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Als 1984 George Orwells Roman 1984 erneut betrachtet und gefeiert wurde (Orwell hatte diese schwarze Utopie 1949 als Warnung vor totalitären Systemen veröffentlicht), fehlte es nicht an Rückblicken auf Hitler und Stalin, auch nicht an Seitenblicken auf die sozialistischen Staaten, in denen es tatsächlich den von Orwell abschreckend ausgemalten Terror noch gab. Und im Kampf gegen das – von heute aus gesehen harmlose – Volkszählungsgesetz (1983) wurde Orwells Roman warnend zitiert. Aber die tröstliche Grundstimmung war zumeist die, dass wir im Westen aus der Geschichte gelernt hätten und das Reich der Freiheit gegen äußere wie innere Feinde zu verteidigen gewillt und imstande seien.

Heute, rund zwanzig Jahre später, lässt sich feststellen, dass der äußere Feind von damals mehr oder weniger friedlich verschieden ist. Aber der innere lebt noch. Feind ist ein böses Wort, und wir neigen dazu, es für jene Antidemokraten zu reservieren, die unsere Freiheit in Wort und Tat bekämpfen, die Extremisten von links und jetzt vor allem von rechts – und natürlich die Islamisten.

Weniger sichtbar und darum gefährlicher ist ein anderer Freiheitsfeind, nämlich das Bedürfnis nach umfassender Sicherheit: Sicherheit vor terroristischen Anschlägen, Sicherheit vor Mord und Diebstahl, Sicherheit vor Gefahren im Straßenverkehr wie im beruflichen und häuslichen Alltag, Sicherheit vor Not und Elend, Alter und Krankheit. Weil aber wohl niemand gänzlich frei ist von solchen Wünschen, steckt in jedem von uns ein Freiheitsfeind. Sicher ist nur: Freiheit und Sicherheit schließen einander nach aller Erfahrung weitgehend aus.

Warum sollten uns die Ämter nicht überwachen – zu unser aller Wohl?

Es empfiehlt sich wahrscheinlich nicht, über das wachsende Ausmaß der Einschränkungen und Regulierungen nachzudenken, denen wir alle unterworfen sind. Wer es dennoch tut, wird bemerken, dass er keinen Schritt tun, keinen Bissen zu sich nehmen kann, ohne dass nicht der Staat diesen Schritt und diesen Bissen durch eine Unzahl fördernder oder verhindernder Maßnahmen präformiert hätte. Jedes Nahrungsmittel, technische Gerät, Möbel- und Kleidungsstück, jeder Erwerb, Verzehr und Verkehr ist bis ins Detail geregelt. Das betrifft nicht allein die öffentliche Sphäre, es geht bis ins Private. Vom Vergewaltigungsverbot in der Ehe bis zum Prügelverbot in der Familie reicht die schützende Hand des Staates. Er sorgt dafür, dass ich einen lärmenden Diesel fahre (den er mit Steuern weniger belastet), er hält mich dazu an, den Müll zu trennen, das Leergut in den Supermarkt zu fahren, die ausgetrunkenen Alkoholika (die er erzieherisch besteuert) in den Container zu werfen, und wenn ich mir zu Hause eine Pfeife anzünde, fällt mein Blick auf die Tabaksdose und deren Inschrift "Rauchen kann tödlich sein".

Ja, es ist zu meinem Besten, ich verstehe das durchaus, und ich billige den Anleinzwang, die Anschnallpflicht, das Helmgebot und das Nachtbackverbot. Ich begreife, dass ich, um das angespannte Solidarsystem nicht zu belasten, Sorge dafür tragen muss, ein gesundes Leben zu führen. Aber zugleich beschleicht mich das Gefühl, Orwell habe seinerzeit nur sehr grob die Gefahr beschrieben, die aus der permanent fürsorglichen Abwehr von Gefahr zwangsläufig entsteht. Wir müssen die "Gedankenpolizei", die er in 1984 beschrieben hat, gar nicht fürchten, denn wir bilden sie selber.

