Das passive Abseits bleibt, der Chip im Ball soll kommen. So hat es das Internationale Board der Fifa am Wochenende in Cardiff entschieden. Eine von Forschern des Fraunhofer-Instituts und Adidas entwickelte Technologie sendet ein Signal an den Schiedsrichter, sobald der Ball samt Chip die Torlinie überquert hat. Was hinter verschlossenen Stadiontüren bereits getestet wurde, soll offiziell bei der U-17 WM im September in Peru für alle kritischen Augen auf kleiner Bühne angewandt werden. "Letztlich ist es unsere Pflicht, diese neue Technologie auszuprobieren", äußerte sich Fifa-Präsident Joseph Blatter in Cardiff zu dem strittigen Thema. Nicht neu ist die Möglichkeit, unklare Situationen abermals verlangsamt unter die Zeitlupe zu nehmen. Warum also nicht endlich einmal die Gelegenheit nutzen, dachte sich wohl das Schiedsrichtergespann beim Spiel Bayer 04 Leverkusen gegen den VfB Stuttgart.

Als Stuttgarts Abwehrspieler Markus Babbel mit aller Kraft versuchte, Leverkusens Berbatov auf dem Weg zum Tor das Trikot vom Leib zu zurren, pfiffen die Zuschauer, Schiedsrichter Franz-Xaver Wack aber nicht. Erst als ein Foul viele Sekunden später die Partie unterbrach, suchte er Rat bei seinem Kollegen an der Seitenlinie, der ihm Babbels Vergehen richtig schilderte. Da er dies aber zuvor nicht durch heftiges Fähnchenschwenken signalisierte, liegt der Verdacht nahe, dass er, während das Spiel weiterlief, heimlich auf die Videoleinwand in der BayArena lugte und danach mutig seinem Chef von dem Fehler berichtete. Kurz darauf musste das Stadion-TV erneut als Beweismedium herhalten. Es ging zwar nur um einen zum Eckball korrigierten Abstoß, doch die Diskussionen um die Einführung eines Videobeweises werden dadurch sicher nicht abebben. Ein derart flüchtiger Blick auf die Video-Wand kann allerdings kaum als gängiges Beweismittel dienen. Hätte der Schiedsrichterassistent genauer hingeschaut, hätte Babbel die rote Karte für eine Notbremse sehen müssen. Und der Elfmeter, der zum Ausgleich für Stuttgart nach Barbatovs Führungstreffer führte, war auch beim Anblick der Fernsehbilder noch so umstritten, dass ein Konsens zu finden langwierig und nur schwer möglich gewesen wäre.

Wasser auf Blatters Mühlen sind derartige Szenen, ist der Schweizer Fifa-Boss doch vehementer Gegner des Videobeweises. Die von Blatter befürwortete Goalline-Technology mit Chip im Ball hätte dagegen auch gerne schon am Samstag im Berliner Olympiastadion zum Tragen kommen können, wäre es nach den Spielern des Hamburger SV gegangen. Trotz zahlreicher Tormöglichkeiten und spielerischer Überlegenheit schafften es zunächst nur Guiseppe Reina, Gilberto und Marcelinho von Hertha BSC Berlin, das noch chiplose Spielgerät über des Gegners Torlinie zu befördern. Vor der Pause gelang dem Hamburger Collin Benjamin nach zahlreichen Gelegenheiten dann doch noch ein Tor, aber Schiedsrichteraugen sehen weniger als elektronische Ortungssysteme, orteten den Ball eher vor der Torlinie als dahinter. Somit musste der HSV weiter auf den Ehrentreffer warten – der kam von Segej Barbarez zehn Minuten vor Schluss, nachdem er zuvor schon einen Elfmeter an den Pfosten schoss. Herthas Gilberto traf aber zwei Minuten darauf abermals, womit die Demütigung vollständig war und für die Hamburger endlich ein Ende hatte. Wie Verlierer verließen die Berliner das Spielfeld, hatten sie doch nach eigenen Aussagen und äußerem Anschein ihr "schlechtestes Spiel der Saison abgeliefert".

Die Meisterschaft bleibt unterdessen weiter spannend. Der FC Bayern München spielte müde und lange nicht so engagiert wie in der Champions League gegen Arsenal. Einziger Lichtblick war der Treffer vom häufig verletzten Sorgenkind Sebastian Deisler, der überraschend von Anfang an spielte und nach seiner Auswechslung Trainer Felix Magath freundlich darauf aufmerksam machte, dass er schon noch gerne länger gespielt hätte. Verfolger FC Schalke 04 quälte sich daheim zu einem 1:0-Sieg gegen Hannover und schloss somit wenigstens nach Punkten wieder zu den Bayern auf. Titelverteidiger SV Werder Bremen hat den internationalen Auftritt der letzten Woche, so deprimierend er auch verlief, von allen deutschen Mannschaften am besten verkraftet und schoss sich beim 4:0 gegen Abstiegskandidat Bochum den Champions League-Frust von der Seele, wobei die Bochumer auch nicht ansatzweise so gefährlich waren wie Olympique Lyon vergangenen Mittwoch in der Königsklasse.