In der bürgerlichen westfranzösischen Stadt Angers hat am Donnerstag der größte Kinderschänder-Prozess der französischen Justizgeschichte begonnen. Er soll vier Monate dauern. 39 Männer und 27 Frauen müssen wegen "organisierter, schwerer gewerbsmäßiger Zuhälterei", "sexuellem Missbrauchs Schutzbefohlener" und als "Serienvergewaltiger" vor dem Geschworenengericht erscheinen. Die 45 Opfer sind ihre eigene Kinder, Jungen und Mädchen. Als das Scheußliche geschah - von Januar 1999 bis Februar 2002 - waren sie zwischen sechs Monaten und zwölf Jahren alt.Aufmerksam wurde die Justiz auf den Fall durch die Anzeige eines jungen Mädchens im Januar 2002. Den Kern des Inzest- und Pädophilie-Geschäftes bilden offenbar drei Ehepaare. Sie sollen ihre Kinder und diejenigen von Nachbarn, Freunden und Bekannten vergewaltigt und an andere Erwachsene verkauft haben. Für einige hundert Francs oder einfach für Nahrungsmittel.So soll Frank V., einer der mutmaßlichen Hauptorganisatoren des Kreises, zugelassen haben, dass seine Tochter mindestens fünfundvierzig Mal missbraucht wurde. Patricia, seine Frau, soll bei diesen Übergriffen anwesend gewesen sein. Nebenbei soll sie die Rechnungen ausgestellt haben. Mit sechs Jahren war sie von ihrem Vater missbraucht worden - der dürfte sich ebenso mit seiner Enkeltochter vergnügt haben. Auch die anderen Hauptangeklagten waren als Kinder vergewaltigt worden.Die Täter stammen aus der untersten sozialen Schicht, in der hohe Kriminalität und Alkoholsucht herrschen. Viele sind Analphabeten oder geistig zurückgeblieben. Außer einer Sozialarbeiterin und einem Journalist leben die Angeklagten fast alle von Sozialhilfe und haben weder Beruf noch Ausbildung. Der Untersuchungsbericht der Polizei bezeichnet sie als eine "Bevölkerungsgruppe mit Mangel auf jeder Ebene". "Wir sind in der vierten Welt" sagt Monika Pasquini, die Anwältin von zwei Angeklagten, "manche der Angeklagten grenzen in ihrer Intelligenz an den Schwachsinn".Vermutlich nahmen jedoch auch "normale" Menschen an den Partys teil. Die Ermittler suchen weiter nach mehreren "Kunden", die nach einer Zeugenaussage mit "Anzug und Krawatte" in der Wohnung von Frank V. kamen. Anderen trugen eine Maske. Ob die Beweise belegen, dass es sich um ein breites und organisiertes Netzwerk handelt, bleibt zweifelhaft. Trotz seiner Dimension scheint das Grauen die Grenze der Familien und naher Bekannter kaum überschritten zu haben. "Wenn Sie das soziale Niveau der Missbraucher betrachten und beobachten, wie die Wohnung aussah, wo die Sexorgien stattfanden, kann man es sich schwer vorstellen", sagte einer der Kinderanwälte.Und die Kinder? "Ein entsetzliches Martyrium" nennt es die Untersuchungsrichterin Virginie Parent. Und Yves Crespin, Anwalt der Kinderhilfsorganisation "L'enfant bleu", spricht von einem "fürchterlichen Albtraum". Die jahrelange brutale Gewalt hat sie "seelisch zerstört", sagten Gerichtspsychiater schon vor Beginn der Verhandlung. Sie hätten jegliches Vertrauen in Erwachsene verloren, könnten kaum mehr essen und zeigten schwerste Verhaltensstörungen. Für den Prozess wurden ihre Aussagen gefilmt. Auf diese Weise will man vermeiden, dass die Kinder abermals ihre Leidensgeschichte erzählen und ihren Täter gegenüberstehen müssen.Wegen der Entsetzlichkeit des Verbrechens wird die Gerichtsverhandlung wahrscheinlich zum Teil unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden. Die Anwälte der Opfer forderten allerdings, die Medien sollten dennoch teilnehmen. Dieser Prozess müsse "einen kollektiven Elektroschock auslösen", sagte Alain Fouquet, einer der Anwälte der Kinder. Das Gericht dürfte der Forderung nach Berichterstattung zustimmen. Den Hauptangeklagten droht lebenslange Haft, den Mitangeklagten zwischen drei und zwanzig Jahren. Das Urteil wird Ende Juni erwartet.