Der dritte Angriff auf Dresden am 14. Februar 1945: US-Bomber werfen ihre todbringende Last ab

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Nein, sein Dresden-Buch sei keine Antwort auf Jörg Friedrichs Bestseller Der Brand, betont der britische Autor und Historiker Frederick Taylor im Vorwort der deutschen Ausgabe. Er habe Friedrichs Werk erst zu Gesicht bekommen, als er mit der Niederschrift seines eigenen fast fertig gewesen sei. Aber natürlich wird sein Buch in Deutschland im Lichte der Publikation Friedrichs über den alliierten Bombenkrieg gelesen werden. Und das ist auch kein Schaden, denn im direkten Vergleich schneidet es sehr vorteilhaft ab.

Anders als Friedrich mit seinem verengten Blick auf die deutschen Leiden, seinen emotionalisierenden Wortkaskaden und seinen den Vergleich mit dem Holocaust nahe legenden Assoziationsketten ist Taylor um eine nüchterne Sicht der Dinge bemüht. Er knüpft dabei an die Forschungen eines Überlebenden der Dresdner Katastrophe an – an Götz Berganders grundlegende Darstellung Dresden im Luftkrieg aus dem Jahre 1977 (2. überarbeitete Auflage 1994), die erstmals den Versuch unternahm, jenseits von allen nachträglichen Legenden zu beschreiben, was sich wirklich zugetragen hatte an jenem 13. Februar 1945.

Schon vor 1933 war Dresden eine Hochburg der Nationalsozialisten

Allerdings geht es Taylor nicht nur um eine Schilderung der Bombardierung Dresdens; er möchte zugleich ein Porträt der Stadt zeichnen, die damals zerstört wurde. Deshalb beginnt er auch mit einem langen einführenden Teil zur Geschichte Dresdens, in dem er darlegt, wie sich die sächsische Residenzstadt seit dem 17. Jahrhundert zum viel gepriesenen Elbflorenz entwickelte – Anziehungspunkt für Künstler, Handwerker und bald auch Touristen aus allen europäischen Ländern. Doch der Autor vergisst über den Schönheiten der Stadt nicht ihre hässlichen Seiten: Schon vor Hitlers "Machtergreifung" war Dresden eine Hochburg der NSDAP. Gauleiter Martin Mutschmann, ein großspuriger Provinzdespot, setzte die antisemitische Politik des NS-Regimes mit fanatischem Eifer um und fand dabei viele willige Helfer. Dem Schicksal der kleinen Dresdner Jüdischen Gemeinde widmet der Autor besondere Aufmerksamkeit, um zu verdeutlichen, dassdie Zerstörung der Stadt längst begonnen hatte, bevor sie ins Visier der alliierten Bomberflotten geriet.

Taylor hat fleißig in Archiven geforscht – in sächsischen ebenso wie in englischen und amerikanischen; er hat Zeitzeugen befragt – Veteranen der Bomberbesatzungen ebenso wie Überlebende der Angriffe. Dadurch, dass er die Sichtweisen aller Beteiligten zu Worte kommen lässt, ergibt sich ein komplexes, vielschichtiges Bild, das sich einfachen Antworten verweigert.

Der britische Historiker lässt zunächst keinen Zweifel daran, dass Dresden – nach den damaligen Maßstäben – "ein legitimes militärisches Ziel" war. Denn die Stadt war keineswegs, wie immer behauptet wurde, eine reine Kulturmetropole ohne jede militärisch-industrielle und strategische Bedeutung. Die meisten Dresdner Industriebetriebe, darunter so bekannte Namen wie Zeiß-Ikon und Radio-Mende, die zuvor Konsumgüter oder Luxusartikel hergestellt hatten, waren bis 1944 auf Rüstungsproduktion umgestellt worden, und viele beschäftigten Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen. Darüber hinaus war Dresden ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt. Als die Fronten im Herbst 1944 näher rückten, passierten hier täglich im Durchschnitt 28 Militärzüge, die 20000 Soldaten transportierten. In den Überlegungen der Alliierten für einen großen Luftangriff auf Dresden, die Anfang 1945 konkrete Gestalt annahmen, spielte die Frage, wie die Verlegung deutscher Truppen an die Ostfront behindert und der Vormarsch der Roten Armee dadurch unterstützt werden könne, eine nicht zu unterschätzende Rolle.

Das heißt freilich nicht, dass Taylor die Bombardierung Dresdens rechtfertigen möchte, wie ihm in Deutschland sogleich nach Erscheinen der englischen Ausgabe im Frühjahr 2004 unterstellt wurde. Denn der Autor zeigt, dass der Angriff der britischen Bomber gerade nicht den Stadtteilen mit den Industrieanlagen und dem Rangierbahnhof galt, sondern der Altstadt mit ihren jahrhundertealten Bauwerken. Dieses historische Zentrum wurde in den beiden Angriffswellen in der Nacht auf Aschermittwoch fast vollständig vernichtet, und das ganze Buch durchzieht ein Ton der Trauer über den unwiederbringlichen Verlust. Zwar richtete sich der Angriff der 8. US-Luftflotte am Mittag des 14. Februar gezielter gegen Gleisanlagen und Betriebe, doch wäre, so Taylor, deren Wirkung unvergleichlich größer gewesen, wenn zuvor auch die Briten systematisch die Industriegebiete bombardiert hätten.

