Heimkehr aus Budapest, vor 30 Jahren. Flughafen Berlin-Schönefeld. Biederes Urlaubsvolk passiert die Zollkontrolle DDR. Das Dienst habende Organ ist programmiert auf langhaarige Elemente: Kommse, Bürger, packense den Rucksack aus! Das Organ wird alsbald fündig und konfisziert die LP So Far von Crosby, Stills, Nash & Young: Bürger, dies ist ein nichtsozialistischer Tonträger.

Aber es handelt sich um kulturell hochwertiges Gegenwartsschaffen.

Das werde geprüft, bescheidet das Organ und entschwindet samt Platte in zollamtliche Hinterzimmer. Der Schweiß bricht aus. Was tut der Barbar? Grabscht er mit Wurstfingern aufs Vinyl? Tilgt er mit Glasfaserstift die Drogenhymne Wooden Ships? Nach einer qualvollen Dreiviertelstunde kehrt das Organ zurück, mit der unversehrten Platte und dem unvergesslichen Ausspruch: Nuja, Bürger, schaden kann’s nicht.

Geschadet hat’s nicht, doch geprägt. Die Hippie-Ikonen CSN&Y waren ein Akku für den Alltagstrotz. Sie stimulierten Individualität, sie heilten Aggressionen, zumal im zerrissenen Amerika. Ihr fragiler Wohlklang schuf Ermutigungsmelancholie. Ideologisch waren sie für die Wale und gegen den Krieg; derlei Natur- und Friedenspathos wurde damals noch nicht als Gutmenschentum denunziert. Die Bandgeschichte dieser amerikanischen Beatles ist Rock-Bibelkunde: wie Stephen Stills von Buffalo Springfield sich 1968 mit dem gefeuerten Byrd David Crosby verband, wie Ex-Hollie Graham Nash zu ihnen stieß, wie sie – erst ihr zweiter Auftritt – in Woodstock spielten, wie Neil Young hinzukam und 1970 das wunderbare Album Deja Vu erschien, mit unerhörtem Satzgesang, federnden Beats, Orgelgeflatter und deliziös plärrenden E-Gitarren, die dann das Live-Doppelalbum Four Way Street zur Orgie machten.

Der Highway teilte sich in Solopfade, die vier Diven stritten, trennten sich und konnten doch voneinander nicht lassen. Reunions folgten, im Quartett, zu dritt oder als Duo der Busenfreunde Crosby & Nash. Teils entstand Schönes (After The Storm von 1994 oder 1999 Looking Forward), manchmal gebügelter Mist (1990 Live It Up). Was gelang, war sauberes Handwerk. Die Magie blieb ins Frühwerk gebannt: in die Trance von Guinnevere, in den Zirkeltanz von Deja Vu, ins halluzinatorische Seelenrätsel der Wooden Ships: "I can see by your coat my friend you’re from the other side …"

Graham Nash erklärt Bushs Wiederwahl mit einem Göring-Zitat

Das alles ist nun, wie gesagt, schon ein paar Tage her. Längst residieren CSN&Y in der Rock-Abteilung Klassisches Altertum. Aber jetzt erschien ein neues Album, schlicht Crosby & Nash betitelt – eines der besseren Art, mit wenig Schwulst und Zucker. Die Stimmen (beide 63) sind intakt, die Balladen huldigen der Liebe, die Rocker entlarven Enron und die Atomindustrie, das finale Live On (The Wall) verdammt den winless war. Die Shows der gegenwärtigen Europa-Tour eröffnet Nashs Military Madness , auf dass die Alte Welt erkenne: Hier kommt das andere Amerika!

Habt ihr an Bushs Wiederwahl geglaubt?