Legt der hoch gewachsene, streng wirkende Schwede Per Olov Enquist endlich eine Futonmatratze auf den Boden der Tatsachen und reißt in schöner Ungeduld die Schlafzimmervorhänge auf? Nein, Pech gehabt, das tut er nicht.

Aber weshalb kommt der einundsiebzigjährige Autor nicht ohne Versteckspiel, ohne die Kostüme vergangener Jahrhunderte, ohne die an den Rändern historischer Prachtstraßen eingeschleusten Leibärzte und Magnetiseure aus?

Niemals wird dieser Schriftsteller zum banalen Voyeur unserer Tage absteigen. Wenn Per Olov Enquist über die Liebe schreibt, und das tut er eigentlich immer, beschreibt er ihre Genese und das, was unsere abendländische Kulturgeschichte der Liebe angetan hat. Unsere Frontalkämpfe mit Blow-up-Effekt, alles nicht seine Sache! "Legt man alle Geschichten übereinander", schreibt der verdeckte Ermittler Enquist, "wird am Ende alles unsichtbar. Also muß man wählen." Er tut es.

Der fordernde Autor stellt in seinem neuen Buch von Blanche und Marie die Frage nach dem "innersten Geheimnis der Liebe". Welch ein unverwüstliches Thema und welch sensationelle Protagonistinnen, denn Enquist spielt auf dem Rücken von Marie Curie und ihrer Laborassistentin Blanche Wittman mit dem Feuer. Zwei Liebes- und Leidensgeschichten werden erzählt. Marie Curies Affäre mit dem verheirateten Kollegen Paul Langevin ist bekannt, Blanche Wittmans erwiderte Liebe zu Professor Charcot entspringt dem Fantasiekasten des Autors.

Für die Konstruktion dieser Romancollage benutzt Enquist einen bewährten Trick. Er verquickt drei von Blanche Wittman mit dem Motto "Amor Omnia Vincit" überschriebene Notizbücher mit seinen Vorstellungen und hält sich alle Optionen offen. Blanche Wittman ist in die Geschichte der Hysterieforschung als Medium des berühmten Professors Jean Martin Charcot eingegangen. Der "Napoleon der Neurosen" hatte bis zu seinem Tod 1893 die Krankheitsbilder einiger Nervenkrankheiten entdeckt und führt als "Meister der Hysterie" am Pariser Krankenhaus Salpêtrière in seinen berühmten leçons du mardi einem großen, aus geladenen Gästen, Schriftstellern und Kollegen bestehenden Kreis seine weiblichen Schauobjekte vor. Freud, ein Jahr lang Charcots Assistent, kam über seine Erfahrungen in der Salpêtrière zu Einsichten, die seine Konzentration auf das Unbewusste prägen sollten. Die Neurose, schreibt Freud, sei das "Negativ der Perversion". In den leçons du mardi konnte Charcot bei den Kranken durch Druck auf ausgesuchte Körperstellen die unterschiedlichsten hysterischen Körperphänomene bis hin zum großen hysterischen Anfall hervorrufen und zum Verschwinden bringen. Blanche Wittman, hübsch, durch eine vom Vater vorgenommene Abtreibung und den frühen Tod der Mutter geschädigt, stieg während der sechzehn Jahre, die sie in der Salpêtrière verbrachte, zur "Königin der Hysterikerinnen" auf. Blanche war die geniale Schauspielerin ihrer Symptome, theatralische Stars wie sie dominierten das "wissenschaftliche Vergnügungsleben" von Paris.

Die Frage, was Per Olov Enquist dazu trieb, das Freundschaftsband zwischen zwei ungleichen Frauen ziemlich frei zu erfinden, ist nicht leicht und schon gar nicht bis in den geheimen Winkel zu beantworten. Weil man die Liebe nicht erklären kann, weil beide Frauen Affären mit verheirateten Männern hatten und die Liebe von ihnen verflixt viel forderte? Während die Öffentlichkeit von Blanche Wittmans Liaison mit Professor Jean Martin Charcot nichts erfuhr, machte die französische Gesellschaft 1910 aus der amour fou der dreiundvierzigjährigen, seit vier Jahren verwitweten Marie Curie mit dem Physiker Paul Langevin einen Bombenskandal. Die große Wissenschaftlerin und Nobelpreisträgerin wurde durch die Veröffentlichung ihrer Liebesbriefe in der Zeitung Le Journal zur Flucht nach England gezwungen, Paul Langevin kehrte zu seiner Frau, die den Skandal ausgelöst hatte, zurück und nahm sich eine Geliebte. Moralische Konventionen sind unmoralisch. Per Olov Enquist schwelgt und klagt an.

Sein gesamtes Schriftstellerleben lang arbeitet Per Olov Enquist schon am großen Thema der Unvereinbarkeit von Vernunft und Leidenschaft. Mit Marie Curie hat er sein Musterbeispiel gefunden, sehr intelligent, präzise und doch leichtsinnig leidenschaftlich. Der in einem nordschwedischen Dorf aufgewachsene Autor, der unter dem religiösen Fundamentalismus seiner Mutter gelitten hat, wie sehr, ist in Lewis Reise nachzulesen, poltert unvermittelt über die sexuelle Verklemmtheit der Herrnhuter Brüdergemeinde, überhaupt interessiert ihn neben dem persönlichen Leid Marie Curies das bigotte, fremdenfeindliche, katholische Frankreich, das die geniale Erfinderin des Radiums zur banalen Ehebrecherin verkleinerte, eine Frau, die obendrein noch Ausländerin war.