Allerdings macht der Autor auch deutlich, dass die kühl kalkulierte Vernichtung der Dresdner Altstadt keine schreckliche Entgleisung war, sondern – Routine. Die Strategie des area bombing, des Flächenbombardements, wie sie Anfang 1942 beschlossen worden war, sollte nicht in erster Linie die Rüstungsproduktion treffen; sie zielte vielmehr auf die Moral der Zivilbevölkerung. Durch eine Kombination von Brand- und Sprengbomben sollte ein möglichst großes Maß an Tod, Vernichtung und Chaos über die deutschen Städte gebracht werden, und am wirkungsvollsten, glaubte man, wäre diese Stategie dann, wenn es gelang, einen gewaltigen Feuersturm zu entfesseln, wie das im Juli 1943 zum ersten Mal in Hamburg der Fall gewesen war. Der Vollzug dieses Kalküls ist untrennbar verbunden mit dem Namen des Chefs beim Bomber-Command Arthur Harris – einen "fürchterlichen Perfektionisten" nennt Taylor ihn.

Auch die DDR-Propaganda hantierte mit zu hohen Opferzahlen

Dass der Angriff auf Dresden sich zum apokalyptischen Inferno steigerte, führt der Autor auf eine Reihe begünstigender Faktoren zurück. Die Dresdner hatten sich in trügerischer Sicherheit gewiegt, dass ihre Stadt verschont bleiben würde. Deshalb war auch nicht für angemessene Luftschutzbunker gesorgt worden. Außerdem war die Luftabwehr vollkommen unzureichend. Die meisten Flakgeschütze waren abgebaut und an die Front transportiert worden. Nicht ein deutscher Nachtjäger stieg auf, um die britische Bomberstreitmacht zu attackieren. So konnten die Lancaster-Maschinen ihre mehrere tausend Pfund schwere Last ungehindert abwerfen über dem genau markierten Zielgebiet, wobei ihnen die gute Sicht in dieser Nacht noch zur Hilfe kam.

Die meisten Altstadtbewohner Dresdens erlebten den Feuersturm in notdürftig zu Schutzräumen umgewandelten Kellern, die für viele zur tödlichen Falle wurden. Taylor schildert das entsetzliche Grauen, aber er vergisst auch nicht: Für die wenigen noch in Dresden lebenden Juden, unter ihnen Victor Klemperer, war der Angriff die Rettung.

Was die Zahl der Opfer betrifft, folgt Taylor den Schätzungen Berganders. Danach ist von 25000 bis 40000 Toten auszugehen, unter ihnen viele Flüchtlinge aus Schlesien, die in Dresden Station gemacht hatten. Diese Zahl liegt weit unter jenen sechsstelligen Ziffern, an denen Rechtsradikale und Neonazis bis heute festhalten, um, wie noch jüngst im Dresdner Landtag, ihre Hetzparole vom "Bomben-Holocaust" in Umlauf zu bringen. Die Rede von den Hunderttausenden von Toten geht auf eine Fälschung zurück, die noch von Goebbels’ Propagandaministerium ersonnen wurde: Der in einem Polizeibericht aufgeführten Zahl wurde einfach eine Null hinzugefügt – und das Dokument daraufhin der Presse in den neutralen Ländern zugespielt, um hier die öffentliche Meinung gegen die Alliierten zu beeinflussen.

Ein trübes Kapitel ist, wie die DDR-Führung die weit übertriebenen Opferzahlen und die Naziwendung von den "anglo-amerikanischen Luftgangstern" aufnahm, um damit in Zeiten des Kalten Krieges ihr politisches Süppchen zu kochen. Auf diese Nachgeschichte geht Taylor nur noch kurz ein. Wer sich dafür interessiert, sollte zum eben erschienenen Band Das rote Leuchten. Dresden im Bombenkrieg (edition Sächsische Zeitung, Dresden 2005; 368 S., 22,90 €) greifen – darin besonders lesenswert der Beitrag von Matthias Neutzner Vom Anklagen zum Erinnern. Die Erzählung vom 13. Februar.

War die Bombardierung Dresdens ein Kriegsverbrechen? In der Frage der rechtlichen wie moralischen Bewertung hält sich Taylor zurück. Die Leser, sagt er, sollten sich hier selbst ein Urteil bilden. Ohne jemals auch nur entfernt den alliierten Bombenkrieg mit den Naziverbrechen gleichzusetzen, stellt der Autor aber doch klar: "Dresden bleibt ein schrecklicher Beleg dessen, was anscheinend zivilisierte Menschen unter extremen Bedingungen vermögen, wenn alle normalen Hemmungen menschlichen Verhaltens durch Jahre des totalen Krieges aufgebraucht sind."

Frederick Taylor hat ein bemerkenswert faires Buch geschrieben, das auch in Deutschland sein Publikum finden wird. Es folgt einer ehrwürdigen Tugend des Historikers – zu schildern, wie es eigentlich gewesen, und Gerechtigkeit nach allen Seiten zu üben. So leistet es einen wichtigen Beitrag zur Aussöhnung zwischen den einstigen Kriegsgegnern.

Frederick Taylor: Dresden, Dienstag, 13. Februar 1945

Militärische Logik oder blanker Terror?; C. Bertelsmann Verlag, München 2005; 540 S., 26,– €

Siehe auch Zeitläufte, Seite 84