Es ist nämlich nicht so, dass uns ein starker, mit furchtbaren Mitteln bewehrter Staat gegenüberstände, gegen den wir, wie einst unsere Vorväter, Freiheitsrechte erkämpfen müssten, und sei es mit Blut. Der Staat ist in der Hauptsache die Agentur, die das gesellschaftliche Interesse verwaltet, wobei es mächtige und weniger mächtige Interessen gibt. Was sich etwa darin ausdrückt, dass er die Verteilung von Chancen, Vergünstigungen und Partizipationen nicht wie der Hausvater in der Geschichte vom verlorenen Sohn vornimmt, sondern nach Gehör: Wer am lautesten schreit, kriegt was ab – oder, wie jetzt, weniger abgezogen.

Der Schrei nach Freiheit wurde lange nicht vernommen. "Sehnsucht nach Freiheit", hat Wilhelm von Humboldt gesagt, "entsteht nur zu oft erst aus dem Gefühle des Mangels derselben." Wir haben die Freiheit, und was man hat, schätzt man nicht sonderlich. Genauer gesagt: Wir hatten sie. Denn nun schickt sich der Staat zur lückenlosen Kontrolle und Erfassung an – in unser aller Interesse, das versteht sich. Man konnte sich freuen, dass Mooshammers Mörder mit Hilfe einer DNA-Analyse so rasch gefunden wurde. Was also liegt näher, als uns alle mit den neusten Methoden einer computergestützten Merkmalsspeicherung zu katalogisieren? Was spricht dagegen, die Steuerehrlichkeit durch legal-heimlichen Blick in die Konten zu befördern? Und warum soll man den Telefonverkehr nicht abhören, die öffentlichen Plätze per Kamera nicht überwachen? H onni soit qui mal y pense, sagt hier der Franzose, oder: Wer etwas zu verbergen hat, der trete vor und schweige.

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Ist es nicht merkwürdig, dass gegen all diese erweiterten Befugnisse des Staates kaum ein Aufschrei laut wird? Ein jeder scheint davon überzeugt, sie könnten sich nie gegen ihn selber, den notorisch Unschuldigen, richten, sondern immer nur gegen den Feind nebenan. Woher aber wissen wir, dass der Staat sich gerecht verhält? Aus der Geschichte nicht. Seine Waage der Gerechtigkeit hat sich zumeist vom Gewicht des Aristo, Merito- oder Plutokratischen nach unten ziehen lassen, kurz: von Geld und Gewalt.

Dass der Aufschrei ausbleibt, hat mit Humboldts zitierter Bemerkung zu tun. Man achtet das Seltene. Insofern könnte es sein, dass wir bald wieder die Freiheit achten lernen müssen, wobei uns die historische Erfahrung schrecken sollte, dass einmal verlorene Freiheiten nie von selber zurückkehren. Schon Alexis de Tocqueville hat sich gefragt, "weshalb die demokratischen Völker die Gleichheit beharrlicher und leidenschaftlicher lieben als die Freiheit", und seine Antwort lautet: Weil die Gleichheit als leichter verständlicher, schneller genießbarer Vorteil erscheint, während Freiheit entweder die Entfaltung, die Anspannung der eigenen Kräfte erfordert oder aber den Verzicht auf Wohlstand bedeutet.

Daran aber, bequem geworden in Jahrzehnten wohlfahrtsstaatlicher und nun schwächer gewordener Segnungen, sind wir nicht gewöhnt. "Durch eine zu ausgedehnte Sorgfalt des Staates leidet die Energie des Handelns überhaupt und der moralische Charakter. Wer oft und viel geleitet wird, kommt leicht dahin, den Überrest seiner Selbsttätigkeit gleichsam freiwillig zu opfern. Er glaubt sich der Sorge überhoben, die er in fremden Händen sieht, und genug zu tun, wenn er ihre Leitung erwartet und ihr folgt." Dies schrieb Wilhelm von Humboldt, Bruder des jüngst gerühmten Alexanders, 1851 in seinen Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu bestimmen. Er schließt mit der Forderung: "Der Staat enthalte sich aller Sorgfalt für den positiven Wohlstand der Bürger und gehe keinen Schritt weiter, als zu ihrer Sicherheit gegen sich selber und gegen auswärtige Feinde notwendig ist; und zu keinem anderen Endzweck beschränke er ihre Freiheit."

