Am Ende ihrer Flucht durch Benin landet Ada Simon bei einer Vodousi. Die "Gemahlin der Vodougötter" lebt seit ihrem sechsten Jahr in der Welt jener Geister, die zwischen der sichtbaren und der unsichtbaren Welt vermitteln. Bei ihr hofft Ada, Fotografin aus Deutschland, zu erfahren, was eigentlich geschehen ist. Kann man von einer Priesterin eindeutige Antworten erwarten, die eine Hausgottheit mit unterschiedlich langen Beinen und einem riesigen Penis hat, der aus dem Dunkeln leuchtet?

Angefangen hat alles, wo es immer anfängt: auf dem Flughafen. "Die feuchte Hitze traf sie wie ein Hammerschlag." Wenn ein Europäer in der Dritten Welt landet, kann man Wetten darauf abschließen, dass es auf dem Fughafen anfängt. Da trifft ihn der Schlag. Ada geht es schlecht. Statt ins vertraute kuschelige Hotel, wo Monsier Alphonse sie emphatisch begrüßt hätte, entführt der Taxifahrer die Deutsche auf irgendeinen Hinterhof. Im Laderaum eines Lkw sieht sie Menschenteile liegen und denkt: Jetzt bin ich dran. Zu ihrem Glück bemerkt einer der Bosse rechtzeitig, dass sie weiß ist, und mit yovos, wie Weiße hier genannt werden, macht man nun mal kein gutes Vodou.

Die Autorin Lena Blaudez hat selbst als Fotografin in Afrika gearbeitet. Die Geschichte, die sie in ihrem Erstling Spiegelreflex erzählt, unterscheidet sich erheblich von den Filmen, die wir schon kennen. Ada Simon, freie Fotografin und ziemlich ungeschickt in der Kunst der Selbstvermarktung, ist keine weiße Massai, sie besitzt auch keine Farm out of Africa und verfolgt auch sonst weder Rettungs- noch Selbstfindungsanliegen. Sie arbeitet einfach nur in Benin. Sie macht Fotos von den Leuten, und weil man in Deutschland gerne Bilder sieht, auf denen schwarze Frauen einfache Arbeit mit traditioneller Technik leisten, fotografiert Ada Simon schwarze Frauen, die ihre Arbeit mit traditionellen Werkzeugen tun. Ihr Pech ist, dass sie auch andere Leute fotografiert. Zum Beispiel in ihrer Lieblingskneipe in Cotonou, wo sie sich mit Patrick de Souza und seiner Cousine Elise trifft, weitläufigen Verwandten jenes von Bruce Chatwin porträtierten brasilianischen Sklavenhändlers, der als Vizekönig von Ouidah blutige Berühmtheit erlangte. Während die drei über Korruptionsskandale, Parteiquerelen und Studenten plaudern, knipst Ada ein bisschen herum. Kurz darauf fallen drei Schüsse, Patrick liegt in seinem Blut, und Ada muss fliehen. Sie hat, was ihr recht bald unmissverständlich klargemacht wird, zufällig auch den Mörder abgelichtet, und nun sind dessen Kumpel hinter dem Bildbeweis her.

Man mag es nicht recht glauben, dass eine Profifotografin wie Ada Simon keinen Überblick über ihr belichtetes Material hat. Aber um der Geschichte willen nehmen wir das hin: Das Filmdöschen ist weg. Selbst wenn sie wollte, könnte sie es den Schlägern nicht geben.

Bis zu diesem Punkt der Entwicklung konnte ich nicht recht nachvollziehen, warum der bekannt skrupulöse Herausgeber Thomas Wörtche Lena Blaudez als erste deutsche Autorin in seine weltumspannende Metro-Reihe aufgenommen hat. Doch dann führt die Erzählung, der Flucht der Heldin durch das ganze westafrikanische Ex-Dahomey folgend, in abgelegene Zauberdörfer, zu versoffenen Österreichern, die Teakholzprojekte leiten, und zu Fischern, die am Nigerufer ihre Solarzellenanlage dazu nutzen, um per Satelliten-TV Dallas zu sehen. Je weiter die Fotografin in dieser unglaublichen Welt vorrückt, in der alles nebeneinander existiert – Zauber und Steuerbetrug, Totschlag und ewige Freundschaft, Vodou und Börsenschwindel, desto cooler wird sie, desto lebenswirklicher wird dieses Benin, desto feiner erkennt man die Schattierungen der Finsternis.

Vor beinahe 20 Jahren veröffentlichte Christine Grän mit Weiße sterben selten in Samyana einen der ersten deutschen Krimis aus dem Milieu der Entwicklunghelfer: hinreißend, Satire pur, aber noch ganz auf den Konflikthorizont der weißen Society beschränkt. Damals gab Afrika nicht mehr als die Kulisse für die Dramen der Entwicklungshelfer ab, bei Blaudez sind wir trotz europäischer Heldin mittendrin. Welches Recht und welche Macht wird der Deutschen, welche ihrer afrikanischen Freundin Elise aus der Patsche helfen? Gibt es überhaupt eine gemeinsame polizeiliche Handhabe gegen weiße Rohstoffräuber und schwarze Leichenstückler? Benin ist eines der ärmsten Länder der Welt, jedenfalls aus Dollar-Perspektive betrachtet. Wo Armut herrscht, hat das Recht kein Durchkommen, je ärmer ein Staat, desto größer ist die Anomie: Regeln und Gesetze, die eine soziale Gruppe akzeptiert, gelten für die anderen nicht. Anomie ist das Ambrosia der Kriminalliteratur, denn sie beschreibt, wie das Recht entsteht. Und manchmal beobachet sie auch nur, wie es zerrüttet wird. Wie im Debüt dieser Fotografin.