Vor allem als "Selbstdenker" hat man ihn wahrgenommen, als Verfasser von Essays abseits des Moden unterworfenen literaturwissenschaftlichen Betriebs; zu seinem Leidwesen weniger als einen Dichter, der mehrere Lyrikbände, einen Roman und eine Sammlung mit Erzählungen und Aphorismen veröffentlicht hatte. Nahezu gänzlich unbekannt ist aber bis vor kurzem der Briefschreiber Werner Kraft geblieben und damit jener Teil seiner Hinterlassenschaft, von dem der befreundete Sprachwissenschaftler Uwe Pörksen gemutmaßt hat, dass er zusammen mit den Tagebüchern einmal "das Zentrum seines Werks" ausmachen werde.

Wie steht es um diese Gewichtsverschiebung, jetzt, da der Schriftsteller, Übersetzer und Heidegger-Herausgeber Curd Ochwadt, zusammen mit Ulrich Breden, als erste Briefsammlung die 78 Aerogramme, Postkarten und Einzelblätter herausgegeben hat, die ihm von Kraft zwischen 1962 und 1986 zugesandt worden sind? Beigegeben ist der Edition überdies ein nicht immer ausreichender Sachkommentar, ein Lebensabriss und ein von Ochwadt verfasstes umfangreiches Nachwort, das für die nicht erhaltenen Briefe aus seiner eigenen Feder einzustehen hat.

Zwischen Jerusalem und Hannover: Der Titel dieser Edition nennt einerseits die Wohnorte der Briefpartner, andererseits ruft er die Pole auf, zwischen denen sich Leben und Schreiben Krafts aufgespannt sahen. Geboren 1896 in Braunschweig, verbrachte er Kindheit und erste Berufsjahre als Bibliothekar in Ochwadts Hannover, in einer Lebensstellung, die "1933 aufhörte". Bis zu seinem Tod im Jahre 1991 lebte er dann in Jerusalem als einer, der sich "unabhängig von meinem Judentum als einen deutschen Dichter" fühlte. "Das hat schon", fügte er hinzu, "einen Zug des Komischen, und ebenso komisch ist es, daß das die Deutschen nicht mehr wollen."

Erklärlich wird damit zum einen, warum Israel bei ihm nur beiläufig vorkommt, obwohl er, das offenbart ein bebender Bericht über die Geschehnisse des Sechstagekrieges, mit ganzem Herzen israelischer Staatsbürger war, allerdings einer, den die Annexionspolitik ebenso in Gewissenskonflikte stürzte wie ihn das harte Dasein der Siedler zurückschrecken ließ.

Einsichtig wird damit aber auch, warum Kraft seinen Briefpartner unermüdlich zu Mitteilungen anhielt, nicht zuletzt über die fast stets beigelegten jüngst entstandenen Gedichte: Briefe, welchen Inhalts auch immer, waren für Kraft ein so lebenswichtiger "Kanal zur deutschen Sprachwelt seiner Herkunft" (Ochwadt), dass er sich selbst für "postsüchtig" erklären musste. Seine Eigentümlichkeit, das Ende der Aerogramme von der Kontingenz des Papierrandes bestimmen zu lassen, dürfte in diesem Zusammenhang zu begreifen sein: als Mittel zeitlicher Disposition.

Aber auch gedanklich hat sich Kraft nicht fortreißen lassen. Wie sehr er sich in dem lang anhaltenden Gespräch über ein Rimbaud-Projekt Ochwadts engagierte, wie eindrucksvoll sich dabei seine (von ihm selber scherzhaft "Beziehungswahn" genannte) Begabung bewährte, unerblickte Zusammenhänge aufscheinen zu lassen – die Grenzen, die seinem weit gespannten Dichterkosmos dadurch gezogen waren, dass in ihm als hellste Sonnen Rudolf Borchardt und Karl Kraus strahlten, blieben unverrückt; sein Rimbaud war und blieb der frühe, der eher traditionelle.

Augenscheinlich sehr viel schwieriger aber ist es für Ochwadt gewesen, dass Kraft auch in der Frage, ob Heidegger moralisch zur öffentlichen Reue über seine Rektoratsrede verpflichtet gewesen wäre, Beharrungsvermögen bewiesen hat. Denn anstatt, wie es einem nachträglichen Kommentar zukommt, die Standpunkte nur zu dokumentieren, verfasst Ochwadt eine Apologie des Philosophen, mit dem bekannten Argument, dieser habe "in einer anderen ontologischen Dimension als der historisch wertender und moralischer Kritik gedacht". Auf den Gedanken, dass genau in diesem Anspruch für Kraft die Fragwürdigkeit des Heideggerschen Denkens beschlossen gewesen sein könnte, ist Ochwadt nicht gekommen. Ebenso wenig darauf, dass Paul Celans Begegnungen mit Heidegger darum keineswegs dazu taugen, diese Fragwürdigkeit zu entkräften, weil auch das Todtnauberg- Gedicht das Seinsgeschick mit dem singulären Schicksal einer konkreten Person konfrontiert.

Krafts eigenes Urteil über Celan fiel gleichwohl zwiespältig aus. Kurz nach dessen Freitod bemerkt er mit Blick auf das frisch veröffentlichte Gedicht Du sei wie Du, das alttestamentliche Jerusalem-Stellen im Mittelhochdeutsch des als Ketzer verurteilten Meister Eckart und in der hebräischen Ursprache aufnimmt: "Ich gebe ihm alles vor, Begabung, Sprache, konzentrierten Sinn für das Neue … aber er hat sich von der deutschen Sprache zur Sprache entwickelt, und das ist ein gefährlicher Weg und für einen Juden ein noch gefährlicherer, wie sich gezeigt hat." Dass es Celan nicht um Sprache schlechthin, sondern darum ging, die deutsche Sprache zu einer dem Fremden gastlichen Sprache zu machen, das konnte Kraft wohl deshalb nicht würdigen, weil sich darin der ihm entgegengesetzte Wille bekundete, als deutschsprachiger ein jüdischer Dichter zu sein.