Der Staat wird zum Sozialingenieur, der Benehmen kontrolliert

Die soziale Frage war Wilhelm von Humboldt keineswegs egal. Er glaubte allerdings, der Staat begehe einen Fehler, wenn er danach trachte, für das Glück der Individuen zu sorgen. Erstens, weil dadurch das tätige Mitgefühl der Bürger füreinander geschwächt werde. Die Gesetze und Einrichtungen des Staates zeichneten gleichsam den Umfang der Moralität ab. "Wie jeder sich selbst auf die sorgende Hilfe des Staates verlässt, so und noch weit mehr übergibt er ihr das Schicksal seines Mitbürgers." Zweitens sei "die Sorgfalt des Staates für das positive Wohl des Bürgers" deshalb schädlich, "weil sie auf eine gemischte Menge gerichtet werden muss und daher den Einzelnen durch Maßregeln schadet, welche auf einen jeden von ihnen nur mit beträchtlichen Fehlern passen". Drittens schließlich führe all das zu immer "neuen Formen, neuen Weitläufigkeiten" staatlichen Wirkens. "Daher nimmt in den meisten Staaten von Jahrzehent zu Jahrzehent das Personale der Staatsdiener und der Umfang der Registraturen zu und die Freiheit der Untertanen ab."

Das ist seitdem die Lage. Warum aber regt sich kein nennenswerter Widerstand? Zunächst vermutlich, weil das Bedürfnis nach Sicherheit generell zunimmt, nicht allein gegen den internationalen Terror, sondern auch gegen eine als wachsende Bedrohung empfundene Binnenkriminalität. Der Hinweis, dass die Daten keinen Anstieg der Verbrechen belegen, hilft nichts. Angst richtet sich nicht nach Statistik.

Das Gefühl der Schutzlosigkeit aber hat zugenommen, weil die Bindekraft der Tradition abgenommen hat. Der gesellschaftliche Verhaltenskodex, vorgegeben durch moralische Konvention und religiöse Überzeugung, regulierte früher relativ verlässlich das Benehmen des Einzelnen. Das war ein Zwang, aber auch ein Schutz, der keiner staatlichen Anordnung bedurfte. Der Modernisierungsschub, der in der 68er-Revolte seinen Ausdruck fand, hat die alten und starren Konventionen hinweggefegt und eine früher undenkbare Freiheit persönlicher Lebensgestaltung ermöglicht.

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Es scheint nun, als ertrügen wir diese Freiheit nicht. Die Gesellschaft tendiert dazu, jene Förmlichkeiten, denen sie sich einst unterworfen und die sie nun hinter sich gelassen hat, auf dem Umweg über gesetzesförmige Regelungen wieder herbeizuzwingen. Es genügt uns nicht, dass Homosexuelle kaum mehr geächtet werden – wir verlangen die staatliche Anerkennung einer privaten Neigung, bis hin zum Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare. Es genügt uns nicht, dass Merkmale der ethnischen Herkunft, des Geschlechts oder des Alters im öffentlichen Comment kaum noch Anlass von Missachtung oder Herabsetzung sind – wir verlangen ein Gesetz (das geplante Antidiskriminierungsgesetz), das die völlige Gleichbehandlung herbeiführt. Die Gesellschaft, die sich früher selber durch ungeschriebene Gesetze kontrolliert hatte, ist in Partialinteressen zerfallen, gibt nunmehr den Kontrollauftrag an den Staat weiter und verlangt geschriebene Gesetze, die unser aller Verhalten regeln sollen.

All dies läuft sozusagen darauf hinaus, dass der Staat, den wir zum Sozialingenieur gemacht haben, mein gutes Benehmen anleitet und kontrolliert. Früher wäre allein ich dafür zuständig gewesen, dass meine Kinder zu geachteten Menschen heranwachsen, und falls nicht, wäre mir die Verachtung der Mitbürger sicher gewesen. Heute hingegen kümmern sich unzählige staatliche Agenturen, vom Sozialamt bis zur Drogenberatung, um die geschwächte Familie, und Verordnungen aller Art schützen und pflegen den raren Nachwuchs: den Gesundheitszustand, den Transport im Auto, die richtige Ausstattung beim Radfahren und die Aufnahme bekömmlicher Nahrung.

