Angelika Klüssendorf: Aus allen Himmeln

Das Kind, das in diesen Erzählungen die Rolle des tragischen Helden übernimmt, ist klein und schmächtig, sein Zorn jedoch ist so ungeheuerlich, dass er den Himmel verdüstert. Selbst an sonnigen Tagen, am Meer, wo das Kind sich ferienhalber aufhält, scheint es, als müsste der gerechte Himmel nun endlich auf die unbarmherzigen Menschen herunterstürzen, als müsste ein gnädiger Blitz alle Erwachsenen erschlagen. Doch die erlösende Katastrophe bleibt aus. Denn hier handelt es sich um realistische Weltuntergangsprosa, und wie im richtigen Leben müssen die Schwachen ihr Martyrium ganz allein durchstehen. "Es gibt kein Entrinnen, auch das begriff ich damals zum erstenmal…"

Angelika Klüssenodrf: Alle leben so

Was aus den geprügelten, missbrauchten oder ganz normal verwahrlosten Kindern des neuen Erzählbandes von Angelika Klüssendorf später wird, kann man in einem zuvor erschienenen Roman nachlesen: durchschnittliche Leute. In deren betont zuversichtlicher, aber zutiefst hoffnungsloser Welt, die der unseren unheimlich ähnelt, möchte man nicht begraben sein. Angelika Klüssendorf, die kühle Meisterin unter den Meistern der Gesellschaftsprosa, analysiert präziser als John Updike und konsequenter als Max Frisch, sie schreibt böser als Thomas Bernhardt und pointierter als Ingeborg Bachmann. Fürchterlich, aber grandios. Evelyn Finger

Friedrich Wilhelm von Ketelhodt: Das Tagebuch einer Reise der Schwarzburg-Rudolstädtischen Prinzen Ludwig Friedrich u. Karl Günther durch Deutschland, die Schweiz und Frankreich in den Jahren 1789 und 1790

Nicht nur jetzt, da wir zum Jahrestag des Kriegsendes mal wieder an die Höllenfahrt des fatalen preußisch-deutschen Nationalstaats erinnert werden, geht der Blick gern zurück in die Zeit des Alten Reichs, als – jenseits von Berlin und Wien – Prunk & Kunst liebende, skurrile, oft halbdebile Fürsten und Fürstlein regierten; prächtige Ausstellungen über Wittelsbacher und Wettiner, über Reuß, Greiz, Schleiz, Lobenstein finden stets ein begeistertes Publikum. So darf diesem Buch alle Aufmerksamkeit gewiss sein, in dem der Schwarzburg-Rudolstädtische Regierungsrat Friedrich Wilhelm von Ketelhodt die Kavalierstour zweier Prinzen protokolliert hat, die zu begleiten ihm aufgetragen war. Wir reisen mit ihnen, samt Legationsrat von Beulwitz, den Dienern Streit, Seerig, Schwabhäuser und dem Läufer Meuselbach, treffen in Genf Sophie von La Roche, in Straßburg Pfarrer Oberlin und in Hamburg "Klopfstock", wie Prinz Ludwig Friedrich den großen Barden nennt, "der aller Welt Zwergfell mit seinen trolligen Anekdötchens erschüttert". Trollige Anekdötchens gibt es auch in diesem liebevoll kommentierten und exakt illustrierten Buch die Fülle – ein naives Rundgemälde aus den Abendstunden des Ancien Régime. Benedikt Erenz

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