Dann fielen die tödlichen Schüsse. Und wenige Tage später wurde die junge Frau, die das Kopftuch abgelegt und in den Augen ihrer Familie "wie eine Fremde zu leben begonnen hatte", als Tote in die hergebrachte Welt heimgeholt. Hatun Sürücü bekam eine traditionelle Beerdigung auf dem muslimischen Friedhof in Gatow. Ihr Sarg trug ein grünes Tuch mit Koranversen, und das Gesicht des Leichnams hatte man nach alter Sitte gen Mekka ausgerichtet. Frauen mit Kopftuch und bärtige Männer trauerten getrennt mit versteinerten Mienen am offenen Grab. Es wäre ein perfektes Bild althergebrachter muslimischer Sittlichkeit gewesen – wenn nicht drei Brüder der Toten in der Trauergemeinde gefehlt hätten.

Die Hamburger Soziologin Necla Kelek beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Leiden junger türkischer Frauen in den Tausenden "arrangierten Ehen", die jedes Jahr in Deutschland geschlossen werden. Jede zweite dieser Ehen hält sie für eine Zwangsehe, die mit massivem Druck auf die Braut und oft auch den Bräutigam geschlossen wird. Sie hat gerade ein Buch über Rechtlosigkeit zwangsverheirateter Mädchen veröffentlicht (Die fremde Braut). Bei den Berichten von Hatun Sürücüs Beerdigung, sagt Kelek, "dreht sich mir der Magen um". Sie empfindet die Zurschaustellung islamischer Pietät durch die Familie als "Verhöhnung" der jungen Frau, die sich von der Familie und der religiösen Tradition gelöst hatte. Nicht einmal im Tod werde das Recht auf Selbstbestimmung akzeptiert. Die deutsche Öffentlichkeit habe lange ignoriert, dass in vielen türkischen Familien das Recht der Mädchen und Frauen auf ein selbstbestimmtes Leben mit Füßen getreten werde. "Wie viele Frauen müssen eigentlich noch sterben, bis diese Gesellschaft aufwacht?"

Erwürgt, erstochen, ertränkt – die "Ehrenmorde" in Berlin häufen sich

Allein in Berlin sind in den letzten vier Monaten fünf weitere Frauen ermordet worden, weil sie durch ihren Freiheitsdrang die Familienehre "beschmutzt" haben. Vier türkische Ehemänner und ein libanesischer Lebensgefährte müssen sich für die Taten verantworten. Zwei der Opfer wurden in Gegenwart ihrer Kinder erstochen, eine Frau wurde erwürgt, eine in der Badewanne ertränkt. In allen Fällen scheint der Trennungswunsch der Frauen ein Tatmotiv zu sein. Die 21-jährige Semra U. zum Beispiel war genau wie Hatun Sürücü mit ihrem Cousin zwangsverheiratet worden. Nach der Scheidung und einem unversöhnlichen Sorgerechtsstreit stach Cengiz U. sie auf offener Straße in Berlin-Spandau nieder, vor den Augen der dreijährigen Tochter.

Karl Mollenhauer, der Chefpsychologe der Berliner Polizei, beeilt sich zu betonen, dass "bekanntlich auch deutsche Männer Eifersuchtsmorde begehen". Und die Häufung der Fälle mit türkisch-islamischem Hintergrund im letzten Jahr hält er für zufällig. Gibt es denn eine Statistik über die so genannten Ehrenmorde, die zuverlässige Aussagen erlaubt? Nein, muss Mollenhauer zugeben, "solche Taten werden nicht gesondert erfasst. Sie sind für uns erst einmal einfach Morde, und das vermeintlich ehrenvolle Motiv interessiert uns insofern, als es bei der Ermittlung des Täters hilft."

Es scheint allerdings für die Fahndung höchst hilfreich zu sein, sich mit den Feinheiten des Ehrbegriffs auszukennen, an dem sich die Täter bei so genannten Ehrenmorden orientieren. Mollenhauer kann aus dem Stegreif einen Vortrag halten über die "Ehre des türkischen Mannes", die nicht erworben, sondern nur verspielt werden könne und die sich nun mal zentral über die sexuelle Reinheit der Frauen in der Familie definiere. Wer die Ehre der Familie nicht verteidigt, die von einer Frau "beschmutzt" worden ist, weil sie vorehelichen oder außerehelichen Sexualverkehr hatte, der werde in den Augen des Clans oder der Familie, erklärt Mollenhauer, zum namussuz adam – zum ehrlosen Mann.

Die Männer können sich dabei selbst große sexuelle Freiheiten herausnehmen: "Der Verkehr eines Mannes mit ›unreinen‹ deutschen Frauen beschmutzt die Familienehre nicht. Doch wenn etwa ein Onkel der eigenen Familie seine Nichte vergewaltigt, ist nach der archaischen Logik dieses Ehrbegriffs das Mädchen schuldig und muss bestraft werden." Täter, die einen Ehrenmord begehen, weiß Mollenhauer, werden nicht geächtet: "In der Hierarchie der türkischen Gefängnisse sind die ›Ehrenhüter‹ ganz oben. Und in unseren Haftanstalten werden sie wie Helden gefeiert. Die Familie kümmert sich sehr um sie und pflegt ihr Andenken."