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Eine dringende Warnung gaben die Mitarbeiter der britischen Sicherheitsfirma AKE am 22. Dezember an ihre Kunden im Irak aus, darunter auch Journalisten: "Auf einem Flugblatt, das Aufständische in Falludscha verteilen, wird – gegen Geldzahlungen – zur Weitergabe von Informationen über Journalisten, Übersetzer und Fahrer (…) aufgerufen. (…) Beunruhigenderweise steht weiter auf dem Flugblatt, dass Journalisten, welche die Grüne Zone betreten, bereits beobachtet werden."

Denn diese sind begehrte Beute. Die ZEIT -Mitarbeiterin Giuliana Sgrena ist die vierundzwanzigste Journalistin, die seit Kriegsausbruch im Irak entführt wurde. Es gehört zur unmenschlichen Ökonomie des Entführungsgeschäfts, dass der Faktor Mitgefühl den Wert des Opfers bestimmt. Zittern, wie jetzt, viele Menschen um das Leben eines anderen, lesen oder hören sie vom Schicksal der Geisel, womöglich mit Fotos aus der Haft, dann verleiht dies dem Faustpfand der Entführer mehr Gewicht. In Hoffnung umgemünzt, heißt das aber auch: Es bestehen gute Chancen für die Geisel, zu überleben, ausgetauscht zu werden gegen das, was die Verbrecher wollen. Möglichst viel Geld. Von 184 Ausländern, die in die Fänge islamistischer Banden gerieten, sind bis heute 33 ermordet worden. Unter ihnen befand sich lediglich ein Reporter, der Italiener Enzo Baldoni. Ende August sandte die Gruppe "Islamische Armee im Irak" ein Video mit der "Hinrichtung" des 56-Jährigen an den Sender al-Dschasira. Was darauf zu sehen war, wollten selbst die arabischen Fernsehmacher, sonst wenig zimperlich, ihrem Publikum nicht zumuten.

Reporter sind leichte Beute, denn sie mischen sich unter das Volk

Ist Baldoni unter anderem wegen zu wenig Aufmerksamkeit gestorben? Wurde es ihm zum Verhängnis, dass seine Kollegen nicht genügend Schlagzeilen über sein Schicksal produzierten? Die Redakteure der Tageszeitung Il Diario glauben das heute. Hätten sie damals nicht so stillgehalten, sondern, im Gegenteil, durch ihre Artikel die Regierung unter Druck gesetzt, alles zu tun, was in ihrer Macht steht – vielleicht, sagen sie, wäre ihr Mitarbeiter noch am Leben (siehe nebenstehenden Artikel).

Publicity als Schutz? Ja, das kann funktionieren, sagen Experten, die sich im Entführungs-Business auskennen. Gleichwohl, niemand sollte glauben, dass sich Kidnapper moralisch von Solidaritätsartikeln, Fackelzügen und Sympathieadressen beeindrucken lassen. Die Aufmerksamkeit, die ihren Opfern zuteil wird, dürften sie vielmehr buchhalterisch als Positivposten registrieren, was ihr Interesse an einem Deal erhöht. Die Kidnapping-Industrie ist auch im Irak ein kühl berechnetes Geschäft mit der Ware Mensch.

Georges Malbrunot, ein freier Journalist aus Frankreich, der zusammen mit seinem Kollegen Christian Chesnot am 20. August 2004 zwischen Bagdad und Nadschaf verschleppt worden war, schilderte nach seiner Freilassung am 22. Dezember, wie die Entführer auf die groß angelegte Öffentlichkeitskampagne und die schlagzeilenträchtige Reisediplomatie der französischen Spitzenpolitik reagierten: "Die Geiselnehmer waren sichtlich mit der Rede von Chirac und der Reise von Barnier zufrieden, weil sie ihnen Publicity verschaffte. Sie sagten uns: ›Barnier ist nach Kairo gereist und hat eure Befreiung gefordert. Auch die Muslime in Frankreich fordern eure Befreiung. Ihr seid berühmt.‹ Die Geiselnehmer waren darüber zufrieden. Sie hatten an Bedeutung gewonnen."

