Die Landschaft ist bezaubernd, der sie durchschlängelnde Main lässt an seinen Hängen saubere und süffige Weine wachsen, die Ortschaften sind Musterbeispiele deutscher Fachwerkromantik, wo sich Walt Disneys Kunstwelt-Architekten manche Anregung geholt haben dürften. Sogar die Gastronomie erfreut das Herz des Reisenden, der im Schritttempo über kopfsteingepflasterte Straßen rollt, vorbei an barocken Butzenscheiben und vielversprechenden Wirtshausschildern.

Sommerhausen ist ein typischer Jausen-Ort, wo das dunkle Brot, die fränkischen Würste und das Sauerkraut plus Silvaner die Etappen der Touristen kennzeichnen. Mitten im Ort, an der Hauptstraße, liegt ein Geheimtipp, das Restaurant Philipp. Unscheinbar von außen, verbirgt die kleine Herberge in ihrem Inneren die Merkmale barocker Gastlichkeit in konzentrierter Form. Alte Holzfußböden, Deckenbemalungen und Stuck in den drei Gästezimmern, bäuerliche Antiquitäten und bunte Teppiche in den Fluren sowie eine Gaststube, deren Betreiber, das Ehepaar Philipp, vom Guide Michelin mit einem Stern ausgezeichnet wurden.

Mit nur vier Tischen handelt es sich wahrscheinlich um Deutschlands kleinste Gourmet-Gastronomie, deren Gäste nur ein Menü zur Auswahl haben: entweder mit 3 oder mit 5 Gängen (55 oder 70 Euro). Die Weinkarte ist dagegen gar nicht mini, sondern erstaunlich groß, und, was sofort auffällt, hervorragend zusammengestellt. Das hat einen guten Grund: Heike Philipp ist gelernte Sommelieuse. Ihr Mann Michael entstammt dem Kreativbetrieb Schweizerstuben in Wertheim, der jahrelang zu Deutschlands besten Adressen gehörte. Also wunderte ich mich nicht über die Selbstverständlichkeit, mit der in der kleinen Stube große Kochkunst geboten wurde.

Gewundert habe ich mich erst zu Hause, als ich in dem im vergangenen November neu erschienenen GaultMillau nachsehen wollte, was denn wohl die Konkurrenz des Michelin zum Sommerhauser Geheimtipp zu sagen hat.

Zunächst einmal ist das barocke Schatzkästlein ungefähr ebenso hoch bewertet wie im Michelin, nämlich mit 16 von 20 Punkten. Dann aber geht es los! Ich zitiere: "Am Wochenende ist die trutzige Burg zu meiden, denn da wird sie von den Einheimischen gestürmt. Die Wirtsleute nutzen dann jeden Zentimeter Platz, um irgendwo noch Tische oder Stühle unterzubringen. Wer dann das Pech hat, furchtbar eng zu sitzen, hat auch kein Glück mit der Küche …" Es folgt eine Flut von vernichtenden Urteilen wie "versalzen … völlig trocken… Sauce von einfach ekelhaftem Geschmack".

Ich glaubte zu träumen. Das war doch nicht das gepflegte Restaurant, in dem ich am Samstagabend so angenehm gesessen und Köstliches gegessen hatte! Erst als ein in Sommerhausen nicht existierender Innenhof und ein schöner Blick ins Saaletal erwähnt wurden, ging mir auf, dass hier dem GaultMillau ein Unfall passiert war, wie man ihn sich für einen Restaurantführer nicht schlimmer vorstellen kann, ein GAU gewissermaßen: eine Verwechselung der Texte. Und tatsächlich findet sich der gleiche Text noch einmal in dem gleichen Restaurantführer. Er beschreibt das mit 13 Punkten bewertete Restaurant Schloss Saaleck in Hammelburg. Das liegt tatsächlich an der Saale.

Anderswo werden Restaurantführer wegen solcher Fehler eingestampft – wie zuletzt mit dem Guide Michelin für die Benelux-Länder geschehen. Der deutsche GaultMillau begnügt sich damit, den Fehler auf seiner Internet-Seite klammheimlich zu korrigieren.

Darüber hinaus stimmen die beiden Führer in ihren Bewertungen deutscher Spitzenrestaurants ziemlich überein. Wenn bei Michelin mit gedämpftem Trommelwirbel Joachim Wissler vom Restaurant Vendôme im Grandhotel Schloss Bensberg von Bergisch Gladbach als neuer 3-Sterne-Koch aus dem Hut gezogen wird, dann hat ihn auch GaultMillau unter den besten Acht eingereiht. (Auch Der Feinschmecker hat ihn übrigens zum Koch des Jahres 2004 erklärt und ihm 12 Seiten seines Magazins gewidmet.)

Nach wie vor werden unsere Spitzenköche angeführt von Harald Wohlfahrt (Schwarzwaldstube, Baiersbronn), Heinz Winkler (Residenz Aschau, Aschau), Dieter Müller (Restaurant Dieter Müller, Bergisch Gladbach), Helmut Thieltges (Waldhotel Sonnora, Dreis/Wittlich) und Jean-Claude Bourgueil (Im Schiffchen, Düsseldorf).

Wegen dieses französischen Kochs liegen Michelin und GaultMillau seit Jahren im Streit. Sie können sich auch nicht einigen, ob Dieter Kaufmann (Zur Traube, Grevenbroich) nun in die erste Kategorie (19 von 20 GaultMillau-Punkten) gehört oder, wie beim Michelin, nur 2 Sterne wert ist. Übereinstimmend verteilen sie ihre Lorbeeren vor allem auf Restaurants in Baden-Württemberg, das seinen Ruf als Deutschlands kulinarisches Eldorado gefestigt hat. Die Berliner Köche stehen allesamt auf der dritten Stufe des Siegertreppchens, was zweifellos gerechtfertigt ist.