Enquists Buch ist aus der Perspektive eines Erzählers, mit eingefügten Passagen aus Blanches Notizbuch geschrieben. Zu Beginn ist der Ton sachlich, und das erste Drittel des Buchs liest man mit Neugier, bis der Autor ganz offensichtlich von der Wucht seiner Geschichte überrollt wird, die knappe, trockene Sprache verschwindet im gleichen Tempo, in dem die Distanz zum Thema verloren geht. Enquist hofiert Blanche, gibt sich der nicht sehr originellen Vorstellung hin, dass Blanche für Charcot der "unbekannte Dschungel" ist, in dessen "Innerem" er sich "verirrt". Enquist inszeniert scheues Händehalten und eine Reise nach Vézelay, die ein schönes Beispiel dafür ist, mit wie viel Widerstand ein pietistisch geprägter Autor auf die Ausstrahlung der imposanten romanischen Kathedrale reagiert und dennoch weiß, dass sie ein dramaturgisch wirkungsvoller Schauplatz ist. Charcot stirbt bei Enquist in der Auberge des Settons nach einer Liebesnacht in Blanche Wittmans Armen, im Lexikon stirbt Jean Martin Charcot am 16. August 1893 in Lac de Settons. Historische Fehler macht Enquist nicht, er füllt nur die Lücken. Nach diesem erlebten Glück kann Blanche Wittman alles Leid der Welt am eigenen Leib ertragen, sie klagt nicht, sie ist eine Heilige, sie tröstet die liebeskranke Marie Curie, die bei Enquist nach der Langevin-Affäre verkümmert.

Enquist ist der aufdeckende, auf Freuds Lehren verweisende Rekonstrukteur. In Blanches Namen wird ziemlich viel Großartiges über die Differenz von Phantomschmerz und Phantomlust geschrieben, über den "süßen Gestank" von Trauer, Tod und Liebe. Soll man glauben, in der Figur Blanche Wittmans nimmt ein Kindertraum Enquists Gestalt an? Im Alter von zehn Jahren, so erzählt der Autor, träumte er von der Liebe zu einem blonden, an den Rollstuhl gefesselten, geigespielendem Mädchen. Blanches zunehmender körperlicher Zerfall, ihre Verwandlung in einen Torso nach der Amputation der Gliedmaßen bis auf einen Arm, verstrahlt durch die Arbeit als Röntgenassistentin in Marie Curies Labor, ist die Antwort auf die reinste Form der sich selbst auflösenden Liebe. Blanche ist eine leidenschaftliche Gefangene, erst vom achtzehnten bis zum vierunddreißigsten Lebensjahr in Salpêtrière, dann befreit von den Obsessionen, aber körperlich buchstäblich verschwindend, ist sie schließlich nur noch ein liebender Restmensch in der Holzkiste.

Marie Curies Lebensgeschichte ist gut dokumentiert. Susan Quinns Biografie stützt sich dabei auf ein Notizbuch von Marie Curie selbst, das wohl auch Enquist genau studiert hat. Aber an Marie Curies Persönlichkeit hat Enquist wenig Interesse, er behandelt sie nicht schlecht, einfach nur falsch, verkleinert sie und tut ihr damit genau das an, was ihre Zeitgenossen mit ihr gemacht haben. Per Olov Enquists Fantasie reduziert Marie Curie zur Geschlagenen der Liebe, ruiniert durch den Unfalltod ihres Ehemannes Pierre und durch die Mesalliance mit Paul Langevin. Einstein nennt sie 1913 "intelligent", aber eine "Häringseele, das heißt arm an jeglicher Freude und Schmerz". Über Blanche Wittman verlieren Susan Quinn und andere Quellen im Zusammenhang mit Marie Curie kein Wort.

Enquists Roman, eine Mischung aus collagiertem Sachbuch und Herzensergießungen zweier unverwandter, aber durch die Liebeserfahrung verbundener Seelen, beginnt mit großem Schwung. Enquist schiebt kühn Fakten und Fiktion ineinander. Aber dann rutscht er ab, seine Worte werden lieblich, wenn nicht schwülstig, und die Erklärung des Hysterischen als genialisches Attentat auf die Schamhaftigkeit greift auf den Text über.

Hysterie war im 19. Jahrhundert ein Schmerz, der, so demonstrierte es Charcot in der Salpêtrière, als Schauspiel und als Bild erfunden werden musste. In der Kathedrale von Vézelay, Stunden vor seinem Tod, revidiert, nur Blanche ist Zeugin, der Arzt seine Annahmen über die Pathologie des Nervensystems. "Es ist notwendig", legt Per Olov Enquist Charcot in den Mund, "noch einmal von vorn zu beginnen." Der verdeckte Ermittler aus dem Land Strindbergs ist ungeduldig, er fordert, dass die Liebe siegt, selbst wenn sie ein grässliches Märtyrertum ist. Per Olov Enquist ist nicht am Ziel, der Kampf zwischen Vernunft und Leidenschaft geht weiter.

Per Olov Enquist:

Das Buch von Blanche und Marie

Aus dem Schwedischen von Wolfgang Butt; Hanser Verlag, München 2005; 239 S., 19,90 €