Freilich weiß niemand, wie viel Geld Paris den Entführern für die Freilassung zahlte. Bekannt ist nur eine Erklärung der Geiselnehmer, die Journalisten hätten ihre Freilassung auch "den Appellen der muslimischen Organisationen und Institutionen" zu verdanken. Im Irak jedenfalls hält sich das Gerücht, es seien Millionen Dollar als Lösegeld geflossen.

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Wenn das so ist, erzeugt dann auf der anderen Seite die Berichterstattung über entführte Journalisten nicht erst den Anreiz, weitere zu kidnappen?

Möglicherweise ja. Oder ist es reiner Zufall, dass bald nach Malbrunot und Chesnot die französische Reporterin Florence Aubenas verschleppt wurde? Keine zwei Wochen hat die Freude gedauert, die Frankreich nach der jüngsten Geiselfreilassung empfunden hatte. Florence Aubenas traf sich am 5. Januar 2005 mit ihrem Dolmetscher vor dem Hotel el-Mansour, um zur provisorischen irakischen Regierung in die gesperrte Grüne Zone in Bagdad zu fahren. Diesmal wurde sie jedoch am Kontrollpunkt abgewiesen. Seither fehlt von der Irak-Korrespondentin der Pariser Tageszeitung Libération und ihrem Begleiter Hussein Hanoun jede Spur. Zwei irakische AFP-Journalisten wurden später in Bagdad von vermummten Männern angehalten, die ihnen mitteilten: "Die Journalistin und ihr Begleiter sind bei guter Gesundheit."

"Unsere Experten hatten kaum Zeit, nach der letzten Geiselbefreiung Atem zu schöpfen", sagt Frankreichs Verteidigungsministerin Michèle Alliot-Marie. "Aber sowohl in Paris als auch im Irak sind sie jetzt wieder an der Arbeit." Als Geiselnehmer könnte man das so sehen: Erfolg verlangt nach Wiederholung.

Fest steht allerdings, dass Journalisten im Irak auch ohne Publicity-Bonus verschleppt werden. Denn sie sind vor allem leichte Beute. Ihr Job ist es, das zu tun, was andere Ausländer vermeiden: sich unters Volk mischen, Kontakte herstellen, Menschen treffen – wobei es nicht ausbleiben kann, dass sie sich als Ausländer zu erkennen geben. "Viele Journalisten sind eventuell einfach nur entführt worden, weil sie Ausländer sind, nicht als Journalisten", sagt Rodney Pinder, Direktor des International News Safety Institute (insi). "Wünschenswert wäre vor allem, dass Journalisten vor ihren Reisen ein Sicherheitstraining bekämen, damit sie zum Beispiel bemerken, wenn sie beobachtet werden", empfiehlt Pinder, der selbst lange als Kriegsreporter in vielen Krisengebieten unterwegs war.

Das deutsche Auswärtige Amt rät – ebenso wie die französische Regierung – Pressemitarbeitern dringend davon ab, in den Irak zu reisen. Die Diplomaten beobachten mit Sorge, dass aufgrund der jüngsten Wahlen die deutsche Journalistengemeinde im Zweistromland wieder gewachsen ist. "In der Vergangenheit sind wir in einzelnen Fällen auf Chefredaktionen zugegangen und haben sie auf die großen Gefahren einer Reporterentsendung in den Irak aufmerksam gemacht", heißt es aus Regierungskreisen. Ob man Opfer einer Entführung werde, hänge nicht davon ab, ob man zu den "Guten" gehöre, sprich: nicht zur Partei der alliierten Truppen. Das stimmt, könnte man mit Blick auf die verschleppten französischen Reporter sagen. Trotzdem hält Libération- Chefredakteur Serge July dagegen: "Wenn es keine Journalisten mehr in Bagdad gibt, werden US-Verteidigungsminister Rumsfeld und al-Qaida-Führer al-Sarqawi unsere wichtigsten Informationsquellen sein."

Wie viele deutsche Journalisten sich derzeit im Irak aufhalten, verrät das Auswärtige Amt nicht – schon diese Information könne Leben gefährden, heißt es. Die ZEIT selbst hat wegen der Sicherheitslage keinen Reporter entsandt. Sie bat Giuliana Sgrena, die sich bereits als eine von zwanzig italienischen Journalisten im Land befand, um ihre Mitarbeit. Ein Deutscher, der seit Monaten durch das Land reist, ist der Arabien-Experte und stern- Korrespondent Christoph Reuter. Natürlich, sagt er, steige der Preis für Entführungsopfer proportional zu ihrem politischen Wert. "Und der Marktwert von Journalisten wächst momentan." Längst habe sich im Irak eine "mehrfach gestaffelte Entführungsindustrie" entwickelt. Kleinkriminelle Gruppen verkauften Geiseln meistbietend weiter an andere.

