Im Mai jährt sich zum 200. Mal der Todestag Friedrich Schillers. Dass sich die deutsche Nation lange vor der Gründung des Deutschen Reiches durch Bismarck 1871 als Kultur- und Bildungsnation definierte, ist ganz wesentlich Schillers Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen zu verdanken. Darin geht es ihm um den Versuch "eines mündig gewordenen Volks, seinen Naturstaat in einen sittlichen umzuformen" (3.Brief): "Der gebildete Mensch macht die Natur zu seinem Freund und ehrt ihre Freiheit, indem er bloß ihre Willkür zügelt." Und gegen die kognitivistische Schlagseite der Bildung: "Ausbildung des Empfindungsvermögens ist also das dringendere Bedürfnis der Zeit" (8.Brief). Schließlich als Resümee im 9. Brief, in dem Schiller nach dem "Werkzeug" aller politischen Verbesserung sucht und dieses in Wissenschaft und Kunst findet: Beide "erfreuen sich einer absoluten Immunität von der Willkür des Menschen. Der politische Gesetzgeber kann ihr Gebiet sperren, aber darin herrschen kann er nicht. Er kann den Wahrheitsfreund ächten, aber die Wahrheit besteht; er kann den Künstler erniedrigen, aber die Kunst kann er nicht verfälschen." Doch wie steht es 200 Jahre nach Schillers Tod um die Bildungs- und Kulturnation Deutschland?

Einige Jahrzehnte lang definierte sich das Land in hohem Maße über seine Leistungen in Bildung und Kultur. Der verspäteten Nation bot die nationale Geschichte nur wenig Identifikationsmöglichkeiten, und zwar schon lange vor der NS-Schreckensherrschaft. Deutschland wurde aber bewundert für seine wissenschaftlichen Leistungen, für seine Universitäten und Gymnasien, für seine Komponisten, Schriftsteller und Künstler.

Schon der Erste Weltkrieg war eine Zäsur. Der Glanz einer Bildungs- und Kulturnation verblasste. Die Kämpfe um und innerhalb der Weimarer Demokratie banden allzu viel Energie, um an die besten Zeiten vor dem Ersten Weltkrieg unter den veränderten Vorzeichen einer demokratischen Ordnung anzuknüpfen. Die nationalsozialistische Bildungs- und Kulturpolitik entfesselte alle im Kleinbürgertum besonders tief verwurzelten antimodernen und antiaufklärerischen Reflexe. Das Werk der Kulturdestruktion begleitete die größte humane Katastrophe des Völkermordes an den Juden, der Millionen Kriegstoten, der Vertreibung und Verfolgung. Der Exodus der jüdischen und kritischen Intelligenz und die Verstrickung der verbliebenen kulturellen Eliten mit dem Naziregime haben nach dem Zweiten Weltkrieg ein geistiges Vakuum hinterlassen, das nur mühsam durch restaurative Rückbesinnung auf überkommene Familienideale, das Wiedererstarken der Kirchen als politische und geistige Kräfte, aber vor allem durch den ökonomischen Erfolg und den Stolz auf das deutsche "Wirtschaftswunder" gefüllt wurde.

Was kommt nach dem deutschen "Wirtschaftswunder"?

Die Identifikation mit der harten D-Mark ist nun dahin, und die Tatsache, dass der Euro schon wenige Jahre nach seiner Einführung von ähnlicher Härte ist, bietet angesichts europäischer und speziell deutscher Verzagtheiten keinen Ersatz. Die ökonomische Performance, um es im Jargon unserer Wirtschaftseliten auszudrücken, lässt zu wünschen übrig, und der Sozialstaat musste in einer Phase wirtschaftlicher Schwäche so kräftig umgebaut werden, dass auch dieses Erfolgsprodukt der jüngsten deutschen Geschichte nur noch wenig Halt bietet.

Die tiefgreifendste Verunsicherung der deutschen Gesellschaft ging aber vermutlich von den Pisa-Ergebnissen aus. Bis dahin hatte man angenommen, die deutschen Gymnasien und Universitäten gehörten zu den besten der Welt. Man wusste wohl von Schwierigkeiten, schon deswegen, weil ein Gutteil der Schüler nur schlecht Deutsch sprach. Aber dass auch die besten zehn Prozent der Schüler in Deutschland deutlich schlechter abschneiden als in vielen anderen Industrieländern, das hatten die wenigsten erwartet. Es war ein schwacher Trost, dass Pisa Ansatzpunkte bot, alte Scharmützel wieder aufzugreifen, etwa zwischen Gesamtschulbefürwortern und ihren Gegnern oder zwischen den Befürwortern einer leistungsbezogenen Selektion und denjenigen, die möglichst alle mitnehmen wollen. Merkwürdig deplatziert wirken diese Debatten aus zwei Gründen: Zum einen, weil die Ergebnisse deutlich machten, dass die Bildungspolitik in all ihren bundesdeutschen Varianten ein schlechtes Zeugnis erhalten hatte. Auch die besseren Bundesländer haben im internationalen Vergleich eben nur schwach abgeschnitten. In den südlichen Bundesländern ist der Bildungserfolg sogar in noch höherem Maße von der sozialen Herkunft abhängig. Vor allem aber geht die Debatte um die Organisationsform und die Strukturen des Bildungswesens an der Problematik offenkundig vorbei. Analysen der führenden Länder zeigen, dass es vor allem der Unterrichtsstil, das höhere Maß an Kooperation innerhalb der Schulgemeinschaft und die Problemorientierung (anstelle bloßer Wissensorientierung) sind, die für die besseren Ergebnisse verantwortlich sind. Hinzu kommen ein bildungsfreundliches kulturelles Umfeld und der feste politische Wille, in die Zukunft der Kinder und Jugendlichen zu investieren.

Der Pisa-Befund zeigt vor allem eines: Die Wandlung Deutschlands von der Bildungs- und Kulturnation zu einem politischen Zwerg, der sich fast ausschließlich über ökonomische Leistungen definierte, bleibt nicht ohne Folgen: Das Fundament dieses ökonomischen Erfolges, die Kenntnisse und Fähigkeiten, die Tugenden und Einstellungen, die diesen Erfolg erst langfristig sichern, erodiert.

Es gab bislang keinen Pisa-Test für die Kultur. Allerdings ist zu vermuten, dass Deutschland bei einem fairen internationalen Vergleich im Gegensatz zur Bildung auf einem der vordersten Plätze rangierte, vermutlich nach Österreich und nach Frankreich, aber weit vor Großbritannien, Italien, Spanien – von den USA oder Australien ganz zu schweigen. Bei einem solchen Test würde die Weltöffentlichkeit staunend feststellen, dass die Hälfte aller Theater- und Opernbühnen der Welt in den drei deutschsprachigen Ländern steht.