umgang mit der Katastrophe noch immer bestimmt.

Erst sechzig Jahre nach jenem Sommer 1915 hat sich Heranusch ihrer Enkelin offenbart. Warum so spät? Das könnte man auch Fethiye Çetin fragen. Bereits Ende der siebziger Jahre begann Heranusch mit ihren Berichten, doch erst nach ihrem Tod im Jahr 2000 ging Çetin an die Öffentlichkeit. Den Ausschlag gab das Begräbnis der Großmutter, auf dem man sie als gute Muslimin und Tochter türkischer Eltern beerdigte. Da spielte Fethiye Çetin die Maskerade nicht mehr mit und schaltete die Todesanzeige mit dem ursprünglichen Namen in der einzigen armenischen Zeitung Istanbuls. Bis zum Erscheinen des Buches vergingen jedoch weitere vier Jahre. Warum so spät?

Wenn Fethiye Çetin davon schreibt, was die Berichte der Großmutter in ihr auslösten, gibt sie zwischen den Zeilen selbst die Antwort: Über die Szenen legte sich meine Erinnerung daran, wie ich jedes Jahr in der Schule aus tiefstem Herzen die Heldengedichte vortrug und aus voller Kehle Verse aufsagte, in denen die nationale Vergangenheit verherrlicht wird. Armenier dagegen tauchen in der Geschichte der Republik nur als Feinde auf.

Wie haben dies andere Künstler und Intellektuelle erlebt? In der Schule hatten wir täglich zwei Stunden Geschichtsunterricht, erinnert sich der armenische Musiker Arto Tunçboyaciyan an seine Schulzeit in Istanbul. Als Sechsjähriger lernte ich, wie verdorben unsere Kultur und die der Griechen ist. Auf der Straße traute ich mich kaum, die Leute anzusehen, für die wir offensichtlich Feinde waren. Viel hat sich daran bis heute nicht geändert.