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Zumeist trifft es nicht Ausländer oder Reporter, sondern die Kinder reicher Geschäftsleute oder Politiker. Hunderte solcher Fälle hat es in den vergangenen Monaten gegeben; an der Handelskammer von Basra haben Geschäftsleute schon einen Fonds angelegt, um notfalls Lösegeld für Angehörige bereitstellen zu können. Kinder von Geschäftsleuten bringen zwischen 20000 und 50000 Dollar, normale Iraker zwischen 2000 und 3000. Claire Fleming, Expertin im Dienst der Londoner Sicherheitsberatung AKE, spricht von einer payment chain, von einer Erpressungskette, in deren Abfolge die Lösegeldforderungen immer höher steigen können. Die "Wertsteigerung" kann dabei auch von der politischen Wetterentwicklung abhängen. In den nächsten Tagen werden im Irak die Wahlergebnisse veröffentlicht. Wollten sunnitische Terrorgruppen gegen sie protestieren – mit Geiseln könnten sie sich Gehör verschaffen. Und zwar umso lauter, je bekannter ihr Opfer wäre. Ja, sagt Christoph Reuter, Publicity treibe den Wert für die Entführer mithin in die Höhe; "vor allem aber schützt sie die Geisel".

Was geschähe, wenn Presse und Angehörige ganz auf Öffentlichkeit verzichten würden? Auch das kann im Einzelfall richtig sein. So wie bei der Entführung von Paul Taggart. Nachdem der junge Fotograf im vergangenen Oktober von einer schiitischen Gang entführt worden war, überredete sein Arbeitgeber, der Chef von World Picture News in New York, sämtliche Kollegen, die von dem Vorfall erfahren hatten, zu einem Nachrichtenembargo. Etwa zwanzig Zeitungen, Sender und Agenturen, darunter al-Dschasira, al-Arabija und Abu Dhabi TV, hielten sich an das Stillhalteabkommen. Nur drei Tage dauerte die Geiselhaft, dann ließen die Entführer Taggart laufen – ohne Lösegeldzahlungen, wie Steven Claypole, der Chef der Bildagentur, sagt. "Öffentlichkeit wäre in unserem Fall überhaupt nicht hilfreich gewesen", meint er, "denn wir haben über einen Mittelsmann schnell eigene Kontakte zu den Entführern aufbauen können."

Manchmal dauert es Jahre, bis Medienaufrufe wirken

Mitunter schaffen sich die Kidnapper selbst Öffentlichkeit, auf eigenen Internet-Seiten, durch grausame Videos. Dann bleibt den Erpressten nichts übrig, sie müssen die "Wertsteigerungen" des Opfers mitansehen. Und notfalls, so es keine Freilassung gibt, dafür sorgen, dass die Publicity erhalten bleibt. Das lehrt der Fall des französischen Zeitungsreporters Jean-Paul Kauffmann. Er saß drei Jahre lang, von 1985 bis 1988, in der Geiselhaft einer islamistischen Gruppe im Libanon. 50 Aufrufe zu seiner Freilassung schickte seine Frau in dieser Zeit über Rundfunkstationen im Mittleren Osten in die Welt. Nach dem 51. Aufruf ließen die Geiselnehmer sich erweichen.

"Eines Tages im Dezember", berichtete Kauffmann kürzlich auf einer Solidaritätskundgebung für Florence Aubenas in Paris, "haben meine Wächter mir ein Radio mitgebracht. Ich weiß bis heute nicht, warum. Wir dürfen uns nicht von dem Argument beeindrucken lassen, dass eine Medienberichterstattung der Geisel übermäßige Bedeutung zukommen lasse und den Einsatz hochtreibe. Solche Veranstaltungen wie diese haben mir damals das Leben gerettet."

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Mitarbeit: Michael Mönninger, Alain-Xavier Wurst