John Stuart Mill hat in seiner berühmten Schrift On Liberty (1859) zwischen jenen menschlichen Handlungen unterschieden, die die Interessen anderer berühren, und jenen, die es nicht tun. Sein großes Plädoyer ging dahin, dass ein jeder die Freiheit haben müsse, persönliche Entscheidungen unbehindert durch äußeren Eingriff nach Gusto zu treffen. Schon damals wurde ihm vorgerechnet, dass die Unterscheidung nicht wirklich trennscharf sei. Sie funktioniert in einem Staat, dessen Mitglieder sich allein zu dem Zweck zusammengeschlossen haben, jene Gefahren abzuwenden, die von außen drohen oder aber von seinen Bürgern gegeneinander.

Das war der Gedanke, dem alle freiheitlichen Staatstheoretiker, von John Locke bis zu Montesquieu und den Autoren der Federalist Papers, Ausdruck gegeben haben. In einem Staat hingegen, der sich das Glück, die Wohlfahrt seiner Bürger zum Ziel setzt, ist die Unterscheidung hinfällig, weil er ein System von Interdependenzen erzeugt und pflegt, in dem jede noch so private Handlung das Ganze berührt. So war es in den sozialistischen Staaten, und es scheint, als wären wir nicht weit davon entfernt – mit dem Unterschied freilich, dass dort für die relative Wohlfahrt auch der untersten und schwächsten Mitglieder gesorgt war. Für die nämlich ist Freiheit zumeist eine Schimäre. Nur dem kann sie nützen, der sie zu nutzen weiß. In den Genuss der Meinungsfreiheit zum Beispiel kommt nur, wer eine Meinung hat und sie begründen kann. Das aber heißt: Freiheit ist zuallererst die Freiheit nichtkonformen Verhaltens. Mill nennt es "exzentrisch". Sein Plädoyer für die Freiheit richtet sich sowohl gegen die Tyrannei des Staates als auch gegen die der Gesellschaft, "gegen die Tyrannei des vorherrschenden Meinens und Empfindens", gegen ihre Tendenz, "die Bildung jeder Individualität, die nicht mit ihrem eigenen Kurs harmoniert, zu verhindern." Diese Tyrannei kann nur der empfinden, der Individualität erstrebt.

Wem die eigene Besonderheit lästig ist, der will Privates nicht verbergen

Vielleicht liegt darin ein weiterer Grund für das schwach ausgeprägte Freiheitsbedürfnis in den meisten westlichen Demokratien. Wessen Lebensziel hauptsächlich darin besteht, sich einem idealen Durchschnitt, wie ihn die Konsum- und Kulturindustrie definiert, sorgsam anzunähern, für den ist Freiheit vor allem die des Habens und Teilhabens. Und wem die eigene Besonderheit als ein Quell lästigen, kläglichen Alleinseins erscheint, der neigt nicht dazu, seine Intimität zu schützen, und er sieht kein Problem darin, private Daten in den Kreislauf der Waren und Dienstleistungen einzugeben.

Die neuerdings beliebte Rede von der Eigenverantwortung aber führt doppelt in die Irre. Einerseits verdeckt sie, worum es in der Tat geht: um die Minderung sozialstaatlicher Fürsorge. Andererseits entlässt sie diejenigen, die nun für sich selber sorgen sollen, keineswegs in das Reich schöner Selbstentfaltung. Im nach wie vor unentwirrbaren Dickicht der Verordnungen findet sich der sozial Schwache und gering Gebildete am schlechtesten zurecht. Seine Freiheit gleicht der eines Behinderten, den man von den Fesseln des Rollstuhls befreit.

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Auch das hat Wilhelm von Humboldt schon bemerkt: dass Freiheit und Bildung einander bedingen. Und vielleicht hat beides miteinander zu tun: der Rückgang des individuellen Interesses an Freiheit und der Niedergang der Bildungsinstitutionen, sowohl im öffentlichen Ansehen wie in ihrer Selbstwahrnehmung.

Freiheit und Bildung sind kein unveränderlicher Besitz. Das merken wir jetzt, da sich der Westen aufmacht, die Verheißung der Demokratie in andere Kulturen zu tragen, während zugleich die eigene Demokratie in Gefahr steht, ihre Gründungsidee aus dem Auge zu verlieren: die Freiheit.