Es ist noch gar nicht so lange her, da waren elektrische und elektronische Geräte entweder an oder aus. Heute stehen in Bedienungsanleitungen Sätze wie dieser: " Ihr DVD-Recorder verfügt über drei Betriebszustände. " Neben Ein und Aus gibt es das Stand-by. Wie die Feuer- und Bundeswehr sind auch Elektrogeräte permanent in Bereitschaft. Dieser dritte Normalzustand breitet sich epidemisch aus auf Fernseher, Elektroherde, Computer, Stereoanlagen – alle stehen Gewehr bei Fuß und warten auf den Einsatzbefehl.

Das bleibt nicht ohne Folgen. Eine zeigt sich auf der Stromrechnung. Denn in Hab-Acht-Stellung verbrauchen die Geräte Strom – nicht viel, dafür aber ständig. Einen durchschnittlichen Haushalt kostet das über 100 Euro im Jahr. Während diese " Stand-by-Verluste " häufig beklagt werden, kommt eine langfristig wesentlich wichtigere Folge der Dauerbereitschaft elektrischer und elektronischer Geräte in Diskussionen kaum vor: Wir verlernen das Abschalten.

Die Fernbedienung wird zum "Zepter der Neuzeit"

Angefangen hat es mit der Erfindung der Fernbedienung für den Fernseher. Das erste Gerät, das die Firma Zenith 1950 unter dem programmatischen Namen lazy bones (faule Knochen) auf den Markt brachte, war noch per Kabel mit der Glotze verbunden. Fünf Jahre später folgte die drahtlose Fernbedienung. Inzwischen gehört sie zur Grundausstattung fast jeder Stereoanlage, jedes Videorecorders und DVD-Players. Selbst Heimcomputer werden immer häufiger damit ausgeliefert. So lassen sich auf der Festplatte gespeicherte Fotos und Filme abrufen, ohne dass man sich vom Sofa erheben müsste. 120 Millionen Fernsteuerungen sollen derzeit in deutschen Haushalten herumliegen. Der ungarische Kulturwissenschaftler József Tillmann spricht vom " Zepter der Neuzeit " . Von der Form her erinnerten die Geräte in ihrer schlanken Version an " Faustkeil und Zauberstab " . Wer die Fernbedienung in der Hand hält, besitzt ein elektronisches Machtinstrument, das " Welten vergehen und wieder auferstehen " lässt.

Allerdings nur dann, wenn das Gerät in Bereitschaft ist. Wurde der Ausschaltknopf benutzt, hat die Fernbedienung ihre Macht verloren. Doch das passiert immer seltener. Nach einer Forsa-Umfrage schalten 74 Prozent der Älteren ihren Fernseher nach Gebrauch komplett aus, bei den 16- bis 29-Jährigen sind es nur noch 47 Prozent. Die nächste Generation wird gar nicht mehr wissen, was ein Ausschaltknopf ist.

Denn seit einigen Jahren kommen zunehmend Geräte auf den Markt, die keinen echten Ausschalter mehr haben. Nur durch Ziehen des Netzsteckers lassen sie sich völlig abschalten. Bei Stereoanlagen, Videorecordern und DVD-Playern ist es schon die Regel. Bei Fernsehgeräten sind vor allem moderne mit Flachbildschirm betroffen, und an Computern ist der Netzschalter meist so gut versteckt, dass ihn niemand mehr findet. " Wir versuchen damit, den Bedürfnissen der Nutzer entgegenzukommen " , behauptet Manfred Breul vom Branchenverband Bitkom. " Es ist doch viel komfortabler, den PC über die Tastatur herunterzufahren und neu zu starten als dafür unter den Schreibtisch zu kriechen. " Wer seinen Computer partout ausschalten wolle, solle dafür lieber eine Steckdosenleiste benutzen. Denn so kann ein einziger Knopfdruck neben dem PC auch gleich sein ganzes Zubehör wie Bildschirm, Lautsprecher, Drucker und Modem abschalten. Wer ein paar Euro mehr investieren will, kann sich eine Steckdosenleiste mit " Master-Slave-Schaltung " zulegen. Die registriert den Betriebszustand des PCs und schaltet all seine " Sklaven " ab, wenn er schlummert. Wird er geweckt, bekommen auch die Peripheriegeräte wieder Saft.

Mit der Abschaffung des Ausschalters kommen die Hersteller nicht nur unserer Bequemlichkeit entgegen. Sie sparen auch Geld. Der Preis des Netzschalters fällt zwar nur mit wenigen Cent ins Gewicht. Ein paar Euro kostet aber ein so genannter Flash-Speicher, der dafür sorgt, dass persönliche Voreinstellungen – also die Zuordnung von Sendern auf Stationstasten, die programmierten Aufnahmezeiten des Videorecorders oder die Wunschsprache beim Abspielen von DVDs – auch ohne Stromversorgung erhalten bleiben. Wird das Gerät nie komplett ausgeschaltet, kann der Flash-Speicher entfallen. Die Daten werden dann im Arbeitsspeicher des Chips verwahrt und mit einem kleinen Akku gegen kurzzeitigen Stromausfall geschützt. Wird das Kabel eines solchen Geräts für ein paar Stunden aus der Steckdose gezogen, muss es hinterher komplett neu programmiert werden. Wer das einmal erlebt hat, der lässt in Zukunft die Finger vom Stecker.